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| 12:30 Uhr

Diesel-Debatte
Warum Diesel-Fahrer in der Lausitz nicht zittern müssen

Bisher steht keine Stadt in Brandenburg und Sachsen auf einer der möglichen Liste künftiger Dieselfahrverbote. Aber was würde ein Diesel-Fahrverbot für Lausitzer Pendler bedeuten? Die RUNDSCHAU hat mit zwei Fachleuten darüber gesprochen. Von Jenny Theiler

Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. Februar 2018, wurde ein Verkehrsverbot für Diesel-Kraftfahrzeuge für zulässig erklärt. Mit diesem Beschluss soll die Einhaltung der Stickstoffdioxid-Grenzwerte in deutschen Großstädten gesichert werden.

Bisher hat noch keine brandenburgische Stadt die festgelegten Schadstoff-Grenzwerte überschritten. Dennoch lebt insbesondere die Lausitz von einer regen Pendler-Kultur. Wer viel fährt und vorwiegend auf Landstraßen unterwegs ist, kauft sich ein Diesel-Fahrzeug, um möglichst viel Geld zu sparen – das wird seit Jahren so gehandhabt und bisher auch nicht in Frage gestellt. Doch eben jene Sparkultur wird Vielfahrern bald auf die Füße fallen, weiß auch Udo Becker von der technischen Universität Dresden.

Der Verkehrswissenschaftler hat einen Lehrstuhl für Verkehrsökologie und weiß, dass die aktuelle Diesel-Debatte bereits vor Jahrzehnten hätte vermieden werden können. „Alle Beteiligten wissen seit mehr als 20 Jahren, dass bei der Typprüfung der Pkw getrickst und geschummelt – eigentlich betrogen – wird, egal ob Benziner oder Diesel“, so der Universitätsprofessor. Hinzu käme, dass die Auto-Industrie in der Vergangenheit nie zuerste die Umwelt im Sinn hatte. Beim Enwickeln immer besserer, schnellerer und modernerer Autos stand nicht der zu vermeidende Schadstoff-Ausstoß im Fokos, sondern Dinge wie Ausstattung, Sicherheit und natürlich die PS-Zahlen.

Dem stimmt auch Kfz-Ingenieur Rico Nattke aus Cottbus zu. „Nicht nur Pkw sind für die Umwelt eine Belastung. Der Co2-Ausstoß im Schiffsverkehr richtet viel mehr Schaden an, als der gewöhnliche Stadtverkehr“, so der Kfz-Ingenieur. Der Umwelt wäre außerdem nicht geholfen, wenn man plötzlich alle Dieselfahrzeuge verbieten würde und auf Benziner umsteigen müsste. Denn auch ein Benziner würde, wie alle Verbrennungsmotoren, Schadstoffe ausstoßen, die auf lange Sicht für Mensch und Umwelt schädlich seien.

Schuld sei allerdings nicht nur die Autoindustrie, sondern auch der Käufer selbst, meint Udo Becker: „Wozu brauchen wir einen zwei bis drei Tonnen schweren Suv mit 400 PS, um eine einzelnen Person jeden Morgen zur Arbeit zu bringen“. Das Bilden von Fahrgemeinschaften bleibe demnach auch nur eine gut gemeinte Illusion, denn das ökologische Bewusstsein, dass jetzt so stark propagiert werde, habe vor Jahrzehnten auch nur die Wenigsten interessiert. „Ich kenne keinen Autobseitzer, der beim Autokauf auf den Pkw mit der besten Schadstoff-Klasse bestanden hätte“, erklärt Rico Nattke. Den Händlern würde der Kfz-Ingenieur allerdings weniger Schuld geben, denn die Verkäufer hätten, wie auch Mechaniker und Ingenieure, auf die Zahlen der Autokonzerne vertraut und die Daten dann lediglich an die Kunden weitergegeben.

Den drastischen Wertverlust aktueller Dieselfahrzeuge, können der Verkehrswissenschaftler und der Kfz-Ingenieur allerdings bestätigen. Udo Becker räumt aber auch ein, dass dies nicht in jedem Teil des Landes so sein muss. „Wer so mutig ist, heute einen Diesel-Pkw zu kaufen, wird den wahrscheinlich in Brandenburgs Dörfern immer fahren können“, erklärt Udo Becker. Es sei allerdings nur eine Frage der Zeit, bis das Diesel-Fahrverbot auch Städte wie Potsdam, Cottbus und Frankfurt/ Oder erreichen wird, wodurch Pendler trotzdem nachhaltig beeinträchtigt werden können. „Früher oder später wird es nicht mehr möglich sein mit einem Diesel in größere Städte einzufahren“, räumt der Universitätsprofessor ein. An ein künftiges Dieselfahrverbot in Brandenburg glaubt Rico Nattke allerdings nicht. „Wir haben in Brandenburg keine Industriemetropolen und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich in den nächsten Jahrzehnten in der Lausitz ein derart dichtes Verkehrsaufkommen entwickeln wird wie in Berlin oder Düsseldorf“, meint der Kfz-Ingenieur.

Ob der Kauf eines Diesel-Fahrzeugs in der heutigen Zeit klug wäre sei dennoch fraglich. „Wenn man einen Diesel kauft, um ihn vielleicht nach fünf Jahren weiter zu verkaufen, wird man höchstwahrscheinlich auch in Brandenburg keinen Erfolg mehr damit haben“, erklärt Rico Nattke. „Vielleicht finden sich mit viel Glück und etwas Rabatt Abnehmer in Osteuropa“, so Udo Becker.