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| 18:21 Uhr

Planenschlitzer
Ein Schnitt, ein Blick, dann kommt das Abräum-Kommando

 Die leergeräumte Ladefläche eines Lkw an der A14. Die Planenschlitzer haben wieder zugeschlagen.
Die leergeräumte Ladefläche eines Lkw an der A14. Die Planenschlitzer haben wieder zugeschlagen. FOTO: picture alliance / dpa / Polizei
Cottbus. Planenschlitzer sind zu einer Plage auf deutschen Autobahnrastplätzen geworden. Woche für Woche schlagen sie zu und klauen Waren mit Millionenwert. Dabei gehen sie schnell und professionell zu Werke. Von Bodo Baumert

Sie kommen in der Nacht. Wenn Lkw-Fahrer auf den Rastplätzen an deutschen Autobahnen halten, um sich zur Ruhe zu legen, beginnt die Zeit der Planenschlitzer. Während der Fahrer vorne schläft, werfen sie hinten heimlich einen Blick auf die Ladung. Ist sie wertvoll, werden die Kumpels alarmiert. Die kommen dann mit einem Transporter angefahren, laden schnell so viel um, wie sie tragen können, und verschwinden wieder.

Ein Schnitt in der Plane eines Lkw, mehr brauchen die Täter nicht, um auszuspähen, ob sich ein Beutezug lohnt.
Ein Schnitt in der Plane eines Lkw, mehr brauchen die Täter nicht, um auszuspähen, ob sich ein Beutezug lohnt. FOTO: picture alliance / Zentralbild/P / Zentralbild

„Geklaut wird eigentlich alles, was sich gut weiterverkaufen lässt. So sind schon ganz Lkw-Ladungen mit Fahrrädern entwendet worden, Kfz-Ersatzteile, Reifen oder aber Heimelektronik und Haushaltgeräte“, berichtet Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen. Was sich ohne größeren Aufwand umladen lasse, sei auch als potentielles Diebesgut zu betrachten. „Letztlich eine Frage der Logistik auf der Täterseite, welche ja auch darauf achten muss, flexibel und schnell zu bleiben“, so Bernhardt.

Die Masche ist nicht neu. Die Diebe werden aber immer dreister und schlagen immer häufiger zu. Allein in Sachsen hat es im ersten Quartal diesen Jahres 200 Fälle gegeben. Das sind fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Auch in der Lausitz hat es entsprechende Wellen von Vorfällen gegeben. Ein Auszug aus den Polizeimeldungen im Januar:

23. Januar: An der A13 haben die Planenschlitzer in der Nacht ihr Unwesen auf dem Rastplatz Am Kahlberg getrieben. Sie entwenden aus einem Lkw rund 30 Autoreifen im Wert von 5000 Euro. Der Fahrer des Lkw hat die Diebe bemerkt und die Polizei gerufen. Da waren die Diebe aber schon weg. An der A10 haben sie ebenfalls zugeschlagen, bleiben aber ohne Beute.

Wenn die Lkw am Abend auf den Rastplätzen abgestellt werden, beginnt die Zeit der Diebe. „Schwerpunkte sind die Rastplätze und Autohöfe in den Nahbereichen der Autobahnen“, sagt Tom Bernhardt vom LKA in Sachsen.
Wenn die Lkw am Abend auf den Rastplätzen abgestellt werden, beginnt die Zeit der Diebe. „Schwerpunkte sind die Rastplätze und Autohöfe in den Nahbereichen der Autobahnen“, sagt Tom Bernhardt vom LKA in Sachsen. FOTO: picture alliance / Ralf Hirschbe / Ralf Hirschberger

24. Januar: An der A 10 schlagen sie auf dem Rasthof Am Fichtenplan zu. Die Unbekannten entwenden von der Ladefläche eines Lkw 56 hochwertige Fernsehgeräte. Schaden: rund 110 000 Euro. Spuren der Täter: Fehlanzeige.

