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| 20:07 Uhr

Längere Nächte begünstigen Diebstahl aus Lkw
Die Saison der Planenschlitzer beginnt wieder

Prävention gegen Planungsschlitzer: Ein Zettel des Polizeipräsidiums des Landes Brandenburg mit der Aufschrift „Achtung Kraftfahrer - Ladungsdiebstahl - Täter schlitzen Planen auf und entwenden Ladung“ hängt auf einem Rastplatz an der Autobahn A10 nahe Rüdersdorf.
Prävention gegen Planungsschlitzer: Ein Zettel des Polizeipräsidiums des Landes Brandenburg mit der Aufschrift „Achtung Kraftfahrer - Ladungsdiebstahl - Täter schlitzen Planen auf und entwenden Ladung“ hängt auf einem Rastplatz an der Autobahn A10 nahe Rüdersdorf. FOTO: picture alliance / Patrick Pleul / Patrick Pleul
Cottbus/Magdeburg. Die Nächte werden länger – und die Planenschlitzer treten wieder auf den Plan. In den kommenden Wochen erwartet die Polizei eine erneute Welle der Diebesbanden, die es auf Lkw-Ladungen abgesehen haben. Von Bodo Baumert

Von Bodo Baumert

Planenschlitzer – so nennt die Polizei die Tätergruppen, die sich nachts auf Autobahn-Rastplätzen herumtreiben und versuchen, Ladung von geparkten Lastern zu klauen. Das Kriminalitätsphänomen ist seit Jahren bekannt, wird aber immer mehr zur Landplage. Im ersten Quartal dieses Jahres hat allein das Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen schon 200 Fälle von Planenschlitzern registriert. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr waren es 220. Ähnlich sieht die Lage in Brandenburg aus.

Nach der ruhigen Sommerpause, in der die Banden aufgrund der späten Dämmerung ihre Raubzüge weitgehend einstellen, geht es nun wieder los. An der A14 bei Meißen haben Planenschlitzer vor Kurzem zehn Fernseher von einem Lastwagen gestohlen. In der gleichen Nacht wurde ein ähnlicher Fall, ebenfalls von der A14, allerdings in Sachsen-Anhalt gemeldet. Dort waren 200 Fernseher von einem Lkw entwendet worden.

Dieser kurze Auszug aus den Polizeimeldungen zeigt bereits das Grundproblem: Die Täter sind nicht nur lokal unterwegs sondern schlagen länderübergreifend zu. „Das ist ein bundesweites Phänomen“, bestätigte Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke im Juli bei der Präsentation der jüngsten Kriminalitäts-Tendenzen.

Inzwischen haben die Polizeibehörden reagiert und eine einheitliche Stelle zur Bekämpfung der Planenschlitzer eingerichtet. Sie Gruppe „Cargo“ hat ihren Sitz beim LKA in Magdeburg und soll Erkenntnisse aller Ermittler in Deutschland und darüber hinaus zusammenführen. „Nach unserer Erkenntnis handelt es sich bundesweit immer um dieselben Gruppen. 90 Prozent der Täter bei uns kommen aus Polen“, erklärt Guido Sünnemann, Abteilungsleiter im LKA in Magdeburg und Leiter des neuen Projektes.

Sieben Ermittler bilden das Team in Sachsen-Anhalt, unterstützt von den Landeskriminalämtern der umliegenden Länder, von Europol und Fachkräften weiterer Länder wie Frankreich, Dänemark und Tschechien. Um die Zusammenarbeit mit Polen kümmert sich das LKA in Potsdam. Die Brandenburger haben ja bereits durch die Bekämpfung der organisierten Auto-Klau-Banden und der Geldautomatensprenger gute Kontakte über die Grenze.

Ein Projektpartner sind auch die Niederlande, wo die „Cargo“-Ermittler Anfang September zum Erfahrungsaustausch waren. Ein erfolgreiches Beispiel haben sie von dort mitgebracht. Mit ihrem Projekt „Secure Lane“ (“Sichere Spur“) ist es den Niederländern gelungen, den Ladungsdiebstahl an den Rastanlagen zwischen Rotterdam und Venlo deutlich zu reduzieren – durch den Einsatz von Überwachungskameras.

Für Deutschland lässt sich das bei über 13 000 Kilometern Autobahn kaum realisieren. Zur Abschreckung an Schwerpunkten wäre es aber eine Möglichkeit. Denn das Geschäft der Planenschlitzer basiert auf Heimlichkeit und Eile.

Die gut organisierten Banden gehen arbeitsteilig vor. Ein Team fährt den Rastplatz an und untersucht die geparkten Laster auf lohnenswerte Fracht. Ein Schlitz in der Plan reicht, um zu sehen,was sich darunter verbirgt. Mit dem Handy wird ein Foto gemacht und an die Hintermänner geschickt. Lohnt sich ein Zugriff, wird Team zwei informiert, das mit einem Transporter anrückt und dann so schnell wie möglich so viel wie möglich von der Fracht umlädt. Bemerkt der im Führerhaus schlafende Fahrer die Tat, düsen die Bandenmitglieder davon – und sind über die Autobahn rasch über alle Berge.

„Besonders häufig werden Fahrzeugzubehör, Reifen, Elektronik, Werkzeuge, Kosmetikartikel, Lebens- und Genussmittel sowie Schuhe oder Bekleidung entwendet“, berichtet Tom Bernhardt vom LKA Sachsen. Dort wurde im März bereits eine Ermittlungsgruppe „Plane“ eingerichtet, die nun mit der zentralen Gruppe in Magdeburg kooperiert.

Der durch den Diebstahl von Ladung aus Lkw verursachte direkte Schaden wird vom deutschen Versicherungsgewerbe auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Hinzu kommen Kosten durch Schäden an den Lkw, durch Dieselklau und durch Liefer- und Produktionsausfälle, die der Branchenverband Transported Asset Protection Association allein für Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro schätzt.

Die Erwartungen an die Ermittler sind also hoch. Sie sollen nicht nur ein einheitliches Lagebild zum Phänomen der Planenschlitzer vorlegen. Sie sollen auch die Polizei in den betroffenen Ländern – gerade auch in den Grenzregionen Brandenburgs und Sachsens – in die Lage versetzen, schnell und gezielt gegen die Täter vorzugehen.

Dazu ist der Informationsaustausch wichtig. So haben die bisherigen Ermittlungen bereits ergeben, dass die Täter größtenteils aus einer Region Polens stammen. Teilweise führen Spuren auch zu anderen Delikten, etwa zum Wohnungseinbruch. Viel Arbeit ist allerdings noch nötig, um die hierarchisch strukturierten Netzwerke der Banden zu durchleuchten, um so mehr als nur den „Laufburschen“ der Banden auf die Schliche zu kommen.

Ebenso wichtig ist aber auch die Erhellung der Tatumstände. Wenn Polizisten mehr über die Vorlieben der Täter wissen, können sie entsprechend reagieren. So ist bereits bekannt, dass sie vorwiegend in der Wochenmitte oder in den Nächsten von Samstag auf Sonntag zuschlagen. Und dass der Oktober und November zu den Hauptmonaten für den Einsatz der Banden gehören, wissen die Ermittler ebenfalls. Sie werden sich entsprechend vorbereitet haben.