ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 20:13 Uhr

Vor den Landtagswahlen
Netzlücken frustrieren Unternehmer

 Die Mitarbeiter der Verbraucherzentrale betonen: Passagiere im Land Brandenburg bräuchten die Sicherheit, im Zug ohne Unterbrechungen mobil zu telefonieren.
Die Mitarbeiter der Verbraucherzentrale betonen: Passagiere im Land Brandenburg bräuchten die Sicherheit, im Zug ohne Unterbrechungen mobil zu telefonieren. FOTO: dpa / Hauke-Christian Dittrich
Cottbus. Interessensgruppen verschiedener Berufe haben sich mit der Digitalstrategie des Landes Brandenburg befasst. In ihren Stellungnahmen äußern sie sich kritisch. Der nächsten Landesregierung können die Ratschläge als Wegweiser dienen. Von Rene Wappler

Ohne eigene Internetpräsenz kann ein Unternehmer gleich wieder einpacken. Das haben die Firmenchefs im Land Brandenburg verstanden, wie der Digitalfachmann der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus sagt. „Deshalb halten wir die Qualifikation von Führungskräften auf diesem Gebiet auch für so wichtig“, sagt Lothar Probst. „Dafür sind allerdings auch Beratungsangebote notwendig, die sie ohne bürokratischen Aufwand in Anspruch nehmen können.“

Eine Umfrage der IHK vom Ende des Jahres 2018 führte zum Ergebnis, dass sich fast 60 Prozent der Unternehmer im Land Brandenburg einen schnelleren Internetzugang wünschen. Das schlägt sich auch in der Stellungnahme der Industrie- und Handelskammern aus Cottbus, Ostbrandenburg und Potsdam zur Digitalstrategie des Landes nieder. „Der schleppende Breitbandausbau und die zahlreichen bestehenden Lücken im Mobilfunk frustrieren die Unternehmen und hemmen die wirtschaftliche Entwicklung“, kritisieren die Vertreter der Kammern in ihrem Schreiben. Sie fordern, das Hochleistungsinternet ambitionierter als bisher flächendeckend auszubauen. „Besonders die Wirtschaft im ländlichen Raum muss die Möglichkeit haben, die digitalen Chancen zu nutzen.“

Auch andere Interessengruppen reagieren zwiespältig auf die Digitalstrategie des Landes Brandenburg. Die Mitglieder des Brandenburgischen Pädagogenverbandes beziehen sich auf die geforderte Kompetenz im Umgang mit moderner Technik. So erwähne die Strategie nicht, dass dafür „Lernzeit, finanzielle und sächliche Mittel und entsprechend ausgebildetes Personal“ nötig sei. Zudem müsse die digitale Technik uneingeschränkt funktionieren, wenn Lehrer sie im Unterricht nutzen. „Jeder Serverausfall, jedes Nichtfunktionieren von Internetanschlüssen, jedes plötzliche Update“ sei eine „Verschwendung von Lehrerarbeitszeit und Unterrichtszeit und damit nicht hinnehmbar“, gibt der Pädagogenverband in seiner Stellungnahme zu bedenken. Alle Schulen bräuchten zunächst einen leistungsfähigen Internetzugang und ein WLAN-Netzwerk, das in allen Klassenräumen und Fluren funktioniert.

Problem der Internetkriminalität

Für die Mitarbeiter der Verbraucherzentrale des Landes Brandenburg bleiben ebenfalls Fragen offen. Sie fordern, die Polizei und die Justiz „im Feld der Internetkriminalität substanziell aufzurüsten“. Die Strukturen von Entgelt und Besoldung müssten angepasst werden, damit die Behörden trotz der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt Digitalfachleute für sich gewinnen können. Die Verbraucherzentrale erwähnt in ihrer Stellungnahme außerdem den Schienenverkehr. Für die Passagiere sei es sinnvoll, WLAN zu ermöglichen. Allerdings bräuchten sie auch die Sicherheit, im Zug ohne Unterbrechungen mobil zu telefonieren. „Das alles darf nicht warten, bis langlaufende Verkehrsverträge erneuert werden“, warnt die Verbraucherzentrale.

Immerhin kämpft sich das Land Brandenburg bei der Digitalisierung im bundesweiten Vergleich inzwischen auf den vierten Platz vor. Das hat zumindest der Verband der Internetwirtschaft anhand eines eigenen Kriterienkatalogs ermittelt. Den ersten Rang nimmt demnach Hessen ein, gefolgt von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Als ein Argument für das gute Abschneiden des Landes Brandenburg nennen die Fachleute vom Verband den Breitbandausbau. Sie heben die Mühe hervor, ihn auch „in strukturschwachen Regionen“ zu etablieren. Darüber hinaus biete das Bundesland im deutschlandweiten Vergleich die besten Lernangebote für alle Altersgruppen beim Informatikunterricht. Die Studie des Verbandes der Internetwirtschaft erwähnt ebenso positiv, dass Brandenburg ein eigenes Landesprogramm für Existenzgründer aufgelegt hat, von dem vor allem Start-Up-Firmen profitieren sollen.

Junge Unternehmer trafen sich in dieser Woche in Cottbus mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Der Gründer der Firma Edrom, German Linz, gab zu bedenken: „Brandenburg braucht mehr Mut und höhere Investments, um nachhaltig innovative Unternehmen anzusiedeln.“ Unter dem Namen Edrom entwickeln drei Absolventen der Brandenburgischen Technischen Universität mobile Stromerzeuger. Sie sehen den Ausstieg aus der Kohlewirtschaft nach eigenen Angaben vor allem als eine Chance, neue Ideen in die Tat umzusetzen.

Chance für ländliche Regionen

Die Landesregierung wies wiederum in einem Bericht vom Juli darauf hin, dass die Digitalisierung „die räumlichen Muster zwischen Stadt und Land auch in Brandenburg deutlich verändern“ werde. So bestehe die Möglichkeit, die Erwerbsarbeit stärker auf individuelle Bedürfnisse abzustimmen. Dabei könnten gerade ländliche Regionen mit Hilfe der Verbindung „von gutem Leben und guter Arbeit“ an Attraktivität gewinnen. Dazu müsse die digitale Infrastruktur allerdings ausgebaut werden.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 widmet sich dem „digitalen Wandel in der Arbeitswelt“. Sie entstand im Auftrag des Ministeriums für Soziales in Potsdam und der Wirtschaftsförderung Land Brandenburg. Als Basis diente eine repräsentative Umfrage bei Unternehmern. Ein Fazit lautet: Angesichts der Digitalisierung werde in Brandenburg nicht die Arbeit ausgehen. Vielmehr würden neue Stellen den möglichen Beschäftigungsabbau durch technische Rationalisierungseffekte kompensieren. Einem Gesamtverlust an Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2025 in Höhe von 27 700 Beschäftigungsverhältnissen werde ein Zugewinn an Arbeitsplätzen für insgesamt 25 700 Personen gegenüberstehen.

Auf diesem Weg wünschen sich die Industrie- und Handelskammern jedoch konkrete Hilfe für den Dienstleistungssektor, zu dem Handel, Gastgewerbe und Verkehr zählen. Lothar Probst von der IHK in Cottbus gibt zu bedenken: „Diesem Sektor gehören zwei von drei Firmen im Land Brandenburg an.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Das Versprechen der Brandenburger Parteien

Das Versprechen der sächsichen Parteien