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| 14:17 Uhr

Medizinserie Der besondere Fall
Still leiden am stillen Örtchen? Das lässt sich nicht aussitzen!

Beratungsgespräch in der Proktologischen Sprechstunde.
Beratungsgespräch in der Proktologischen Sprechstunde. FOTO: Ragnhild Münch
Lübben. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 33. besondere Fall kommt aus dem Klinikum Dahme-Spreewald. Von Ida Kretzschmar

Dieser 33. besondere Fall betrifft fast jede Dritte in Deutschland. Was ihn besonders macht: Die meisten leiden dabei still vor sich hin – am stillen Örtchen. Es ist eine Krankheit, über die kaum geredet wird. Noch immer ist für viele dieses Thema tabu, obwohl es nur allzu menschlich ist. Zu viel Scham ist im Spiel. Wenn sich das Leiden aber gar nicht mehr aussitzen lässt, landen Betroffene nicht selten in der Notaufnahme. Bestenfalls aber auch in der Proktologischen Sprechstunde von Dr. med. Ronny Hendrischke, Chefarzt der Abteilung für Chirurgie im Klinikum Dahme-Spreewald.

So erging es auch Ulrike*, die in einem kleinen Spreewaldort zu Hause ist. Da hatte die kaum Fünfzigjährige schon eine fünfjährige Leidenszeit hinter sich und eine regelrechte Angst vor dem Stuhlgang entwickelt. „Verwachsungen im Bauch führten immer wieder zu starken Schmerzen. Ich saß fünf Tage lang ewig auf der Toilette, in Schweiß gebadet. Wenn es dann endlich zum Stuhlgang kam, war ich vor Schmerzen nahe am Umkippen“, schildert die Spreewälderin die Situation, von der bis dahin gerade mal die engsten Familienangehörigen wussten.

Ulrike probierte alle gängigen Hausmittelchen aus und auch schon mal heftige Abführmittel. Auf Dauer war alles wirkungslos. Kein Wunder, dass der harte Stuhlgang schmerzhafte Einrisse verursachte, es zu chronischen Wunden kam, die nicht heilen wollten.

So überwand sich Ulrike eines Tages und offenbarte Dr. Hendrischke ihr heimliches Leiden. Der Proktologe nahm eine gründliche Anamnese des Falls vor. „Die Computertomografie ergab, dass es sich um einen besonders langen Darm handelte. Das kann durch eine wenig ballaststoffreiche, eher fettreiche Ernährung verursacht worden sein. Aber meist sind mehrere Faktoren im Spiel, familiäre Belastungen und Bindegewebsschwäche beispielsweise“, erklärt Dr. Hendrischke.

Während einer kleinen Operation wird zunächst die Afterfissur behoben. Bei einer Darmspiegelung stellt sich heraus: Ein Mastdarmvorfall liegt Ulrikes Leiden zugrunde. Nun werden erst einmal alle Register nichtoperativer Behandlungsmethoden gezogen. „Ich empfehle in solchen Fällen mediterrane Kost, viel Bewegung, Beckenbodentraining vor allem“, sagt Dr. Hendrischke.

Ulrike probiert zudem auf Anraten des Arztes auch Biofeedback aus, eine spezielle Form von Beckenbodentraining mittels eines Gerätes, das den Schließmuskel stärkt. Ein Vierteljahr trainiert sie täglich zu Hause. Erfolge stellen sich in ihrem Fall kaum ein. Die Schmerzen lassen sich nicht länger aussitzen.

Nun scheint es keine Alternative mehr zur Operation zu geben. „Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um mich dafür zu entscheiden, wurde ich doch darüber aufgeklärt, dass es zu Komplikationen kommen kann, die zeitweise einen künstlichen Darmausgang erfordern“, erinnert sich Ulrike. „Noch vor Jahrzehnten war so ein künstlicher Darmausgang der einzige Ausweg bei massiven Entleerungsstörungen. Heute liegt bei einer Darm-OP das Risiko eines Darmwandbruchs, der über eine gewisse Zeit einen künstlichen Ausgang nötig macht, zwischen drei und fünf Prozent“, erläutert der Chirurg.

So gering die Prozentzahl, die Sorge um eine mögliche, so schwere Komplikation ließ die Patientin lange zögern. Andererseits gab es auch die Angst, irgendwann einmal in der Rettungsstelle mit Darmverschluss zu landen.

„Wer sich sieben Tage nicht entleeren kann, hat das Gefühl zu platzen. Ein Darmverschluss kann lebensbedrohlich werden“, weiß Dr. Hendrischke, der sehr entspannt mit dem Tabu-Thema umgeht. „Viele Chirurgen scheuen sich davor. In der Bevölkerung glauben manche sogar, es sei eine schmutzige Angelegenheit, was natürlich nicht stimmt, weil jeder Spiegelung und Operation eine Darmreinigung vorausgeht. Ich bin froh, dass ich es zu meinem Spezialgebiet gewählt habe, weil ich spüre, wie dankbar die Patienten sind, wenn sie von ihrem stillen Leiden befreit werden. Immerhin betrifft es schätzungsweise ein Drittel der Frauen, während Männer eher zu Leistenbrüchen neigen“, sagt der Chefarzt, dessen Patienten nicht nur aus der Spreewaldregion kommen, sondern selbst aus dem Berliner Randgebiet. „Auch wenn eigentlich niemand darüber sprechen will, es spricht sich herum, wo es Hilfe geben kann“, schmunzelt er. Und er verweist auf weitere Gefahren: „Zögert man die Entscheidung zu lange hinaus, kann ein Darmvorfall so massiv sein, dass er zur Inkontinenz führt. Dann gibt es kein Wenn und Aber, ist eine Operation die einzige Option.“

Ulrike wollte nicht so lange warten. „Ich konnte mit den Schmerzen einfach nicht mehr leben“, erzählt sie. Und so hat sie Mut gefasst und sich gerade noch rechtzeitig für eine Operation entschieden. „Dabei wurden die normalen anatomischen Verhältnisse wiederhergestellt und überschüssiges Gewebe entfernt“, erklärt Dr. Hendrischke. Das Weitere hänge dann von der Disziplin der Patienten ab. Es ist eben auch eine Kopfsache.

Ulrike hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht noch einmal auf dem OP-Tisch zu landen. „Nach zwei Tagen Intensivstation und einwöchigem Krankenhausaufenthalt hatte ich anfangs noch Angst, dass die Naht reißt. Nach sechs Wochen konnte ich wieder arbeiten gehen. Und nun führe ich wieder ein schmerzfreies Leben und freue mich auf jeden Tag. Bewegung im Garten habe ich genug, obendrein geht’s zum Sportkurs. Und ich habe meine Ernährung umgestellt“, berichtet Ulrike und fügt hinzu: „Früher habe ich mich nicht getraut, heute brauche ich nicht mehr über dieses Thema zu reden. Außer, um anderen Mut zu machen.“

*Name und Umstände geändert

www.lr-onliine.de/besonderer-fall

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Ronny Hendrischke Foto: Ragnhild Münch
Dr. Ronny Hendrischke Foto: Ragnhild Münch FOTO: Ragnhild Münch