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| 02:43 Uhr

Ein Leben als Zuchthauspfarrer

Eingang zum Zuchthaus Cottbus
Eingang zum Zuchthaus Cottbus FOTO: Wolfgang Reppin (LR-COS-REM-140)
Cottbus. Der katholische Pfarrer Bernhard Walter ist mehr als 30 Jahre Pfarrer im Zuchthaus Cottbus gewesen. 1999 ging er in den Ruhestand. Seitdem hat er nicht viel über diese Zeit gesprochen. Bis jetzt. Der RUNDSCHAU hat der 79-Jährige Einblick in seine Tagebücher gewährt. Darin steht er, der Gefängnisalltag zu DDR-Zeiten. Festgehalten in nüchternen, kurzen Aussagesätzen. Alexander Dinger / ald

Es ist Ostern 1977. Der Strafgefangene Dieter K. weiß noch nicht, dass seine Mutter gestorben ist. Der katholische Pfarrer Bernhard Walter sitzt im Dienstzimmer von Oberleutnant H. Es ist 9.30 Uhr. Wie immer, wenn Pfarrer Walter in die Strafvollzugseinrichtung (StVE) Cottbus kommt. Diesmal ist er nicht nur da, um Gottesdienst zu halten, sondern auch, um Dieter K. die Nachricht zu überbringen. Eine halbe Stunde sitzt er nun schon im Zimmer von Oberleutnant H. Die Diensthabenden beraten, ob die Nachricht vom Tod der Mutter vom Pfarrer überbracht werden darf. Auf Ereignisse, die aus dem Protokoll fallen, sind die Offiziere nicht vorbereitet. "Das war oft so, wenn etwas Außergewöhnliches passierte", sagt Pfarrer Walter.

Als K. schließlich die Mitteilung erhält, kommt es zum Tumult. Der Gefangene beschimpft die Wärter als "Russen" und "Kommunisten". Nur mühsam kann der Pfarrer den Gefangenen beruhigen. Was aus ihm geworden ist, weiß er nicht. "Sie haben mir nur sehr wenig erzählt", sagt er.

Wenn Bernhard Walter von damals spricht, redet er langsam. Ab und zu huscht ihm dabei ein Lächeln über das Gesicht. Er wählt die Worte behutsam aus. Er wägt sie ab. "Ich habe eigentlich nicht viel zu erzählen", sagt er in solchen Momenten. Der 79-Jährige leitete von 1969 bis 1999 den Gottesdienst im Zentralgefängnis Cottbus. Zu DDR-Zeiten saßen in dem Cottbuser Zuchthaus vor allem politische Häftlinge, darunter viele Republikflüchtige. Bernhard Walter ist es während der Gottesdienste nicht erlaubt, mit den Gefangenen zu sprechen. Augenkontakt ist das, was bleibt. Namen und Persönliches erfährt er nicht. Nur Gründe für die Inhaftierungen - Gerüchte, die ihm zugetragen werden. Die Erinnerungen daran hält er damals in knappen Notizen fest.

Gefängnisseelsorge ist eine ganz spezielle Form der Seelsorge. "Eine geschlossene Anstalt ist eine Welt für sich", sagt Bernhard Walter. Heute lebt er in Forst, hat sich zur Ruhe gesetzt. Nur noch gelegentlich hält er Gottesdienste in der Herz-Jesu Kirche.

"Für den Dienst an den Gefangenen habe ich mich nicht beworben, nicht einmal gesehnt. Aber im Laufe der Jahre wuchs ich in die Aufgabe hinein und tat es dann auch gern", sagt er. Bis 1969 war der Prälat Bruno Broß der offizielle Seelsorger in der Strafvollzugseinrichtung Cottbus. In diesem Jahr ging Broß in den Ruhestand und zog nach Görlitz.

Am Feste Peter und Paul 1969 ist wieder Gottesdienst in der StVE. Katholiken erinnern bei diesem Fest an den Todestag der Apostel und Kirchenväter Simon Petrus und Paulus von Tars. Weil niemand erreichbar ist, will der Bischof, dass Walter den Gottesdienst übernimmt. In dessen Aufzeichnungen ist der erste Tag in der StVE mit einem nüchternen Satz vermerkt: "Mit dieser Haltung, ja Unsicherheit erschien ich an der Schleuse und erklärte: Ich komme zum Gottesdienst. Kommen Sie jetzt immer? (fragte der Wärter, d. Red.) Ja!"

In der Haftanstalt tragen alle Einheitskleidung - blaue Uniformen mit gelben Streifen auf den Hosenbeinen und dem Rücken. Der Pfarrer wird immer von einem Offizier begleitet. Da er mit den Gefangenen nicht sprechen darf, baut er den Bußritus zu einer Art Gewissenserforschung aus und erteilt die Generalabsolution.

