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Ein Weltenbummler als Schnupfmacher

René Rosinski testet in seiner Tabakmanufaktur den Geruch getrockneter und gemahlener Tabakblätter.
René Rosinski testet in seiner Tabakmanufaktur den Geruch getrockneter und gemahlener Tabakblätter. FOTO: dpa
Frankfurt (Oder). Schnupftabak gilt als Genuss aus Großvaters Zeiten. Doch inzwischen erlebt das traditionsreiche "Schnupfen" eine Renaissance. Jeanette Bederke

"Tabakmanufaktur" steht am Ladenschild von René Rosinski in Frankfurt (Oder). Wer nun vermutet, der 49-Jährige rolle oder drehe Zigarren, der irrt. Der studierte Theologe und Soziologe ist "Schnupfmacher", wie es fachlich korrekt heißt. Er fertigt als einziger ostdeutscher Hersteller seit zwei Jahren in Handarbeit Schnupftabak, insgesamt 18 Sorten unterschiedlichster Aromen - von frischer Minze über Früchte bis hin zu Malz oder Schokolade.

"Traditionell beheimatet ist der Schnupftabak eigentlich in Süddeutschland. Dort sitzen auch die zwei namhaften deutschen Firmen", erzählt der Schnupfmacher. Zudem gebe es noch vereinzelte Ein-Mann-Manufakturen wie seine. Kaum bekannt sei, dass es auch im Oderbruch bis hin nach Ostpreußen vor dem Zweiten Weltkrieg eine Schnupftabaktradition gab. An diese will Rosinski auch anhand alter Vorkriegsrezepturen anknüpfen. "Die Hugenotten brachten nach der Trockenlegung des Landstrichs als Siedler den Tabak an die Oder. Er ist etwas herber, nicht so süßlich wie die süddeutschen Sorten", erzählt er. In der Region habe es viele kleine Tabakmanufakturen gegeben. Inzwischen aber haben die meisten Tabakbauern in Ostbrandenburg längst das Handtuch geworfen.

Rosinski bezieht das Rohprodukt aus Polen, baut auf dem Feld seines Bruders nahe Gorzow sogar selbst an. "Meine Spezialität ist der leichte, grüne Tabak. Den hat sonst kein anderer Schnupfmacher", sagt der gebürtige Sachse. Wie er es schafft, dass die Tabakblätter grün bleiben, ist sein Firmengeheimnis. Rosinski, der halbtags noch als Sozialarbeiter in Frankfurt (Oder) tätig ist, zeigt sich optimistisch, bald von seinem Geschäft leben zu können - obwohl er in seiner kleinen Werkstatt kaum Publikumsverkehr hat, sondern seinen Tabak über das Internet vertreibt.

"Das Schnupfen ist gerade bei jungen Leuten stark im Kommen", sagt der 49-Jährige, der selbst vor zehn Jahren Schnupftabak probierte, um vom Rauchen wegzukommen - mit Erfolg. "Zigaretten werden immer teurer, Rauchen darfst du nur im Freien, und außerdem ist das Schnupfen anregend und weniger gesundheitsschädlich, weil keine giftigen Verbrennungsprodukte wie Teer oder Benzol entstehen."

Das Schnupfen von Tabak sei tatsächlich nicht so gesundheitsschädlich wie das Rauchen, bestätigt der Frankfurter Amtsarzt Oliver Fahron. "Nikotin aber bleibt ein Gift, was süchtig macht. Im Tabak wurden zudem Nitrosamine entdeckt, die ebenfalls krebserregend sind", erläutert der Mediziner. Dennoch sei das Schnupfen das "kleinere Übel" gegenüber beispielsweise Alkohol oder E-Zigaretten und verhindere zudem das Passivrauchen.

Berührungspunkte zum Schnupftabak hat Rosinski gleich mehrere: Sein Vater ist ein gebürtiger Kaschube. Das westslawische Volk lebt im polnischen Pommern, der Konsum von Schnupftabak ist dort quasi Volkssport und Nationalheiligtum mit langer Tradition. "Katholische Priester dort haben zudem in alten deutschen Kirchenbüchern Schnupftabak-Rezepte gefunden", erzählt er.

Außerdem war Rosinski, der fließend polnisch spricht, jahrelang für eine polnische Firma in Südamerika unterwegs. "Tabak kennt man dort seit 3000 Jahren. Das Schnupfen ist in den Dörfern dort noch heute sehr verbreitet", erzählt der frühere Weltenbummler, der letztlich vor vier Jahren genug hatte vom Herumreisen und sich aufgrund der Grenznähe in Frankfurt (Oder) niederließ.

Sein Schnupflöffelchen trägt der allein lebende 49-Jährige immer griffbereit um den Hals. Mit einem tiefen Nasenatmer saugt er den fein gemahlenen Tabak ein, über die Nasenschleimhaut entfaltet sich dann das Aroma. "Manche Sorten sind sehr flüchtig, andere haben eine längere Wirkung." Geschnupft wird auf vielfältige Art und Weise. Manche Schnupfer füllen sich etwas Tabak in das Handgrübchen unterhalb des Daumens oder schütten ihn sich direkt auf den Handrücken.

Entscheidend für die Ausprägung des Aromas sei die Gärzeit in hermetisch verschlossenen Behältern - zwischen drei und sechs Monaten, so der Experte. Der gemahlene Tabak wird dafür mit natürlichen Zutaten wie Kräutern, Honig, Obst- oder Gemüsesäften vermischt und vergoren.

Zum Thema:
Schnupftabak ist ungefähr seit dem 17. Jahrhundert in Europa bekannt. Es handelt sich um eine fein gemahlene Mischung aus einer oder mehreren Sorten von Tabak, die durch Einsaugen in die Nase konsumiert wird. Das Nikotin entfaltet seine Wirkung über die vorderen Nasenschleimhäute. Mittel- und südamerikanische Kulturen verwendeten Schnupftabak lange vor den Europäern. Das "Schnupfen" gilt als die traditionsreichste Form des Tabakgenusses. Im Jahr 1677 wurde im spanischen Sevilla die weltweit erste Schnupftabakmanufaktur gegründet - die königliche Tabakfabrik.