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| 19:29 Uhr

Proteste in Ostdeutschland
Diakonie-Chef: Aus Chemnitz, Cottbus und Köthen lernen

Ulrich Lilie.
Ulrich Lilie. FOTO: picture alliance / dpa / Arno Burgi
Berlin. Diakonie-Chef Ulrich Lilie sagt, dass die Menschen in Ostdeutschland das Bedürfnis haben, gehört zu werden. So erklärt der Theologe Proteste in Chemnitz oder Cottbus. Seine Lösung: Dialoge, aber auch Modellprojekte zur sozialen Integration. Von Benjamin Lassiwe

Die Gesellschaft in Deutschland spaltet sich immer mehr. Das zeigen die Fernsehbilder aus Chemnitz und Köthen, das zeigen die Diskussionen in Internetforen, das zeigen die Wahlergebnisse der AfD. Wie man damit umgehen soll? Die Menschen hierzulande müssen wieder miteinander reden, und gemeinsam nach Lösungen suchen, meint Ulrich Lilie. Der Theologe ist Präsident des größten Evangelischen Sozialverbands, der Diakonie Deutschland, unter deren Dach rund 520.000 hauptamtliche und 700.000 ehrenamtliche Mitarbeiter arbeiten.

Herr Lilie, in vielen Orten Ostdeutschlands gehen die Menschen auf die Straße. Es gibt rechte Demonstrationen, Gegendemos und Gewalt. Solche Szenen waren in Deutschland lange undenkbar. Wie erklären Sie das?

Lilie Deutschland wird vielfältiger und bunter. Und das schon seit Jahrzehnten. Und die hinzugekommenen Geflüchteten haben den Eindruck bei den Einheimischen noch einmal verstärkt, dass sich da etwas ändert. Gleichzeitig wird unser Land älter und sozial ungleicher. Und zwar auch regional: Für eine Biografie ist es wirklich entscheidend, ob man in Stuttgart, in Düsseldorf, in München oder Hamburg groß werden darf. Das sind prosperierende Metropolregionen, in denen viele Chancen und Möglichkeiten bestehen. Wenn die gleiche Familie in Herne, in Recklinghausen oder Wilhelmshaven oder auf dem Land in Brandenburg lebt, hat sie es sehr viel schwerer. Denn in diesen Kommunen, die schon lange unter Haushaltskontrolle stehen, ist die finanzielle Situation sehr angespannt und damit auch die soziale Infrastruktur lange nicht so gut, wie in den Metropolregionen. Diese unterschiedlichen Lebenswelten prallen in diesem Land aufeinander – und die Menschen nehmen wahr: Das Leben wird unsicherer.

Wie sehen Sie die Situation in Ostdeutschland?

Lilie Ostdeutschland ist ein besonderes Thema. Hier gibt es ein besonders dringendes Bedürfnis von vielen Menschen, gehört zu werden. Viele Menschen wollen endlich mit ihrer ganz speziellen Ostbiografie wahrgenommen werden. Sie fühlen sich von dem westlichen Lebensstil und der bundesrepublikanischen Gesellschaft dominiert und ihre Lebenswege entwertet. Chemnitz zum Beispiel zeigt, wie in Sachsen der Wohlstand in bestimmten Regionen zwar zugenommen hat, aber das Thema einer weitreichenden Entfremdung mit diesem neuen Staat Bundesrepublik Deutschland nie wirklich politisch bearbeitet worden ist. Wir müssen das durch Dialoge, auch durch kritische Dialoge mit diesen Menschen verändern. Es gibt in diesen Regionen so viele Menschen, die sich darüber beklagen, dass sie mit ihren Geschichten nicht vorkommen – das sind die „Unerhörten“, um die wir uns alle dringend kümmern müssen.

Sind die Menschen, die in Chemnitz auf die Straße gehen, noch dialogfähig?

Lilie Es gibt viele Leute, die warten einfach darauf, dass man ihnen endlich zuhört. Die gibt es nicht nur in Chemnitz – die gibt es auch in Moers, in Wilhelmshaven, in Neubrandenburg oder Cottbus. Die gibt es auch in den Regionen, in denen Bayern nicht nur prosperiert. Da gibt es Menschen, die sich mit all den sozialen Herausforderungen allein gelassen fühlen. Sie wohnen in heruntergerockten Großsiedlungen, mehrstöckige Wohnbauten, in denen Menschen aus 60 Nationen leben. Und mit all den sich dann sehr konkret stellenden Integrationsfragen werden die Anwohner allein gelassen. Es reicht eben nicht, einmal mit irgendeinem Städtebauprogramm ein Stadtteilzentrum zu bauen. Da braucht es sehr viel nachhaltigere Kümmerer. Die Politik und die Zivilgesellschaft müssen mit den Menschen dort vor Ort nach Modellen suchen, wie das Zusammenleben in der Gesellschaft funktioniert.

Gibt es auch positive Beispiele?

Lilie Nehmen Sie Kiel-Gaarden: Das ist ein Arbeiterstadtteil am Rand der Stadt. Hier hat die Diakonie Altholstein ein betreutes Wohnen mit fast 100 Wohnungen, eine Tagespflege für 14 Personen, eine Demenzwohngruppe und einen Mietertreff eingerichtet. Und mindestens 25 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenwohnungen müssen einen Migrationshintergrund haben. Die 1000 Menschen, die dort schon im Stadtteil lebten, bekamen mit dem betreuten Wohnen, der ambulanten Pflege und dem Mietertreff – ein Kindergarten gehört auch zum Ensemble – ein neues, lebendiges Zentrum. Dort findet erfolgreiche Nachbarschaftsarbeit statt.

Warum gelingt das in unserem Sozialstaat nicht überall? Wer hat weggeguckt, und warum?

Lilie Ich glaube, dass der Satz von Johannes Rau, dass die Kommune der Ernstfall der Demokratie ist, heute so wahr ist, wie noch nie. Beim Stichwort gleichwertige Lebensverhältnisse haben wir heute in den Kommunen einfach sehr unterschiedliche Wirklichkeiten. Wir müssen vor Ort breite Bündnisse schaffen: Da müssen wir vor Ort sein, und mit den Leuten, die ja auch eine Verantwortung tragen, gemeinsam zu Lösungen kommen. Und das ist, glaube ich, flächendeckend sträflich vernachlässigt worden. Integration ist eben kein Selbstläufer, sondern ein Marathonlauf. Ein neues Wir erfordert unser aller Anstrengung. Leider hat die Politik hier nicht richtig hingeguckt.

Aber was sind die Gründe dafür?

Lilie Nehmen Sie die Pflegeversicherung. Die Pflegeversicherung ist ein System, das die Gemeinden, Städte, Landkreise weitgehend aus der Planung der Altenversorgung herausgenommen hat. Die hatten gar keine Verantwortung mehr dafür. Da kann ich es gut verstehen, dass sich der zuständige Sozialdezernent vielerorts eher um seine Pflichtaufgaben gekümmert hat, und das Thema Altenhilfe vernachlässigt hat. Das ist aber ein Grund dafür, warum die Infrastruktur für viele Senioren, die zu Hause gepflegt werden, katastrophal ist, gerade im ländlichen Raum. Ein anderes Beispiel sind Großsiedlungen wie Berlin-Marzahn, wo private Investoren ganze Wohnsiedlungen übernommen haben. Die holen da jeden Mieter, der will, in ihre Wohnungen. Und dann haben Sie in diesen Wohnblocks Menschen aus der ganzen Welt, ohne dass sich da jemand um die Probleme kümmert.


Mit Ulrich Lilie
sprach  Benjamin Lassiwe