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| 16:18 Uhr

Spektakuläre Kriminalfälle in Brandenburg
Vom Außenseiter zur Bestie von Beelitz

 Auf der Flucht: Wolfgang Schmidt zieht beim Verlassen des Gerichtssaals in Potsdam seinen Mantel über den Kopf. Am 30. November 1992 ist er dort zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.
Auf der Flucht: Wolfgang Schmidt zieht beim Verlassen des Gerichtssaals in Potsdam seinen Mantel über den Kopf. Am 30. November 1992 ist er dort zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. FOTO: picture alliance / dpa / Peter Kneffel
Potsdam. Die vier Landgerichte in Brandenburg blicken in 25 Jahren ihres Bestehens auf spektakuläre Kriminalfälle zurück. Einige dieser unvergessenen Verfahren rollen wir noch einmal auf. Heute: der Rosa Riese oder die Bestie von Beelitz. Von Beate Bias

POTSDAM Die Gewalt kam nicht über Nacht. Sie hat sich leise herangeschlichen. Der kleine Wolfgang ist gerade sechs, als er anfängt, in der Unterwäsche seiner Mutter zu wühlen. Vermutlich ist es zunächst nur eine kindliche Neugierde, wie es sie auch in anderen Familien gibt. Warum es nicht dabei bleibt, erklären Psychologen später im Prozess mit dem angespannten Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Margot Sch. (Name geändert) wird in den Protokollen der Polizei als kalte Frau beschrieben. Sie ist rechthaberisch. Häufig gibt es Schläge. Der Vater mischt sich nicht in die Erziehung der beiden Söhne ein. Er will seine Ruhe haben. Deshalb arrangiert er sich mit seiner Frau. Sagt zu allem Ja und Amen.

Die Metamorphose vom unschuldigen Kind zum Serienmörder beginnt in dieser Phase. Wolfgang Schmidt reicht es nicht mehr, die Unterwäsche seiner Mutter nur zu betrachten und anzufühlen. Er zieht ihre Schlüpfer an und beschmutzt sie mit Kot und Urin. „Das war ein irgendwie wahnsinniges Gefühl, man hat sich irgendwie wohlgefühlt“, erinnert sich Schmidt nach seiner Festnahme im Oktober 1991. Das Ritual erklärt er auch mit dem zerrissenen Verhältnis zu seiner Mutter. Er liebt sie und er hasst sie. Mit dem Beschmutzen der Unterwäsche will er einerseits in die Rolle eines Säuglings schlüpfen, der von der Mutter umsorgt wird. Andererseits möchte er sie damit bestrafen.

Mit der Pubertät wird der Drang stärker

Mit der Pubertät kommt die Onanie. Für ihn eine „wahnsinnige Befriedigung“, die auf Wiederholung drängt. In dieser Zeit entdecken die Eltern schmutzige Damenunterwäsche in einer Scheune am Haus. Wolfgang Schmidt leugnet die Tat. Aber er muss es gewesen sein, denken die Eltern. Sein kleiner Bruder kommt als Verursacher nicht infrage. Die Eltern reagieren hilflos auf das ungewöhnliche Ereignis. Sie schimpfen und schlagen. Aber sie haben auch unheimliches Pech, weil sie an eine Hausärztin geraten, die der Sache keine Bedeutung beimisst. Die Mutter wendet sich an die Medizinerin, beschreibt den Fund der dreckigen Unterwäsche. Doch die Ärztin überweist den Sohn nicht etwa an einen Psychologen, sondern tut das Ganze als pubertäres Ausprobieren ab.

Im Hause Schmidt werden fortan die Türen zum Schlafzimmer der Eltern verschlossen. Damit zünden sie unbewusst eine neue Stufe in der Geschichte des Serienmörders Wolfgang Schmidt. Er muss sich nun wie ein Junkie seine Drogen auf andere Weise beschaffen. Und er findet eine neue Quelle. Es sind Müllkippen, die Ende der 1980er-Jahre in der DDR zwei Funktionen haben. Sie dienen als Deponie und als Fundgrube.

Vom Drang zur Sucht

Für Wolfgang Schmidt wird es eine regelrechte Sucht, dort nach Schlüpfern und Büstenhaltern zu suchen. Die Ausbeute ist so gewaltig, dass er sich in Wäldern Depots anlegt. Den Spitznamen „Rosa Riese“ bekommt er, weil er gern mit rosafarbener Unterwäsche durch das Unterholz tanzt.

Seine Umwelt bekommt von seinen sexuellen Vorlieben nichts mit. Wolfgang Schmidt führt ein Doppelleben. Nach der zehnten Klasse macht er eine Lehre zum Kranfahrer im Stahlwerk Brandenburg. Nach der Ausbildung wechselt Schmidt zur Bereitschaftspolizei. Er ist 19 Jahre alt und sagt über sich selbst, dass er „Zucht und Ordnung“ mag. Die Arbeit bei den Sicherheitsorganen gefällt ihm so gut, dass er Karriere macht. Er bringt es bis zum Hauptwachtmeister. In dieser Zeit lernt er auch seine erste Freundin kennen. Christine ist 15 und damit vier Jahre jünger als er. Bis zum ersten Kuss dauert es viele Monate, bis zum ersten Sex fast zwei Jahre.

Von außen betrachtet ein geregeltes Leben

Feste Freundin und ein guter Job. Von außen betrachtet, läuft das Leben von Wolfgang Schmidt in geregelten Bahnen. Aber es gibt da dieses zweite Gesicht. Immer öfter geht er in den Wald und lebt dort seine Fantasien aus. Der junge Mann wünscht sich eine Frau, mit der er seine abartigen Praktiken erleben kann, sagt er später einem Psychologen. Egal, ob sie es auch will oder nicht. Fast scheint es, als ob dieser Dämon im Kopf die Überhand in seinem Leben gewinnt.

Im April 1989 wird er aus der Bereitschaftspolizei entlassen, weil er mit Kollegen den 100. Geburtstag von Adolf Hitler feiert. Der Mann, der „Zucht und Ordnung“ liebt, hat auch große Sympathien für die nationalsozialistische Vergangenheit und steht Ausländern kritisch gegenüber. Der Rausschmiss ist der Anfang vom Ende. Ein halbes Jahr später tötet Wolfgang Schmidt im Oktober 1989 im brandenburgischen Deetz sein erstes von sechs Opfern.

In der kommenden Woche lesen Sie eine Rückschau auf den Prozess um die tödliche Hetzjagd auf den Asylbewerber Omar Ben Noui in Guben.