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Polen und Tschechen reizt Standort Deutschland
Deutsche Tochter eines polnischen Konzerns produziert in Guben

Betriebsleiter Robert Bednarek vom Unternehmen Grupa Azoty ATT Polymers GmbH steht vor der neuen Verpackungshalle in Guben.
Betriebsleiter Robert Bednarek vom Unternehmen Grupa Azoty ATT Polymers GmbH steht vor der neuen Verpackungshalle in Guben. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Guben/Warschau/Prag. Deutsche Firmen investieren gern in den östlichen Nachbarländern, um ihre Produktionskosten zu senken. Doch es gibt auch den umgekehrten Trend. Für viele Unternehmen aus Polen und Tschechien ist Deutschland als Standort oder Expansionsziel attraktiv. Von Anna Ringle, Natalie Skrzypczak und Michael Heitmann

Betriebsleiter Robert Bednarek führt durch ein neues Logistikzentrum auf einem Industriegelände in der brandenburgischen Kleinstadt Guben. Von hier ist es nur ein Katzensprung bis nach Polen. Die Chemiefirma Groupa Azoty ATT Polymers GmbH stellt Kunststoff-Granulate her und ist seit einigen Jahren eine deutsche Tochter eines polnischen Chemie- und Düngemittel-Konzerns. Die Bundesrepublik ist für die östlichen Nachbarn zunehmend attraktiv – aus unterschiedlichen Gründen.

„Der Konzern hat etwas Passendes gesucht“, sagt Bednarek über das polnische Interesse an dem Standort, wo schon zu DDR-Zeiten Chemieprodukte hergestellt wurden. Mit den hier produzierten Granulaten (PA 6), die zum Beispiel für Bohrmaschinen-Gehäuse verwendet werden, habe man die Kapazität erhöhen wollen. Die Zahl der Hersteller sei überschaubar. Die deutsche Tochterfirma biete nun mehr Planungssicherheit. Den Aufbau einer größeren Fertigung habe er sich sparen können, zudem profitiere man von den Erfahrungen der Gubener. Die polnische Mutter Grupa Azoty S.A. bestätigte, dass sie sich für den Kauf entschieden habe, um die eigene Produktkette zu erweitern.

Die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Warschau schätzt, dass es derzeit zwischen 1000 und 1500 Firmen mit Hauptsitz in Polen gibt, die Zweigstellen oder Tochterbetriebe in Deutschland haben und die in Industrie und Handel tätig sind. Die vom Bund geförderte Germany Trade and Invest (GTAI) geht mit etwa 1800 polnischen Unternehmen von einer noch größeren Zahl aus.

Besonders viele Standorte gibt es laut AHK in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von der Hauptstadtregion. Warum dort? Geschäftsführer Michael Kern zählt einige Faktoren auf: Mit Nordrhein-Westfalen bestünden enge Handelsbeziehungen. Allein ein Viertel des deutsch-polnischen Handels entfalle auf das Bundesland. Häufig gebe es auch familiäre Verbindungen, denn vor rund 100 Jahren seien aus dem schlesischen Industriegebiet sehr viele Polen zur Arbeit an Rhein und Ruhr gezogen. „Und Berlin ist als Standort gerade für Neugründungen sehr interessant“, sagt Kern. Zu den beliebten Branchen zählen unter anderem Transport und Logistik, Bau, Lebensmittel und Metall.

„Das Interesse von polnischen Firmen am Standort Deutschland steigt seit Jahren“, ergänzt Kern. „Polen ist sehr stark vom Mittelstand geprägt, durch die gute wirtschaftliche Situation sind viele der Firmen inzwischen in die Lage gekommen zu expandieren.“ Der heimische Markt sei ihnen zu klein geworden. Deutschland ist laut der Kammer aus vielen Gründen attraktiv. Die Infrastruktur sei gut, die Nähe zu Polen verkehrstechnisch günstig, das Label „Made in Germany“ weltweit angesehen. Durch Expansion wolle man neue Märkte und Kunden gewinnen sowie die Kompetenzen der eigenen Firma erweitern.

GTAI zufolge waren im vergangenen Jahr noch 100 Unternehmen weniger in Deutschland aktiv. Häufig würden Vertriebsbüros eröffnet, um den Kundenkreis zu erweitern. Und es seien vor allem größere Mittelständler und große Unternehmen, die in Deutschland investieren.

Trotzdem spiele Polen in Deutschland aber noch eine eher kleine Rolle. Länder wie die USA, China, Japan oder die Region Westeuropa investierten hier deutlich mehr. Und auch beim Blick ins Nachbarland wird deutlich, dass es immer noch weitaus mehr deutsche Firmen nach Polen zieht als umgekehrt - gut dreimal so viele, wie GTAI schätzt.

Wie Polen spielt auch Tschechien bisher vor allem die Rolle der „verlängerten Werkbank“ für viele deutsche Industrieunternehmen, die hier ihre Zulieferer haben oder aufgrund der niedrigeren Lohnkosten selbst günstiger produzieren. Doch auch dort finden sich Betriebe, die mit pfiffigen Geschäftsideen den Sprung nach Deutschland wagen.

Ein Beispiel ist das Schnellrestaurant Bageteria Boulevard, das mit seinen belegten Baguettes, Suppen und Salaten junge Leute in den tschechischen Großstädten anspricht. Vor knapp anderthalb Jahren eröffnete die Kette ihre erste Filiale in einem Einkaufszentrum in Dresden. Sachsens Hauptstadt bot sich wegen kurzer Lieferwege an.

Auch der tschechische Elektronik- und Versandhändler Alza drängt auf den deutschsprachigen Markt. In einem ersten Schritt eröffnete das Unternehmen vor knapp einem Jahr eine Zweigstelle in der Wiener Favoritenstraße, das vom bestehenden Lager im 50 Kilometer entfernten slowakischen Bratislava versorgt wird. Schon heute gehen Lieferungen an Kunden in Deutschland über eine deutschsprachige Internetseite.

Selbst Riesen wie den teilstaatlichen tschechischen Energiekonzern CEZ lockt das Boomland Deutschland. Paradoxerweise investiert der Betreiber des bei Umweltschützern umstrittenen Atomkraftwerks Temelin dort in die Windenergie, die in Tschechien selbst kaum eine Rolle spielt. Die private Konkurrenz - ein Konsortium aus EPH und dem Finanzinvestor PPF - machte 2016 mit der Übernahme des Vattenfall-Braunkohlegeschäfts in Ostdeutschland Schlagzeilen.

In den Bundesländern an der Grenze zu Polen hat man das verstärkte Interesse der Nachbarn längst registriert. Die Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH spricht gar von einem Schub in den vergangenen Jahren. Derzeit seien 26 polnische Firmen in Brandenburg bekannt.

Die Beauftragte der Wirtschaftsförderung Sachsen in Polen verzeichnet ebenfalls einen - wenn auch leichten - Anstieg von Anfragen zu Investitionen. Begünstigt werde das durch enge und gute Beziehungen zwischen Polen und Sachsen. Dies senke die Hürden zum Aufbau eines Standorts in Deutschland, heißt es von der Wirtschaftsförderung.

In Mecklenburg-Vorpommern bemerkt die Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg seit zwei Jahren ein vermehrtes Interesse polnischer Kleingewerbetreibender an einer Niederlassung. Die führende Branche sei der Handel, gefolgt von Dienstleistungen und dem Baugewerbe.