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| 11:11 Uhr

Erkenntnis von Sprachforschern:
Dialekte in Brandenburg leben weiter

Sprachforscher behaupten: „Icke“ oder „Jut“ wird auch künftig noch aus den Mündern vieler Brandenburger zu hören sein.
Sprachforscher behaupten: „Icke“ oder „Jut“ wird auch künftig noch aus den Mündern vieler Brandenburger zu hören sein. FOTO: dpa / Jens Kalaene
Potsdam. „Icke“ oder „Jut“ wird auch künftig noch aus den Mündern vieler Brandenburger zu hören sein. Sprachwissenschaftler sehen einzelne lokale Dialekte zwar verschwinden – dafür gehen sie aber in etwas Größerem auf. Von Christian Bark

Nach Einschätzung von Sprachforschern wird der typische Berlin-Brandenburgische Dialekt so schnell nicht aussterben. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. „Die einzelnen Dialekte aus dem Oderland oder der Mittelmark werden als Regiolekt nur weiter zusammengefasst“, sagt Peter Rosenberg, Sprachwissenschaftler an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt(Oder). Der habe dann gute Chancen, künftig zu überdauern. „Das ist auch eine Frage der Identität und Solidarität.“

Schätzungen Rosenbergs zufolge spricht die Mehrheit der Brandenburger noch heute diesen sogenannten Regiolekt. Typisch dafür ist, dass das hochdeutsche „g“ wie „j“ gesprochen wird. So sagen Berliner und Brandenburger statt „gesessen“ „jesessen“ und „jut“ statt „gut“. „ei“ werde oft zu „ee“, also heiße es „Beene“ statt „Beine“.

Auch für junge Menschen ist der Regiolekt als Umgangssprache nach wie vor verbreitet, wie Peter Rosenberg sagt. Dabei lasse sich zwischen Umgangssprache und Regiolekt oft keine konkrete Linie ziehen. Das Eine könne im Anderen aufgehen und umgekehrt.

„Im Vergleich zu den Dialekten hat die Umgangssprache ein höheres Prestige und ist auch überregionaler, wird eher angenommen als etwa der Dialekt“, sagt Elisabeth Berner, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Potsdam. In Berlin selbst wiederum werde zumindest das standardferne Berlinisch immer mehr vermieden. „Das hängt mit dem traditionell geringeren Prestige vor allem in den westlichen Teilen der Stadt, aber auch mit dem Zusammenleben unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen zusammen“, sagt sie.

Der Rückgang des Berlin-Brandenburgischen ist laut Peter Rosenberg, der selbst aus dem Berliner Westen stammt, zunächst von West- nach Ost-Berlin und dann in das Brandenburgische Umland zu beobachten. Durch den permanenten Austausch könne der Regiolekt über das angrenzende Brandenburg zurück nach West-Berlin gelangen.

Noch vor 500 Jahren war eine andere Sprache vorherrschend in Brandenburg: das Niederdeutsche, das eigentlich weiter im Norden gesprochen wird und von deutschen Siedlern etabliert wurde. Im Zuge der Reformation gab es laut Rosenberg eine Vermischung des Oberdeutschen aus Sachsen und Thüringen mit dem Niederdeutschen. Daraus ging das Berlin-Brandenburgische hervor. Von Berlin aus verbreitete sich die Sprache in Brandenburg.

Niederdeutsch, im Gegensatz zum Regiolekt als eigene Minderheitensprache anerkannt, wird heute vorwiegend in der Prignitz und der Uckermark, aber auch im Havelland und in einer besonderen Ausprägung im Fläming gesprochen. „Die jüngste Umfrage des Institutes für niederdeutsche Sprache geht von knapp 3 Prozent sehr gut, knapp 9 Prozent gut und knapp 18 Prozent mäßig Niederdeutsch-Sprechenden in Brandenburg aus“, meint Elisabeth Berner.

Das Problem sei, dass Niederdeutsch faktisch über zwei Generationen nicht mehr in den Familien weitergegeben werde, sagte Astrid Flügge vom Verein für Niederdeutsch im Land Brandenburg. Eine der Ursachen für den Rückgang sei, dass es kaum als bewahrenswertes Kulturerbe angesehen worden sei. „Dem wollen wir mit unseren Initiativen entgegenwirken, es sind aber alles Insellösungen“, sagt Flügge.

Beispiele wie die „Kinnerschool“ in Sewekow bei Wittstock (Ostprignitz-Ruppin), wo Kinder seit zehn Jahren nachmittags plattdeutsche Gedichte und Spielszenen einüben, seien positiv für den Fortbestand der Sprache im Land. Zudem arbeite der Verein an einer Brandenburger Plattfibel für die Jüngsten und organisiere einen Kinderwettstreit für 2019.