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| 15:00 Uhr

Brandenburg
Dorfkümmerin hält Fäden zusammen

Dorfkümmerin Deniz Oz (r) bespricht mit Christa Löchel (l.) und Marianne Schimmelpfennig das aktuelle Monatsprogramm. Im Ort werden vielfältige Veranstaltungsformate bis zu einem gemeinsamen Bürgerfrühstück angeboten.
Dorfkümmerin Deniz Oz (r) bespricht mit Christa Löchel (l.) und Marianne Schimmelpfennig das aktuelle Monatsprogramm. Im Ort werden vielfältige Veranstaltungsformate bis zu einem gemeinsamen Bürgerfrühstück angeboten. FOTO: ZB / Bernd Settnik
Heiligengrabe. Sie hat Leben in die Bude gebracht, heißt es fast überall im Ort. Die quirlige junge Frau trägt den etwas altmodischen Titel „Dorfkümmerin“. Und sie kümmert sich. Doch worum eigentlich?

Marianne Schimmelpfennig (78) und Christa Löchel (79) kommen fast ins Schwärmen. „Unsere Dorfkümmerin Frau Oz ist ein Segen für den Ort“, sagen beide. Wie es ohne sie in Blumenthal im nördlichen Zipfel Brandenburgs wäre, daran wollen die beiden Damen gar nicht denken. „Es wäre ruhiger und nicht mehr so abwechslungsreich“, sagt Schimmelpfennig. Deniz Oz (36) ist bundesweit die einzige Dorfkümmerin, die über ein Bundesprogramm ihre Arbeit erledigt.

Im Rahmen des Modellvorhabens zur ländlichen Entwicklung hatte das Bundesagrarministerium das Projekt in Blumenthal – Ortsteil von Heiligengrabe – als förderfähig eingeschätzt. Es geht vor allem darum, den Bürgern eine Ansprechpartnerin zu bieten und aus dem Dorfgemeinschaftshaus einen Treffpunkt zu machen. „Dies ist bislang sehr erfolgreich durchgeführt worden“, sagt eine Sprecherin des Ministeriums. Für 2017 und 2018 stehen 55 Millionen Euro für bundesweite Projekte bereit.

In Regionen, wo die Jungen wegziehen und nur die Alten bleiben, sind Ideen und Vorhaben gefragt, die diese Entwicklung aufhalten. Es gibt Ehrenamtliche, die sich um das Leben in ihren Orten kümmern. Sie organisieren nicht nur Veranstaltungen, sondern setzen sich auch dafür ein, dass die Gemeinschaft gestärkt wird. Ziel ist: Weggezogene wieder nach Hause zu bringen, Daheimgebliebene sollen gar nicht auf die Idee kommen, ihren Ort zu verlassen.

In Sachsen gibt es beispielsweise 2500 bis 3000 Projekte, um das Leben in Dörfern wieder attraktiv zu machen. So herrscht in Erlau (Mittelsachsen) seit gut einem Jahr wieder Leben im Bahnhof, der nun ein Bürgertreff mit Arztpraxis und Tagespflegeeinrichtung ist.

In Arnsdorf (Bautzen) ist die alte Pfarrscheune nun Domizil für Gläubige, aber auch für die Dorfgemeinschaft. In Sachsen-Anhalt bieten Wohnungsunternehmen Nachbarschaftshilfen für Mieter an, so in Halle oder Leuna.

In Brandenburg leben derzeit 640 000 Menschen, die über 65 Jahre alt sind, 2040 werden es über 802 000 sein. Die Zahl der Brandenburger wird zudem bis 2030 um rund zehn Prozent auf etwa 2,2 Millionen zurückgehen.

Die Berlinerin Oz wollte schon länger aufs Land, suchte nach neuer Heimat und neuem Job. „Dann wurde in Blumenthal eine ,Dorfkümmerin’ gesucht“, sagt sie. Oz hat lange in der Gastronomie und in Freizeitprojekten gearbeitet, organisiert gern und findet schnell Kontakt. Seit Herbst 2017 ist sie offiziell „Dorfkümmerin“, wohnt auch in der Nähe von Blumenthal.