Bei der Heiligen Messe ist meistens auch ein Offizier dabei. Am Feste Peter und Paul ist die Lesung der Apostelgeschichte vorgesehen, wie Petrus aus dem Gefängnis von einem Engel befreit wird. Pfarrer Walter lässt die Geschichte von einem Gefangenen vorlesen. "Nie habe ich diese Lesung so gehört wie an diesem Tag", steht als Vermerk in seinem Tagebuch. Auf die Frage des diensthabenden Offiziers, warum er diese Geschichte ausgewählt hat, fällt die Antwort knapp aus: "Es war dran."

Einer, der damals die katholischen Gottesdienste besucht, ist Werner Molik. Eineinhalb Jahre, von 1977 bis 1979, ist der Thüringer im Cottbuser Zuchthaus inhaftiert, bis er 1979 freigekauft wird. Obwohl gläubig, habe er eigentlich immer eine kritische Distanz zum Katholizismus gehabt, sagt Molik. Im Knast sei der Gottesdienst jedoch sein einziger Kontakt zur Außenwelt gewesen. "Ein Stückchen Alltag", wie er sagt.

Nach seiner Ausreise mit Frau und Kind arbeitet Molik in Düsseldorf als Banker. Heute ist der promovierte Finanzwissenschaftler Inhaber eines Hotels auf Usedom. "Durch die Zeit im Gefängnis ist bei mir aber eine gewisse Lebensunsicherheit geblieben", sagt er. Sein Verbrechen damals: zu viele Westkontakte und eine kritische Haltung zum DDR-System. Weil Molik sich unter anderem nicht von seinen Westkontakten distanzieren wollte und er einen Ausreiseantrag stellte, erhielt er Berufsverbot und wanderte schließlich in den Bau. "Wenn mir Leute erzählen, dass solches Unrecht nie wieder passieren kann, dann bin ich skeptisch", sagt er. Weil er auch damals skeptisch war, landet er in einer Zelle - 44 Quadratmeter, 28 Mann, Betten bis unter die Zimmerdecke.

Seit einem Schlaganfall sind die Bewegungen von Pfarrer Walter etwas langsamer geworden. Die Augen allerdings - sie sind wachsam geblieben. Wenn er erzählt und Blickkontakt zum Fragenden sucht, ist es wahrscheinlich wie damals, als ein Zwinkern, ein Augenaufschlag für die Inhaftierten sehr viel bedeuten konnten. Dass er jetzt über früher redet, hat auch damit zu tun, dass das Gefängnis heute eine Gedenkstätte ist. Viele Leute kommen und wollen wissen, was da passiert ist. Kurz vor Weihnachten hat Pfarrer Walter bei einer Veranstaltung erstmals öffentlich über die Gottesdienste im Zuchthaus gesprochen. Mehr als 70 Leute waren zur Veranstaltung in die Gedenkstätte gekommen. "Mich hat es überrascht, dass das doch so viele interessiert", sagt er dann - und lächelt. Auch Werner Molik hat den Kontakt zu ihm gesucht. Er hat sich bedankt für das bisschen Normalität, das der Pfarrer damals in das Zuchthaus brachte.

Für Bernhard Walter ist das auch eine der schwierigsten Fragen: Was denkt er über seine Zeit als Zuchthauspfarrer? "Dem Wort Gottes ist es egal, wo es verkündet wird", sagt er dann. Und er zeigt seine Aufzeichnungen. Darin steht es dann, das Gefühl der Ohnmacht, dem auch ein Pfarrer nicht immer entwischen kann.

Der 13. März 1983 ist so ein Tag. 19 Mann sitzen im Raum und lauschen der Predigt. Wegen großen Andrangs diesmal im Speisesaal der Anstalt. Als Walter den Oberleutnant mit Schnauzbart beim Hinausgehen fragt, wer denn Dienst hat, antwortet der nur mit Dienstgrad. Namen seien nicht wichtig. Beim Weg, vorbei an den Zellen, rufen die Gefangenen: "Pfarrer, wir werden hier zu Unrecht festgehalten. Wir fordern Freiheit für alle politischen Gefangenen."

Zum Thema:
Das Cottbuser Zentralgefängnis wird nach dreijähriger Bauzeit am 1. April 1860 fertiggestellt. Von 1933 bis zum Jahr 1937 dient der Bau als Jugendgefängnis, von 1939 bis 1945 als Frauenzuchthaus. Zu DDR-Zeiten sitzen im Cottbuser Zuchthaus vor allem politische Häftlinge ein. Die Haftbedingungen waren laut Augenzeugen katastrophal, die Anstalt hoffnungslos überfüllt. Auch nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes wird der Strafvollzug in dem Gebäudekomplex weitergeführt. Alles, was an die unmenschlichen DDR-Haftbedingungen erinnert, wird entfernt. Im Jahr 2002 wird das Gefängnis geschlossen und die neue Justizvollzugsanstalt (JVA) im Cottbuser Stadtteil Dissenchen eröffnet. ald