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Interview zur Afrikanischen Schweinepest
„Die Jagd hat sich dramatisch erschwert“

Fordert bessere Jagdbedingungen: Dirk-Henner Wellershoff.
Fordert bessere Jagdbedingungen: Dirk-Henner Wellershoff. FOTO: Andreas Staindl
Potsdam. Der Präsident des Brandenburger Jagdverbandes über die Afrikanische Schweinepest, die Ausbreitung der Wölfe und die Folgen. Von Benjamin Lassiwe

Die Gefahr wächst: Östlich von Deutschland verenden immer mehr Schweine an der Afrikanischen Schweinepest. Im Kampf gegen die Seuche sind Brandenburgs Jäger derzeit ebenso gefragt, wie in der Debatte um den Wolf. Die RUNDSCHAU sprach mit dem Vorsitzenden des Landesjagdverbands, Dirk-Henner Wellershoff.

Herr Präsident, wie viele Wildschweine können Brandenburgs Jäger eigentlich erlegen?

Wellershoff Das hängt im Wesentlichen von der Population und von den Rahmenbedingungen ab. Für eine erfolgreiche Jagd braucht es verschiedene Komponenten: Einen Jäger, der Lust hat und jagen möchte. Ein Umfeld, in dem man vernünftig und ohne große Hindernisse jagen kann. Und da fangen die Probleme an: Waffentransport, Waffenaufbewahrung, Jagdschein­erteilung. In den letzten 20 Jahren hat sich die Jagd dramatisch erschwert. Wenn ich an meine Kindheit denke, wo mein Vater die Flinten im Wohnzimmer hatte, und dann zur Jagd gegangen ist – da sind wir heute weit von entfernt. Wenn wir die Jagd befördern wollen, brauchen wir gesetzliche Regelungen, die einfach und überschaubar sind.

Was meinen Sie mit einem vernünftigen Umfeld?

Wellershoff Wir haben in Brandenburg eine Situation, wo wir große und größte Landwirtschaftsbetriebe haben, die teils in industrieller Form arbeiten. Dort wird auf die Jagd keine Rücksicht mehr genommen, und die Anbaumethoden werden nicht mit den Jägern abgestimmt. Wir haben viel mehr Raps und viel mehr Mais, was dazu führt, dass Wildschweine monatelang Deckung haben, ohne dass man sie bejagen kann. Selbst wenn ich als Jäger jagen will, kann ich das dort nicht. Dafür brauche ich die Unterstützung der Landwirtschaft – die wir überall dort haben, wo der Bauer im Dorf sitzt. Dort gibt es dann zum Beispiel Schussschneisen. Und dort wächst das Getreide nicht bis direkt an den Waldrand. Das schafft Möglichkeiten für die Jagd.

Wie ist die Situation in den Schutzgebieten?

Wellershoff Da finden die Wildschweine Rückzugsgebiete, in denen sie sich pudelwohl fühlen. Im Naturpark Unteres Odertal etwa gibt es Gebiete, in denen absolute Jagdruhe herrscht. Bewegung hat es erst gegeben, als wir an den Deichen Schäden von mehreren Hunderttausend Euro hatten. Gerade in diesen Gebieten müssen wir intensiv jagen. Wenn wir all diese Hindernisse – Landwirtschaft, Schutzgebiete, gesetzliche Rahmenbedingungen – in den Griff bekämen, wären wir bei der Jagd auf die Wildschweine deutlicher erfolgreicher, als wir es heute sind.

Im Kampf gegen die Schweinepest wurden Jagdprämien ausgelobt. Funktioniert das?

Wellershoff Ich habe den Eindruck, dass wir Regelungen gefunden haben, die nicht dazu führen, dass sie Wirkung entfalten. Wenn ich mit einer Prämie etwas bewirken will, muss sie schnell, einfach und präzise bei denen ankommen, die ich damit stimulieren will – in unserem Fall bei den Jägern, die zur Jagd gehen sollen. Wir haben ein Prämiensystem, was so theoretisch ist, dass wir nicht wissen, ob und wie die Zahlungen ankommen. Weil die Prämie an die Strecke von 2016 gekoppelt ist, und überhaupt nicht klar ist, ob diese Strecke übertroffen werden kann, weiß doch heute niemand, ob er in den Genuss der Prämie kommen kann. Eine Regelung, die so umständlich ist, dass ich vielleicht in zwei Jahren erfahre, ob ich für meine Jagd Geld bekomme, wird keinen Effekt haben.

Ein anderes Thema in Brandenburg ist der Wolf.

Wellershoff Der Wolf ist ein faszinierendes Tier. Er macht jedem Naturliebhaber unendlich viel Freude, weil es ein Großraubtier ist, was wir hier so lange nicht gehabt haben. Aber wie bei allem, gibt es eben zwei Seiten: Der Wolf hat keine natürlichen Feinde und ist eine Gefahr für die Weidetierhaltung. Eine ungehinderte Vermehrung des Wolfes halte ich deswegen für grob fahrlässig. Die Weidetierhaltung, die natürliche Aufzucht der Tiere ist doch das, was wir eigentlich wollen. Der Wolf führt zu Aufstallungen, die ziemlich entgegengesetzt zu dem sind, wie wir uns die Tierhaltung vorstellen. Ich denke, die Formel für den Wolf ist, eine Populationsgröße zu finden, mit der alle gut leben können. Wir müssen diskutieren, mit wie vielen Wölfen wir vernünftig leben können.

Wie stellen Sie sich denn diese gesunde Populationsgröße vor?

Wellershoff Wir glauben, dass Brandenburg mittlerweile flächendeckend vom Wolf besiedelt ist, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Dabei reden wir von 22 oder 23 Rudeln. Das ist eine höhere Dichte als in Finnland oder Schweden, insofern würde ich den gegenwärtigen Zustand für die Obergrenze halten – also für einen verträglichen Zustand, mit dem wir leben können. Es geht darum, den Status quo zu halten. Und dann würde ich eines machen, was die Politik im Moment versäumt – ich würde die Tiere besendern. Wir müssen wissen, wo die Wölfe sind, wir müssen sehen, wo sie sich bewegen, wo sie Probleme bereiten. Wenn wir einen sauberen Überblick haben, wie sich unsere Wölfe verhalten, können wir auch gezielt steuernd eingreifen.

Mit Dirk-Henner Wellersdorf
sprach Benjamin Lassiwe

Treibjagd gegen die großen Wildschweinbestände – und vorsorglich gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest.
Treibjagd gegen die großen Wildschweinbestände – und vorsorglich gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. FOTO: Jens Büttner / dpa