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Der "Gottkanzler" kommt in den Dom

Die Kanzlerin hatte ihren großen Auftritt beim Kirchentag mit Ex-US-Präsident Obama. Einen Tag später ist nun Martin Schulz dran.
Die Kanzlerin hatte ihren großen Auftritt beim Kirchentag mit Ex-US-Präsident Obama. Einen Tag später ist nun Martin Schulz dran. FOTO: dpa
Berlin. Nach Kanzlerin und US-Präsident spricht auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beim Kirchentag. Er wirbt um Vertrauen in die Politik. Benjamin Lassiwe / iwe1

"Gottkanzler" steht auf einem Transparent, das für einige Minuten von der Empore des Berliner Doms herabhängt. In der Zeit nach seiner Nominierung wurde er so auf Facebook gefeiert - der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Er steht knapp darunter, in einem schwarzen Anzug an einem Rednerpult, vor dem golden glänzenden Hauptaltar der in wilhelminischer Pracht erstrahlenden größten Kirche Berlins. Nachdem am Donnerstag Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor mit dem früheren US-Präsidenten Barack Obama diskutierte, ist es nun an Schulz, die Herzen des Kirchentagspublikums zu erobern. Gemeinsam mit dem Soziologen Armin Nassehi spricht er über Vertrauen und Glaubwürdigkeit in der pluralen Gesellschaft.

"Was wissen wir eigentlich? Und wer glaubt es uns?" beginnt Schulz seinen Vortrag, nachdem er sich dem Publikum als "Klosterschüler" und "passiver Katholik" vorgestellt hatte. Die Zuhörer erfahren, dass der SPD-Kanzlerkandidat lieber in Büchern nachschlägt als mit dem iPad zu googeln, und dass er für seine Arbeit natürlich auf die Beratung durch Experten angewiesen ist.

Immer wieder fallen flotte Sprüche, immer wieder versucht Schulz, komplizierte Themen an einfachen Alltagsbeispielen zu vermitteln. "Wenn jemand sagt, ich weiß, dass meine Partnerin mich liebt, wird es schwieriger", sagt Schulz. Dies sei eine "gefühlte Wahrheit". "Liebe fühlt sich an wie Sonnenschein, aber es ist viel schwieriger, das nachzuprüfen."

Besonders betont der frühere Präsident des EU-Parlaments die Bedeutung des Vertrauens als Grundlage der Politik. "Es ist wichtig für unsere Demokratie, das Vertrauensverhältnis zu den Politikern wiederherzustellen", sagt Schulz.

"Wie soll jemand einem Politiker vertrauen, der einen Wahlkampf mit fantastischen Versprechen führt, diese dann aber nicht umsetzen kann?" Er selbst hüte sich "vor solchen Versprechungen, denn sie gefährden die Glaubwürdigkeit in der Politik." Was angesichts des noch unvollständigen eigenen Wahlprogramms des Kanzlerkandidaten allerdings auch keine Aussage ist, die Martin Schulz irgendetwas abverlangen würde.

Ohnehin bleibt der Sozialdemokrat an diesem Freitag auf der Metaebene. Er spricht über Werte in der Politik, aber nicht über seine ganz konkrete, eigene Politik. "Aus fehlendem Vertrauen wird Ungewissheit, aus Ungewissheit wird Angst, aus Angst wird immer öfter Hass", warnt Schulz. Selbst als er auf das Thema Drohnen kommt, zu dem Merkel und Obama am Vortag klare Position bezogen haben, gibt Schulz nur Fragen wieder, die sich Menschen gestellt hätten: "Wie kann es sein, dass in einer Demokratie abseits jeglicher Öffentlichkeit solche Aktionen durchgeführt werden? Wie kann es sein, dass solche Befehle ohne parlamentarische Kontrolle erfolgen?"

Anders ist es nur bei einem Thema: Dem Auftritt Donald Trumps bei der Nato in Brüssel. Trump habe sich im Stil eines "autokratischen Herrschers" präsentiert. Sein Verhalten sei nicht zu akzeptieren - zumal die von Trump gedemütigte Bundeskanzlerin Angela Merkel "das gesamte deutsche Volk repräsentiert." Als Martin Schulz das sagt, ist das Transparent mit dem Wort "Gottkanzler" längst wieder eingerollt. Doch der Applaus für den Herausforderer ist freundlich - und falls es im September mit dem Kanzler nicht klappen sollte, ist er gestern von seinem Co-Diskutanten Armin Nassehi zumindest moralisch so unterstützt worden wie am Vortag Merkel von Obama:"Was ist das Wichtigste an der Demokratie?", hatte Nassehi im Berliner Dom gefragt. "Es ist die loyale Opposition."

Zum Thema:
Parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg werden in Mitteldeutschland rund 40 000 Menschen zu sechs regionalen Kirchentagen erwartet. Diese "Kirchentage auf dem Weg" mit Hunderten Veranstaltungen gibt es bis zu diesem Samstag in Leipzig, Magdeburg, Halle/Eisleben, Dessau-Roßlau, Erfurt und Jena/Weimar.