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Ein Film klärt auf über DDR-Tabu

Der ehemalige Häftling im sowjetischen Speziallager, Reinhard Wolff im Gespräch mit Martha Rubenstahl (l.) vom Georg-Mendenheim-Oberstufenzentrum und Regisseurin Loretta Walz.
Der ehemalige Häftling im sowjetischen Speziallager, Reinhard Wolff im Gespräch mit Martha Rubenstahl (l.) vom Georg-Mendenheim-Oberstufenzentrum und Regisseurin Loretta Walz. FOTO: dpa
Oranienburg. Brandenburger Schüler wollen mit ihrem Projekt Aufklärungsarbeit über die sowjetischen Speziallager im besetzten Deutschland leisten. Klaus Peters

"Erst mal bin ich froh, dass ich hier gesund und munter sitze und mit Euch arbeiten kann", sagt der 87-jährige Brandenburger Reinhard Wolff am Montag zur Begrüßung der Schüler. "Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die noch leben oder in der Lage sind, über ihre Zeit in den sowjetischen Speziallagern zu berichten."

Wolff dreht seit dem vergangenen Herbst mit 18 Oranienburger Oberstufenschülern einen Dokumentarfilm über seine knapp dreijährige Haft im Speziallager Sachsenhausen. Als 16-Jähriger war er in seinem Heimatdorf bei Altlandsberg östlich von Berlin kurz nach Kriegsende als angeblicher "Werwolf" verhaftet worden.

In dem ehemaligen Konzentrationslager hatte das sowjetische Militär knapp 60 000 NS-Funktionäre, SS-Angehörige und auch Tausende willkürlich Verhaftete eingesperrt. Rund 12 000 von ihnen starben an Hunger und Krankheiten. Damit wollte die Militärverwaltung auch Widerstand im besetzten Deutschland unterbinden. "Mich interessiert das, weil das direkt hier bei uns geschah", sagt die 17-jährige Martha Rubenstahl zu ihrer Motivation, an dem Film mitzuarbeiten. "Es ist kaum vorstellbar, dass dies hier mitten in der Stadt geschah - und keiner hat was gesagt oder will auch nur was gewusst haben."

Die Schülergruppe hatte bei den Vorarbeiten zum Film Verwandte und Bekannte zu ihrem Wissen über das Speziallager befragt. "Das Ergebnis war wenig bis nichts", berichtet Projektteilnehmerin Constanza Filler. Ihre Mitschülerin Martha hat zwar Verständnis dafür, dass sich nur wenige offen aufgelehnt haben. "Da musste man ja mit schlimmen Konsequenzen rechnen", sagt sie. "Aber zu sagen, ,Ich wusste das nicht', das finde ich schon zum Teil frech!"

Die Speziallager waren zu DDR-Zeiten ein Tabu-Thema, auch Wolff konnte erst nach der Wende offen darüber sprechen. Seitdem engagiert er sich als Zeitzeuge, insbesondere bei der Arbeit mit Schülern. Das Tabu aus DDR-Zeiten wirke aber bis heute fort, meint Geschichtslehrer Uwe Graf. Denn an den Schulen werde dieses Thema zu wenig beachtet. "Ich habe bei manchen Kollegen den Eindruck, dass diese Lager aus ihrer Geschichte her keinen Stellenwert haben", sagt der Geschichtslehrer.

Die Schüler haben auf dem Gelände der Gedenkstätte gedreht und sind mit Wolff auch in die Haftzelle gegangen, in die er mit anderen Gefangenen eingesperrt wurde, nachdem er Essen gestohlen hatte. Hinzu kommen Interviews mit Experten. Der Film soll nach seiner Uraufführung am 16. September zum 72. Jahrestag der Errichtung des Speziallagers bei der Arbeit der Gedenkstätte eingesetzt werden.

Der Kontakt zu Schülern hat in Sachsenhausen oberste Priorität. "Im vergangenen Jahr hatten wir knapp 3000 Führungen mit rund 69 000 Teilnehmern, hinzu kamen fast 300 Projekttage", sagt der Sprecher der Stiftung Gedenkstätten, Horst Seferens. Etwa 80 Prozent seien Schüler, davon ein Drittel aus dem Ausland. "Das Interesse ist groß - aber ebenso groß ist auch das Nichtwissen", sagt er.

Bei dieser Arbeit gehe es nicht nur darum, die Erinnerung an die Verbrechen in den Lagern und das historische Wissen auch bei der mittlerweile Urenkel-Generation aufrecht zu erhalten, betont Seferens. Es gebe für die Schüler auch Bezugspunkte zur eigenen Geschichte.

"Zum Beispiel die Frage: Wie gehe ich mit Flüchtlingen um?" Viele der KZ-Insassen etwa hätten nicht aus Deutschland fliehen können oder seien nach den Eroberungen der Wehrmacht dorthin gebracht worden. Daher gehe es auch um die Verantwortung jedes Staatsbürgers.