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Die BER-Führung wird neu aufgestellt

Der Neue auf dem Chefsessel des Hauptstadtflughafens, Engelbert Lütke Daldrup (60). Auch er wird sich jetzt erst einarbeiten müssen.
Der Neue auf dem Chefsessel des Hauptstadtflughafens, Engelbert Lütke Daldrup (60). Auch er wird sich jetzt erst einarbeiten müssen. FOTO: dpa
Berlin. Das Personalkarussell am BER hat sich gedreht. Es gibt einen neuen Chef, und die politisch Großkopferten ziehen sich zurück. Fragt noch jemand nach der Eröffnung des Flughafens? Burkhard Fraune

Vorweg eine Erinnerung: Berlin hat zwei Flughäfen, die ganz gut funktionieren. Mehr als 30 Millionen Menschen fliegen im Jahr von Tegel und Schönefeld. Ja, die Terminals sind alt und eng, aber es geht. Man kommt nach Berlin.

Nun zum neuen Hauptstadtflughafen, jenem Neubau, bei dem so viel schief ging, dass er seit fünf Jahren saniert werden muss: Dort tritt zum dritten Mal seit der geplatzten Eröffnung 2012 ein neuer Chef an - kein Maschinenbauer wie die Vorgänger, sondern ein politischer Beamter, die rechte Hand des Regierenden Bürgermeisters von Berlin.

Es ist die jüngste Wendung in der nicht enden wollenden Geschichte von Planungsfehlern und Bau pfusch auf der einen Seite, Ränkespielen und Kraftproben auf der anderen. Die Eröffnung des drittgrößten deutschen Flughafens ist wieder in weite Ferne gerückt.

"Es mag einen Zeitverzug gegeben haben", sagt Aufsichtsrats- und Rathauschef Michael Müller (SPD) am Montag nach zwei Wochen Führungsstreit rund um den BER. Das sei aber nicht entscheidend für eine Eröffnung 2018. Das ist das locker formulierte Ziel, seit der Start in diesem Jahr abgeblasen wurde. Sicher ist es aber nicht.

Nach der Krisensitzung des Aufsichtsrats geht Müller allein an die Öffentlichkeit. Es fehlt der Mann, der den Flughafen an den Start bringen soll: Engelbert Lütke Daldrup, Stadtplanungsingenieur und Müllers Flughafenkoordinator in der Senatskanzlei.

Nach Jahrzehnten in der Verwaltung bekommt der 60-Jährige den gut dotierten Geschäftsführerposten - und nach jahrelangen Debatten über zu viel politische Einflussnahme bei dem Projekt. Müller sieht es anders: Sein Adlatus - "Herr Lütke Daldrup" - sei ganz nah am Baugeschehen in Schönefeld, er stehe für einen guten Kontakt zwischen Unternehmen, Politik und Öffentlichkeit. Und er ist sofort verfügbar.

Das war vermutlich der entscheidende Grund. Mehrere Manager haben die Verantwortlichen angesprochen - entweder wollten diese nicht, waren vertraglich lange gebunden oder wollten zu viel Geld, so ist zu hören.

Den Kandidaten wird auch nicht verborgen geblieben sein, wie kurz die Amtszeiten von Flughafenchefs in Berlin sein können. Hartmut Mehdorn ging 2015 nach zwei Jahren - im Streit mit dem Aufsichtsrat. Sein Nachfolger Karsten Mühlenfeld räumt auch nach zwei Jahren seinen Schreibtisch - er hat sich mit dem Aufsichtsrat überworfen, weil er den BER-Bauleiter Jörg Marks auswechselte.

Bis Sonntagnachmittag gab es also nur Absagen, aber einen Headhunter wollte Müller nicht einschalten. Also sah man sich in den eigenen Reihen um.

Die Blicke fielen auf Lütke Daldrup und Rainer Bomba, den Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Bomba winkte ab, blieb Lütke Daldrup - aus Mangel an Alternativen. Auch der Neue wird sich erst einarbeiten müssen. Er soll die Flughafengesellschaft mit ihren 2000 Beschäftigten umkrempeln. Denn die einzelnen Bereiche arbeiten nicht optimal zusammen, wie der Aufsichtsrat sagt. Hier und dort wird der manchmal impulsive Lütke Daldrup erstmal Vertrauen aufbauen müssen. Die zuständige Baubehörde etwa hatte er öffentlich unter Druck gesetzt - was der selbstbewusste Dahme-Spreewald-Landrat Stephan Loge gar nicht mag.

An seiner Seite hat der Flughafenchef einen Rückkehrer: Jörg Marks, jenen Bauleiter, den Mühlenfeld vor die Tür gesetzt hatte. Der Aufsichtsrat holt ihn zurück, um sich sein Know-how zu sichern. Jedoch: Unter Marks wurden zuletzt viele Baufristen gerissen. Er setze sich bei den Firmen nicht ausreichend durch, war zu hören.

Ein Problem, das seine Vorgänger hatten, hat Lütke Daldrup ganz besonders: Er muss sich als Geschäftsführer seine Spielräume gegenüber der Politik erkämpfen, besonders gegenüber Müller. Der BER dürfe nicht "aus dem Vorzimmer des Regierenden Bürgermeisters" geführt werden, warnen die Grünen und geben so einen Vorgeschmack auf künftige Debatten.

Müller zieht sich indes aus dem Aufsichtsrat zurück, erstmals ist das Gremium frei von Spitzenpolitikern - womit ein Zustand beseitigt wäre, der immer wieder zur Kritik führte, seit die Eröffnung des Flughafens vor fünf Jahren platzte.

Ein Regierungschef hat nicht die Zeit, nebenher so ein komplexes Projekt zu überwachen. Müller wusste auf Nachfrage nicht einmal sicher zu sagen, ob Mühlenfeld bisher Vorsitzender oder Sprecher der Geschäftsführung war - und gab schließlich die falsche Antwort. "Dafür werden sie nicht gelobt und nicht belohnt", sagt er im Rückblick auf sein Amt, aber es gehöre zur politischen Verantwortung. Ob er erleichtert sei, den Posten räumen zu können? Müller lächelt. "Weiß ich gar nicht. Es hat sich so ergeben."

Zum Thema:
Mit verspäteten Großprojekten und ausufernden Kosten hat Engelbert Lütke Daldrup, der neue Chef der Berliner Flughäfen, Erfahrung. 2003 begann in Leipzig der Bau des City-Tunnels. Lütke Daldrup war Baurat der Stadt und einer der Bauherren des Projekts, dessen Baukosten von anvisierten 572 Millionen Euro auf 935 Millionen anschwollen. Eröffnet wurde der Tunnel vier Jahre verspätet 2013, als Lütke Daldrup schon wieder weg war. Während seiner Amtszeit war der Bau der Werke von Porsche und BMW in der Messestadt angeschoben worden, Leipzigs Olympiabewerbung für 2012 aber scheiterte. Nach zehn Jahren in Leipzig wechselte er ins Bundesverkehrsministerium. Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) holte ihn vor drei Jahren in die Senatskanzlei und machte ihn zum Flughafenkoordinator.