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| 19:04 Uhr

Demografischer Wandel im Osten
Die Platte, in der keiner mehr leben will

  So sah es 2003 in Halle-Neustadt aus. In den 90er-Jahren hatte der damalige Stadtteil von Halle rund die Hälfte seiner einst 90 000 Einwohner verloren.
So sah es 2003 in Halle-Neustadt aus. In den 90er-Jahren hatte der damalige Stadtteil von Halle rund die Hälfte seiner einst 90 000 Einwohner verloren. FOTO: dpa/dpaweb / Peter Endig
Berlin. Immer mehr Ostdeutsche leisten sich schöne Wohnungen. Damit ballt sich aber woanders die Armut – meist in Plattenbauten. Von Christine Keilholz

Der Osten galt einst als Region, in der Arme und Reiche nahe beieinander leben. Das stimmt nicht mehr. Seit Mitte der 90er-Jahre teilen sich auch die Städte Ostdeutschlands in bessere und schlechtere Viertel. Die Trennlinie der sogenannten Segregation ist im Stadtbild meist deutlich zu erkennen. „Wir sehen im Osten einen klaren Unterschied zwischen Plattenbaugebiet und Nicht-Plattenbaugebiet”, sagt Marcel Helbig. Der Soziologe vom Wissenschaftszentrum Berlin erforscht die soziale Architektur deutscher Städte. In einer neuen Studie hat er sich die industriell errichteten Wohnsiedlungen in 14 ostdeutschen Städten angeschaut. Sein Befund: Während die schön sanierten Innenstädte mehr Menschen anziehen, werden die Großwohnsiedlungen abgehängt. „In die Plattenbauten will keiner mehr, da kann man bautechnisch machen, was man will”, sagt Helbig.

Cottbus mit sozial aufgelockertem Stadtbild

Dabei galt die Platte ursprünglich als Wohnform, die Unterschiede zwischen Arm und Reich nivelliert. Großsiedlungen machten in Leipzig ein Viertel aller Wohnungen aus und in Rostock schon 70 Prozent. Cottbus hat hier einen wichtigen Vorteil. Es liegt dabei mit einem Anteil von 40 Prozent an großen Wohnsiedlungen in der Mitte – und hat ein sozial aufgelockertes Stadtbild. „Cottbus hat viele Mischgebiete”, sagt Helbig. Wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensweise zusammenleben, geht mehr soziales Miteinander. Das aber geht verloren, wenn man nur noch unter seinesgleichen lebt. In vielen Plattenbausiedlungen leben inzwischen sozial Schwache unter sich.

Eine derartige Ballung von Armut auf der einen Seite und Reichtum auf der anderen gab es 1995 im Osten so noch nicht. Sie entstand als Folge zweier Prozesse. Der negative Prozess war die steigende Arbeitslosigkeit in der Platte. Der positive der steigende Wohlstand, mit dem Besserverdienende die Platte verließen.

 Durchschnittlicher Anteil der Bevölkerung
Durchschnittlicher Anteil der Bevölkerung FOTO: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung / Katrin Janetzko

Anfang der 90er-Jahre wohnte ein Viertel der Ostdeutschen in Plattenbau-Großsiedlungen. Zur gleichen Zeit lebten nur zwei Prozent der Westdeutschen in ähnlichen Wohnungen. Dort hatten sich die Großsiedlungen bereits zu sozialen Brennpunkten entwickelt. Ihr schlechtes Image übertrug sich auf die Plattenbaustädte des Ostens. Soziologen gingen schon Anfang der 90er davon aus, dass die Wohnverhältnisse in beiden Teilen Deutschlands sich angleichen würden - und damit die Neubaugebiete des Ostens zu den Slums des 21. Jahrhunderts würden.

Sie scheinen recht zu behalten: In den meisten Wohngebieten, die die DDR in industrieller Bauweise errichtet hat, leben sehr viele Menschen von Transferleistungen. Während in anderen Stadtteilen die Armutsquoten zurückgehen, bleiben sie in der Platte gleich.

Weder Abriss noch Verschönerung holten bürgerliche Mieter zurück

Beispiel für Ersteres ist Halle-Neustadt. Die zweitgrößte Plattenbau-Stadt der DDR verlor in den 90er-Jahren die Hälfte der einst 90 000 Bewohner. Viele zogen der Arbeit wegen in Richtung Westen. Seitdem haben alle Versuche, diese sozialistische Vorzeige-Stadt aufzuwerten, wenig gebracht. Weder der großflächige Abriss noch die Verschönerung konnten bürgerliche Mieter zurückholen, die Halle-Neustadt ebenso wie Leipzig-Grünau schmerzlich fehlen.

Denn gleichzeitig setzte eine Suburbanisierung ein, weil sich mehr Leute das Häuschen im Grünen leisten konnten. Familien mit kleinen Kindern verließen damals die Platte. Zurück blieben ältere Jahrgänge, die vielerorts bis heute in derselben Wohnung wohnen, die sie als junge Leute zugewiesen bekamen. In manchen Plattenbaugebieten ist die Hälfte der Bewohner heute über 65 Jahre – und nach wie vor zufrieden. „Am Baujahr der Plattenbaugebiete kann man heute noch sehen, wer da wohnt”, sagt Soziologe Helbig. So wohnen in den älteren Bauten oft seit den 60er-Jahren dieselben Leute. Die Blöcke aus den 80er-Jahren konnten sich dagegen nie zu stabilen Wohnumfeldern entwickeln. “Die sind heute sehr benachteiligt – oder oft schon abgerissen.“