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| 19:46 Uhr

Nach dem Klinik-Fall um eine adipöse Patienten in Lauchhammer
Dickes Problem in Brandenburg und Sachsen

 Eine adipöse Patientin
Eine adipöse Patientin FOTO: India Picture/shutterstock.com
Cottbus/Dresden. Übergewicht ist auch in der Lausitz über den Wohlstandsbauch und das Hüftpolster hinaus ein dickes Problem. Sachsen rückt der Fettleibigkeit flächendeckend zu Leibe – und verzeichnet erste Erfolge auf der Waage. Brandenburg hat indes noch kein Landes-Rezept gegen das schwere Übergewicht. Von Kathleen Weser

Im nationalen Fett-Atlas Deutschlands sind die Länder Brandenburg und Sachsen als dicke Problemzonen ausgewiesen. Hier leben ausgesprochen viele Menschen mit krankhaftem Übergewicht. Lausitzer Hochburg der adipösen Frauen ist Bautzen. In diesem Landkreis ist der Anteil fettleibiger Einwohner besonders hoch.

Eine Gesundheitspartnerschaft geht dagegen an. Der Freistaat Sachsen investiert in Adipositas-Zentren. Erstes von nunmehr bereits vier zertifizierten Krankenhäusern für Adipositas- und metabolische Chirgurie ist das Städtische Klinikum Dresden. 450 Patienten werden inzwischen jährlich in ein mit der AOK plus aufgelegtes Gesundheitsprogramm für fettleibige Patienten aufgenommen. Die Schwerstgewichtigen, die mit einer Operation oder konventionellen Therapie den Kampf gegen zu viele Kilogramm im dreistelligen Bereich aufnehmen, kommen aus dem Ballungsraum um die sächsische Landeshauptstadt und aus Südbrandenburg.  Das bestätigt Prof. Dr. Tobias Lohmann, Internist, Endokrinologe und Diabetologe, der Chefarzt der Fachklink für Innere Medizin und einer der Leiter des Adipositas-Kompentenzzentrums ist. Neben Dresden, Leipzig und Gera (Thüringen) sind weitere Zentren in Zwickau und Chemnitz im Aufbau. Diskutiert wird angesichts des hohen Anteils Fettleibiger an der Bevölkerung derzeit auch ein weiteres Zentrum in Ostsachsen.

Millionenschwer wird in Sachsen in Klinik-Gebäude mit Adipositas-Stationen investiert. Zwischendecken werden verstärkt, damit die fettleibigen Patienten bequem untergebracht werden und auch schwergewichtigen Besuch empfangen können. Die Aufzüge müssen viel belastbarer sein. Vom Operationstisch, der deutlich mehr Gewicht als in Normalausführung tragen muss, über breite Holzstühle und Schwerlastbetten bis zu den sanitären Anlagen sind Spezialausführungen erforderlich – auch, um den Bedürfnissen der Pflege adipöser Menschen gerecht zu werden.

„Das ist ein gutes und sehr sinnvolles Programm“, lobt Tobias Lohmann. Auf anderen Stationen aber komme das Klinikum Dresden, wie jedes andere Krankenhaus, auch an Grenzen. Es sei schlicht nicht zu finanzieren, die Häuser komplett für die optimale Rundumversorgung fettleibiger Patienten umzubauen und einzurichten. Spezialkrane zum Umlagern der Patienten seien auch in Dresden nur auf der Spezial- und der Intensivstation vorhanden.

Deutschland hat zwar auch im europäischen Vergleich ein Riesenproblem mit Adipösen, aber keine Vorschriften für die Pflege dieser Patienten. Menschlich kann auch Tobias Lohmann die Empörung über das Ablegen einer etwa 180 Kilogramm schweren Frau auf dem Boden, wie im Krankenhaus Lauchhammer des Klinikums Niederlausitz geschehen, verstehen. Der Arzt sagt aber auch: Dies sei für Notfälle, auf die sich Kliniken nicht vorbereiten können, für den Patienten die sicherste Lagerung.

Im Kampf gegen die Fettleibigkeit sind in Sachsen nach den ersten zehn Jahren des Adipositasprogrammes gute Erfolge zu verzeichnen, sagt der Mediziner. „Unser schwerster Patient hat sein Gewicht von 350 Kilogramm halbiert“, bestätigt Tobias Lohmann. Menschen, die mit der Expertise der Spezialisten abgenommen haben, konnten Operationen an Knie und Hüfte vermeiden.

In Brandenburg haben Krankenkassen und Kliniken inzwischen auch Behandlungsprogramme für adipöse Patienten aufgelegt. Spezielle Förderungen für die Ausstattung der Kliniken gibt es indes nicht.

Gabriel Hesse, Vize-Sprecher des  Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in Potsdam, sagt: „Alle Brandenburger Krankenhäuser wurden in den vergangenen 25 Jahren in die Lage versetzt, ihre Ausstattung zeitgemäß zu modernisieren.“ Seit Ende der 90er-Jahre haben Krankenhäuser sich verstärkt auch auf die Aufnahme und Behandlung schwer adipöser Patienten vorbereitet. „Wir wissen von einigen Krankenhäusern, dass sowohl für die Pflege als auch im OP-Bereich entsprechend belastbare Ausstattung angeschafft wurde. Einen exakten Überblick haben wir nicht, da diese Wiederbeschaffung von Einrichtungs- und Ausstattungsgegenständen aus einer Pauschale, die das Land bewilligt hat, finanziert wurde und nicht einer Einzel-Beantragung beim Ministerium unterlag“, erläutert er.

Bislang habe es auch keine Beschwerden über eine unzureichende Versorgung hoch adipöser Patienten in Brandenburger Krankenhäusern gegeben. Grundsätzlich sei auch das Klinikum Niederlausitz für die seltene Aufnahme stark übergewichtiger Patienten gerüstet: Der OP-Tisch sei für Patienten, die mehr als 130 Kilogramm wiegen, ausgelegt, das Pflegebett ebenfalls.

Der Versorgungsauftrag eines jeden Krankenhaus umfasse selbstverständlich je nach Diagnose auch die adäquate Versorgung von übergewichtigen Menschen. Sollte ein Krankenhaus sich außerstande sehen, einen hoch adipösen Patienten aufzunehmen, so hat es ihn in eine geeignete Klinik zu verlegen.