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"Den Preiskrieg bezahlen wir alle"

Mitarbeiter des Kaufland-Logistik-Lagers Lübbenau haben bei den Tarifverhandlungen im Brandenburger Einzelhandel mehrfach Druck gemacht.
Mitarbeiter des Kaufland-Logistik-Lagers Lübbenau haben bei den Tarifverhandlungen im Brandenburger Einzelhandel mehrfach Druck gemacht. FOTO: Verdi
Cottbus. Am Mittwoch gehen die Tarifverhandlungen für die rund 83 000 Beschäftigten im Einzelhandel des Landes Brandenburg in die entscheidende Runde. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit Heike Plechte, Bezirksgeschäftsführerin Cottbus der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Verdi-Gewerkschaftssekretärin Handel. Beate Möschl

Frau Plechte, für wie viele Verkäuferinnen hat die Gewerkschaft Verdi das Verhandlungsmandat?
Plechte Grundsätzlich verhandeln wir für alle rund 83 000 Beschäftigten im Brandenburger Einzelhandel. Allerdings sind im Land Brandenburg nur elf Prozent der Betriebe tarifgebunden. Dadurch profitieren nur 26 Prozent der Beschäftigten von den Ergebnissen der Tarifverhandlung. Das liegt leider im Trend der neuen Länder, immer weniger Arbeitgeber im Einzelhandel zahlen Tarif. In Westdeutschland ist der Anteil der tarifgebundenen Betriebe größer. Tarifgebunden sind vor allen größere und große Betriebe.

Wie schaffen Sie es da noch, motiviert zu sein und Druck in die Verhandlungen zu bringen?
Plechte Jede einzelne Mitarbeiterin ist es wert, dass wir für sie kämpfen. In dieser Tarifrunde sind schon viele auf die Straße gegangen, um unseren Forderungen nach Tariferhöhungen, Angleichung bei den Sonderzahlungen und nach einem allgemein verbindlichen Tarifvertrag für die Branche Nachdruck zu verleihen. Die Streikbeteiligung war zwar immer noch sehr unterschiedlich, aber deutlich stärker als in den vorigen Tarifrunden.

Was verdient denn eine Verkäuferin in Brandenburg heute?
Plechte In der untersten Gehaltsgruppe sind es 1671 Euro brutto pro Monat in Vollzeit. Eine gestandene Kassiererin verdient laut Tarif 14,93 Euro pro Stunde und kommt bei der in Brandenburg geltenden Wochenarbeitszeit von 38 Stunden auf 2434 Euro brutto im Monat. Das ist schon ganz gut für einen Vollzeitjob. Allerdings ist Vollzeitbeschäftigung die Ausnahme. Mehr als 70 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel arbeiten Teilzeit, also 15 bis 20 Stunden die Woche. Das heißt, sie haben unterm Strich weniger als 1000 Euro netto auf dem Konto. Das sichert in vielen Familien nicht den Lebensunterhalt. Sie müssen aufstocken, manche ein Leben lang, denn solche Löhne und Gehälter führen in Altersarmut.

Was ist mit einem Zweitjob?
Plechte Die Frauen im Handel haben kaum eine Möglichkeit noch einen Nebenjob anzunehmen. Sie sind für einen zweiten Arbeitgeber zeitlich nicht planbar, weil sie in ihrem Erstjob als Verkäuferin jederzeit erreichbar und einsetzbar sein müssen. Da wird eine sehr hohe Flexibilität erwartet, immer da zu sein, wenn die Kunden sie brauchen. Und dabei reicht das Einkommen dann nicht mal zum Leben.

Mit welcher Rente kann eine Verkäuferin rechnen?
Plechte Wer 40 Jahre lang 2500 Euro brutto pro Monat verdient, kommt künftig auf 897 Euro Rente pro Monat. Allerdings verdient selbst eine Vollzeitverkäuferin in Brandenburg keine 2500 Euro Brutto pro Monat. Sie kommt auf höchstens 2434 Euro, sofern sie vollzeitbeschäftigt arbeiten darf.

Was ist üblich?
Plechte Klassisch wird die Verkäuferin in Teilzeit angestellt; mit 20 Arbeitsstunden pro Woche und einem Monatsbrutto von 1290 Euro. Bleibt es bei dem Einkommen und hält sie 40 Arbeitsjahre durch, dann bringt das künftig 416 Euro Rente, das ist Altersarmut. Und das heißt, am Ende zahlen wir alle für den Preiskampf im Handel. Allein im Jahr 2015 haben die Steuerzahler in Deutschland das Geschäftsmodell des Einzelhandels mit rund 1,4 Milliarden Euro bezuschusst. Das ist die Summe der ergänzenden oder aufstockenden Sozialleistungen, die Einzelhandelsbeschäftigten vom Amt gewährt wurde, weil ihre Einkommen nicht existenzsichernd waren. Das Schlimme ist, der Arbeitgeberverband HDE verschließt davor die Augen.

