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Ein pädophiles Netzwerk?

Die wegen Kindesmissbrauch angeklagten Harald W. und Jens B. vor Verhandlungsbeginn neben ihrer Anwältin im Kriminalgericht Moabit.
Die wegen Kindesmissbrauch angeklagten Harald W. und Jens B. vor Verhandlungsbeginn neben ihrer Anwältin im Kriminalgericht Moabit. FOTO: dpa
Berlin. Jahrelang sollen die Täter Jungen mit Geld gelockt, missbraucht und Freier vermittelt haben. Gestern begann der Prozess in Berlin. dpa/uf

Die Angeklagten verbergen ihr Gesicht hinter einer silberglänzenden Mappe vor den Kameras: Die 51 und 53 Jahre alten Männer sollen zum Kern eines pädophilen Netzwerkes gehört haben, das sieben Jahre lang in Berlin aktiv gewesen sei.

Ihre mutmaßlichen Komplizen, 78 und 80 Jahre alt, sind zu krank für einen Prozess. Um mehr als 400 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern geht es seit Freitag vor dem Berliner Landgericht. Doch die mutmaßlichen Täter sind nicht in Untersuchungshaft.

Es sind 13 Jungen, die in der Anklage als Geschädigte genannt werden, sechs Jahre alt das jüngste Opfer. "Die Jungen stammten aus wirtschaftlich prekären und dissozialen familiären Verhältnissen." Die Angeklagten hätten das gezielt ausgenutzt, "indem sie den Jungen Geld für den Geschlechtsverkehr gaben", heißt es in der Anklage. Mal habe es dafür 15 Euro gegeben, mal 20 oder 50 Euro. Im Netzwerk seien Kinder an Freier weitergereicht worden. Mutmaßliche Taten in der Zeit von Juli 2002 bis Ende 2009 sind in der Anklage aufgelistet.

Die beiden Männer sitzen still neben ihren Verteidigern. Der 51-Jährige gilt als Hauptangeklagter. 376 Fälle werden ihm zur Last gelegt. Damals soll er ein Bauunternehmer gewesen sein, der mit seiner Mutter in einem Einfamilienhaus mit Sauna im Landkreis Oberhavel lebte. "Marco" und "Markus" seien seine Aliasnamen im mutmaßlichen Netzwerk gewesen. In einem grünen Kleinbus habe er junge Opfer abgeholt, sich an ihnen vergangen, sie zu anderen Pädophilen gebracht. Im April 2015 wurde "Marco" verhaftet. Nach acht Wochen wurde er gegen Auflagen von einer weiteren Untersuchungshaft verschont. Flucht- oder Verdunklungsgefahr wurde nicht befürchtet.

Für den 53-Jährigen ist es nicht neu, als Angeklagter im Gerichtssaal zu sitzen. Der ehemalige Polizist war 45 Jahre alt, als er wegen sexuellen Missbrauchs zu dreieinhalb Jahren verurteilt wurde. Über mehrere Jahre hatte er sich an drei Opfern vergangen. In 25 Fällen wurde er verurteilt. Seine Anwältin sagt: "Er hat vollständig verbüßt und eine Therapie gemacht." Nun werden ihm 46 Taten zur Last gelegt.

Das Verfahren kam zunächst bei der Justiz ins Stocken. Bereits im Juli 2011 seien die Ermittlungsakten an die Staatsanwaltschaft gegangen, aber bis Herbst 2014 nicht bearbeitet worden, heißt es im Antrag einer Verteidigerin. Warum das Verfahren sich derart in die Länge zog - am ersten Verhandlungstag gibt es dazu keine klärende Antwort.

Sieben der mutmaßlichen Opfer nehmen als Nebenkläger am Prozess teil. Sie hoffen auf Aussagen der Angeklagten - "weil es wichtig ist, dass die Geschädigten nicht noch einmal intensiv befragt werden", sagt ein Nebenklage-Anwalt. Am 7. Februar wird der Prozess fortgesetzt.