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Die Zeit läuft – THW-Jugend fit für den Ernstfall

„Mist“ , murmelt der 14-jährige Stefan, während ihm die Schweißperlen von der Stirn rollen. Der Junge hockt hinter einem blauen Lkw des Technischen Hilfswerkes (THW) und versucht verzweifelt, einen Schlauch auf das Ventil an dem Transporter zu stecken. Lautstarkes Zischen verrät, dass die Verbindung noch immer nicht steht. Hinter dem Cottbuser trampeln Stefans Team-Kollegen mit grimmigen Gesichtern von einem Fuß auf den anderen. Denn die Zeit läuft. Von Jeanette Bederke


Dabei sitzt der THW-Jugend nicht ein Großeinsatz im Nacken, sondern ein Übungswettkampf gegen zehn andere Teams aus Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Während des ersten gemeinsamen Jugendlagers am Frankfurter Helenesee ermitteln sie die beste Mannschaft, die die drei Bundesländer im nächsten Jahr bei den Deutschen Meisterschaften vertreten darf. Sechs Stationen gilt es an diesem heißen Sommertag möglichst flink und fehlerfrei zu absolvieren. Eine Aufgabe ist das Aufpumpen sogenannter Hebekissen mittels Lkw-Druckluft. „Im Ernstfall werden damit große Lasten wie Trümmerteile oder auch Verletzte transportiert“ , erklärt der Frankfurter Wettkampfleiter Rolf Wichmann. Gleiches gilt seinen Angaben nach für den Dreibock, eine Konstruktion aus Holzbohlen und Seilen. „Wenn der nicht richtig gebunden ist, fällt der bei Belastung in sich zusammen“ , macht Wichmann die Qualitätsansprüche deutlich.
Ein zügiges Meistern aller Wettkampfaufgaben haben sich die Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren wohl nicht nur aus lauter Ehrgeiz auf die Fahnen geschrieben. Schließlich hantieren sie in voller Montur auf dem brütend heißen Parkplatz. Helm, Blaumann, Stiefel und Wetterjacke machen das Tüfteln nicht gerade einfacher, während nur einige Hundert Meter weiter der malerische Helenesee zum Baden lockt. Und die Aufgaben sind allesamt äußerst knifflig. Nur mit guter Ausbildung ist der THW-Helfer beispielsweise in der Lage, eine Schmutzwasserkreiselpumpe aufzubauen und zum Laufen zu bringen, merkt der Laie schnell.
„Das ist ja gerade das Schöne beim THW“ , meint Stefan. „Du arbeitest im Team und lernst viel dazu.“ Dass man Verletzten erste Hilfe leisten muss, könne einem ja auch im täglichen Leben jederzeit passieren, fügt sein Freund Martin hinzu. Die Kreiselpumpe, so erklären beide, werde zur Reinigung von Rohren, zum Auspumpen vollgelaufener Keller sowie zum Feuerlöschen verwendet.
„Sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ , nennt Jugendbetreuer Sebastian Nuck die THW-Nachwuchsorganisation. Der junge Cottbuser hat selbst klein angefangen, von einem Einsatz beim Hochwasser geträumt. Der blieb ihm 1997 an der Oder noch verwehrt, doch im vergangenen Jahr war er an der Elbe in Perleberg dabei. „Jeder sollte so eine Extremsituation mal mitmachen“ , erzählt er mit leuchtenden Augen, erinnert sich gern an das Heranholen von Faschinen zur Deichsicherung und vor allem an dramatische Augenblicke. Die Jugendlichen haben mit 17 Jahren Gelegenheit, sich zu beweisen. Dann wird der seit Jahren ausgebildete Nachwuchs echter THW-Helfer.
Aufgrund von Sebastians Erfahrungen sind die Cottbuser beim Sandsack-Befüllen und Aufstapeln augenscheinlich besonders schnell. Besonders Stefan freut sich über die nun wieder aufgeholte Zeit. „Wir haben für alle Stationen Experten bestimmt. Die wissen genau was zu tun ist“ , erklärt der Junge. Wer gerade nicht beschäftigt ist, tüftelt an einem Wissenstest, der parallel zu den praktischen Übungen zu absolvieren ist. Da sollte man schon durchsehen, an welchem Fluss beispielsweise Magdeburg liegt. Heimlich beobachten die Wettkämpfer auch die anderen Teams, können eine gewisse Schadenfreude nicht verbergen, wenn bei der Konkurrenz der Dreibock zusammenkracht oder die Wasserpumpe nur gurgelnde Geräusche von sich gibt.
Am Ende hat die Mannschaft Quedlinburg II die Nase vorn, die Cottbuser werden immerhin Dritte. Unter den vier Brandenburger Teams sind sie die Besten.