31. Januar: A13, die Parkplätze Elsteraue und Ruhlander Heide. Info der Polizei am Morgen darauf: „Bei zahlreichen Lkw wurden gegen Mitternacht die Planen geschlitzt, nach ersten Erkenntnissen konnten die Diebe nichts entwenden. Jedoch entstanden dadurch Sachschäden in Höhe von rund 1200 Euro.“

Weitere Fälle folgten. Der jüngste datiert auf Anfang Juni. „Gleich drei Anzeigen von Lkw-Fahrern wurden am Mittwochmorgen bei der Polizei erstattet, da sie auf dem Rasthof Freienhufener Eck Opfer von Planenschlitzern wurden. In allen drei Fällen wurden die Abdeckungen der Sattelauflieger aufgeschnitten, allerdings nichts gestohlen“, so die Info der Polizei.

Neuester Trick: Die Diebe versuchen offenbar, Lkw-Fahrer gezielt auszuschalten, um in Ruhe die Ladung abräumen zu können. Das LKA in Sachsen-Anhalt berichtet von mehreren Fällen, in denen Fahrer erst am Morgen mit Übelkeit und Kopfschmerzen erwacht sind. Sie äußerten den Verdacht, in ihre Fahrerkabinen sei nachts Gas eingeleitet worden, um sie handlungsunfähig zu machen. In Sachsen und Brandenburg sind solche Fälle bisher nicht beobachtet worden.

Warnung des Polizeipräsidiums  Brandenburg auf einem Rastplatz an der A10.
Warnung des Polizeipräsidiums Brandenburg auf einem Rastplatz an der A10. FOTO: picture alliance / Patrick Pleul / Patrick Pleul

Dass es in den vergangenen Wochen ruhiger geworden ist, überrascht die Ermittler nicht. „Im Sommer gibt es immer weniger Fälle als in der dunklen Jahreszeit. Wir gehen davon aus, dass die kurze Dunkelphase hier der Grund ist, da für die Aufklärung bis zum eigentlichen Ladungsdiebstahl und Abtransport ein wesentlich kürzeres Zeitfenster zur Verfügung steht“, sagt Tom Bernhardt.

Die Ermittler haben auf den erneuten Anstieg der Fallzahlen reagiert. Seit dem 1. März gibt es beim LKA Sachsen eine eigens eingerichtete Koordinierungsstelle „Plane“. „Dort werden präventive und repressive polizeiliche Maßnahmen für das Phänomen Planenschlitzen koordiniert“, erläutert Tom Bernhardt. Auch beim LKA Brandenburg wurde die Ermittlungsgruppe „Plane“ eingerichtet.

Ab heute gehen die Ermittler noch einen Schritt weiter. Die Landeskriminalämter haben sich zusammengeschlossen und eine zentrale Koordinierungsstelle in Sachsen-Anhalt geschaffen. Denn die Diebe sind keine Einzeltäter, sie sind Teil eines kriminellen Netzwerks, Teil der Organisierten Kriminalität. „Nach unserer Erkenntnis handelt es sich bundesweit immer um dieselben Gruppen. 90 Prozent der Täter bei uns kommen aus Polen“, erklärt Guido Sünnemann, Abteilungsleiter im LKA in Magdeburg und Leiter des neuen Projektes. Neben Sachsen-Anhalt sind das Bundeskriminalamt und die Polizeibehörden von Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen beteiligt. Europol stellt Geld aus dem Fonds zur Zerstörung krimineller Netzwerke zur Verfügung. Auch andere Länder wollen sich beteiligen.

Mit den Ermittlern in Polen soll die Gruppe „Cargo“ eng zusammenarbeiten. Zunächst muss es aber darum gehen, die Fälle deutschlandweit einheitlich zu erfassen. Denn längst nicht jeder Fall wird angezeigt. Wenn nichts gestohlen wird, sind die Fahrer meist angehalten, weiterzufahren. Eine Anzeige bei der Polizei kostet zu viel Zeit.

Der durch den Diebstahl von Ladung aus Lkw verursachte direkte Schaden wird vom deutschen Versicherungsgewerbe auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Hinzu kommen Kosten durch Schäden an den Lkw, durch Dieselklau und durch Liefer- und Produktionsausfälle, die der Branchenverband Transported Asset Protection Association allein für Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro schätzt.