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Eine Oase der Stille mitten in Berlin

Georg Schubert von der Communität Don Camillo im Stadtkloster Segen in Berlin-Prenzlauer Berg, das jüngst zehnten Geburtstag feierte.
Georg Schubert von der Communität Don Camillo im Stadtkloster Segen in Berlin-Prenzlauer Berg, das jüngst zehnten Geburtstag feierte. FOTO: dpa
Berlin. Für gestresste Hauptstädter und ihre Besucher gibt es in Berlin Rückzugsorte auf Zeit. Seit zehn Jahren bietet das Stadtkloster Segen eine Chance für dieses großstädtische Wellness-Angebot der besonderen Art. Auch Kurse zur Stressbewältigung werden angeboten. Esteban Engel /

Von außen erinnert das Gebäude an eine Backsteinburg, im Inneren öffnet sich eine Oase der Stille: In Berlin-Prenzlauer Berg führt der Weg über einen Innenhof in die Segenskirche - und danach in einen üppigen Garten. Vor genau zehn Jahren ließen sich hier an der Schönhauser Allee Mitglieder der Schweizer "Communität Don Camillo" nieder. "Wir sind der Einladung des damaligen Pfarrers gefolgt, der eine neue Nutzung für die Kirche suchte", sagt Georg Schubert vom Stadtkloster Segen. Vor Kurzem feierte das Stadtkloster öffentlich zehnten Geburtstag.

Ob Konfirmanden, Bundeswehrsoldaten oder Pfarrer - seit der Öffnung im August 2007 haben viele Menschen hier den Rückzug auf Zeit geprobt. Viele kommen tagsüber, suchen das Gespräch oder einfach nur die Stille. Als Wellness-Angebot, mit dem zuweilen andere Rückzugsorte für sich werben, sieht sich das Stadtkloster mit seinen acht Gästezimmern nicht. Der Ort solle einen Platz bieten für die Auseinandersetzung der Menschen mit sich selbst und ihrem Glauben, sagt Schubert (61). "Manche sind für einige Wochen hier, helfen mit beim Bauen oder im Haus." Zum Programm gehören Kurse zur Stressbewältigung oder zum "geistlichen Begleiten".

Der frühere Lehrer für Geschichte und Deutsch machte sich 2007 mit seiner Familie und einer anderen Familie aus seiner Glaubensgemeinschaft von Montmirail im Kanton Neuenburg (Neuchâtel) auf den Weg nach Berlin. Aus der Ruhe des Schweizer Juras in den Berliner Großstadttrubel - die Leute von "Don Camillo" wollten ihren Glauben in der Metropole leben, aber auch mit konkreten Angeboten eine Rolle in der Gemeinde spielen.

Schubert hat sich den schweizerdeutschen Zungenschlag bewahrt. Er klingt weich, wenn er spricht, vielleicht zu weich in einer herben Stadt wie Berlin, in der er sich mit seiner Frau allmählich eingelebt hat. "Die Amplituden sind hier größer", beschreibt Schubert die Ausschläge des Berliner Gemütspegels.

"Hier passieren mir Dinge, die in der Schweiz undenkbar sind - im Guten wie im nicht so Guten." Unlängst habe er seine Frau beim Kleiderkauf begleitet. "Da haben die anderen Kunden bei der Auswahl mitgeholfen - in der Schweiz undenkbar." Ebenso unwahrscheinlich wäre unter Eidgenossen, auf der Rolltreppe angeschnauzt zu werden, "einfach so", sagt Schubert. Auch das gehöre zu Berlin. Vermutlich hat die Gelassenheit auch etwas mit der Romanfigur des Don Camillo zu tun, nach dem sich - ganz ökumenisch - die 1977 gegründete evangelische Familiengemeinschaft benannt hat. Der listige italienische Pfarrer legt sich im Klassiker von Giovanni Guareschi immer wieder mit Peppone an - um sich im Kampf um den rechten Glauben am Ende doch noch mit dem kommunistischen Bürgermeister zu versöhnen. Mit dieser Offenheit zum Gespräch sind die Menschen aus Montmirail auch nach Berlin gekommen. Für einen symbolischen Euro erwarben sie die 1908 eröffnete Segenskirche und die dazugehörigen Wohnungen von der Kirchengemeinde "Prenzlauer Berg Nord". Um die Renovierung musste sich das Stadtkloster fortan selber kümmern. Die Einkünfte stammen je zur Hälfte aus Spenden und den Übernachtungen. Das Stadtkloster ist offiziell als "Werk der Kirche" anerkannt, die evangelische Landeskirche steuert einen kleinen Teil dazu.

So entstanden in den vergangenen Jahren unter anderem eine neue Küche und eine Kapelle, wo auch regelmäßig Besucher zur Meditation zusammenkommen. Unter anderem steht noch die Sanierung des Turms an, von dem jeden Tag dreimal die Glocken läuten - nicht immer zum Gefallen der Nachbarn.

Zum Thema:
Jeden Tag um 12 Uhr lädt die Klostergemeinde zum Mittagsgebet ein. Die Stunde sei ein Fixpunkt im Tagesablauf. Manchmal fänden nur eine Handvoll Menschen in der Kirche zusammen. Doch egal, sagt Georg Schubert. "Wichtig ist, dass wir einfach nur da sind."