Das Bürgerhaus mit schmucker Fassade und rotem Ziegeldach, entstanden nach der Wende, ist jetzt wieder ein Treffpunkt.

Oz entwirft den Flyer mit monatlichen Veranstaltungen, der im Briefkasten der Bewohner landet. Sie organisiert Lesungen, Vorträge, Spielenachmittage oder Krabbelrunden für die Jüngsten. Auch der Blumenthaler Kulturverein bietet Veranstaltungen.

Die beiden Seniorinnen schwärmen vor allem für das von Oz ins Leben gerufene monatliche Bürgerfrühstück. „Wir setzen uns an den gedeckten Tisch. Das haben wir nicht so oft“, sagt Löchel. Frühstücken könne sie zwar auch zu Hause.

„Aber hier können wir uns ungezwungen unterhalten und erfahren fast alle Neuigkeiten“, sagt die Seniorin. Ein gutes Dutzend ältere Blumenthaler seien dabei. Wenn ein junges Gesicht dazukomme, freuten sich alle. Ohne den Frühstückstreff hätten sie einander vielleicht nicht kennengelernt.

Die Nachrichtenbörse über das Bürgerhaus funktioniert: Holger Kippenhahn (Linke), Bürgermeister der Gemeinde Heiligengrabe, erfährt schnell, wenn eine Straße nicht eben ist. Die darüber immer rumpelnden Lastwagen bringen eine Bewohnerin nachts um den Schlaf.

Früher gab es in Blumenthal Apotheker, Fleischer und Schuster. „Mit der Wende ist es hier leer geworden“, sagt Kippenhahn. Arbeitsplätze fielen weg, Menschen zogen woanders hin, dann verschwanden Handel und Dienstleistungen. Ein Supermarkt blieb glücklicherweise erhalten, dazu ein Friseur und die „Oase der Erfrischung“, die Mittagessen und Frühstück anbietet. Unternehmen haben sich wieder angesiedelt. Das lockte neue Bewohner in die Region.

„Man sieht keine verfallenen Häuser, alles schick hergerichtet“, sagt Ortsvorsteherin Bettina Teiche (parteilos). Auch Schule und Kita blieben erhalten. „Das ist für viele auch ein Grund, hierher zu ziehen“, sagt sie. Interessenten wollten Häuser kaufen und eine kleinbäuerliche Landwirtschaft aufbauen. Derzeit gebe es nur drei leerstehende Gebäude in dem 680 Einwohner zählenden Ort.

Dorfkümmerin Oz ist zwar eine Zugezogene, das spürt sie aber nicht. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt sie. Anfangs kannte sie niemanden, jetzt weiß sie, wer helfen kann und welche Wünsche die Blumenthaler haben. Sie hat viele Pläne: Fahrgemeinschaften für Ältere ohne eigenes Auto zum Einkaufen oder in die nächste Stadt.

„Mobilität ist ein sehr wichtiges Thema auf dem Lande“, sagt sie. Auch müssten die Generationen noch mehr zusammengebracht werden: Kürzlich kochten Schüler für die Alten. Es gab Pancake und Suppe, schildert Seniorin Löchel.

Oz freut sich, wenn sie für neue Dinge begeistern kann. So möchte die 79-jährige Löchel unbedingt mal in die Schnupperstunde für Nordic Walking. „Mal sehen, ob das was für mich ist“, sagt sie.

Im September entscheiden die Stadtverordneten von Heiligengrabe, ob sie das auf ein Jahr angelegte Bundesprojekt weiterführen und die Stelle von Deniz Oz bezahlen. Bürgermeister Kippenhahn: „Viele setzen sich dafür ein, weil es so erfolgreich war.“

(dpa)