Inwiefern?
Plechte Der Handelsverband Deutschland geht davon aus, dass die Mehrheit der Beschäftigten im Einzelhandel nur deshalb Teilzeit arbeitet, weil sie sich etwas dazu verdienen wollen. Das ist ein völlig falsches Bild. Hier bei uns in Brandenburg sind viele Frauen Alleinverdienerinnen. Sie suchen sich die Teilzeit nicht aus, sie bekommen keine anderen Verträge.

Wo kommt das her mit den Teilzeitverträgen?
Plechte Das hat einfach ökonomische Ursachen. Es geht um wenig Personalkosten und hohe Produktivität. Die Arbeitgeber sagen immer, sie brauchen Hände. Wenn sie zwei Teilzeitkräfte einstellen anstelle einer Vollzeitkraft, dann haben sie schon vier Hände. Eine Vollzeitkraft darf laut Arbeitszeitgesetz höchstens zehn Stunden am Tag beschäftigt werden. Die Teilzeitkraft wird von vornherein so geplant, dass sie länger arbeiten muss. Sie macht noch ihre Paletten zu Ende und füllt die Regale auf, bekommt aber trotzdem nur ihr Teilzeitgehalt. In den wenigsten Fällen werden die Mehrstunden bezahlt. Die bleiben auf dem Konto stehen und dürfen vielleicht mal abgebummelt werden, wenn weniger los ist. So wird der Preiskampf im Handel auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen, und nach außen hin mit Öffnungszeiten bis Mitternacht und Niedrigpreisangeboten im Warenregal dem Kunden suggeriert, Du bist König. Und keiner sieht, was hinter den Kulissen passiert.

Was passiert da?
Plechte Im Handel tobt eine regelrechte Vernichtungsschlacht. Das ist kein Preiskampf mehr, das ist Krieg. Die Tarifflucht nimmt zu und die Beschäftigten müssen immer mehr leisten fürs Geld, denn die Arbeitsverdichtung nimmt zu. Mit der Digitalisierung werden alle Prozesse total optimiert, vom Lager bis zur Kasse. Vor 20 Jahren saß eine Kassiererin tatsächlich nur an der Kasse und kassierte. Heute muss sie eine bestimmte Zahl von Kassenanschlägen schaffen pro Minute, zusätzlich Handy-Verträge und Finanzierungen abschließen, Bargeld auszahlen und Regale einräumen, wenn keine Kunden an der Kasse stehen oder eine Kollegin krankheitsbedingt ausfällt. Am Ende bleibt der Mensch auf der Strecke. Das kann nicht sein, da muss man gegensteuern.

Was unternimmt die Gewerkschaft Verdi ganz konkret, um hier gegenzusteuern?
Plechte Unser Fokus liegt auf guten Arbeitsbedingungen und darauf, die Tarifverträge im Einzelhandel wieder für allgemein verbindlich zu erklären, so wie sie es bis 2001 waren. Sind sie allgemein verbindlich, gilt überall gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Dann wird sich zum Beispiel eine Handelskette wie Rewe überlegen, ob sie an Öffnungszeiten bis Mitternacht festhält. Auch die mit der Entwicklung im Online-Handel immer drängender werdende Forderung der Arbeitgeber nach mehr Sonntagsöffnungszeiten dürfte sich relativieren. Ohnehin kann man im Online-Handel zwar auch sonntags Waren bestellen, aber gepackt werden die Pakete erst am Montag. Sonntags ist der Online-Handel also auch nur ein riesiges Schaufenster.

Wie beurteilen Sie die Chancen auf eine Tarifeinigung am Mittwoch?
Plechte Das hängt davon ab, welches Angebot die Arbeitgeber zur Ost-West-Angleichung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes unterbreiten. 28 Jahre nach dem Mauerfall trennen Ost und West immer noch rund 420 Euro bei diesen jährlichen Sonderzahlungen. Das soll sich ändern, wie die Arbeitgeberseite bereits signalisiert, aber offensichtlich nicht für alle. Bisher ist eine Angleichung differenziert nach drei Ortsklassen im Gespräch. Demnach sollen berlinnahe Regionen zügiger an das Westniveau angeglichen werden. Berlinferne Regionen, darunter die kreisfreie Stadt Cottbus, sollen erst viel später folgen. In einer Ortsklasse null sind gar keine Angleichungen vorgesehen.

Wen würde das treffen?
Plechte Die Prignitz und die Uckermark, die Landkreise Elbe-Elster, Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz und die Stadt Frankfurt (Oder). Das ist grenzwertig! Wir werden in keinem Fall hinnehmen, dass unsere Mitglieder im Kaufland-Logistiklager Lübbenau leer ausgehen bei der Angleichung der Sonderzahlungen. Sie haben mit ihren Streikaktionen mutig und tatkräftig dazu beigetragen, dass sich die Arbeitgeber in den Verhandlungen bewegen. Es geht für alle Beschäftigten auch um eine Entgelterhöhung. Da erwarten wir keine Abkopplung zu den bereits abgeschlossen Tarifverträgen in sieben Bundesländern.

Mit Heike Plechte

sprach Beate Möschl

Zum Thema:
Laut Verdi sind mehr als 5,1 Millionen Menschen im Handel beschäftigt, darunter 3,1 Millionen im Einzelhandel. Von diesen arbeiten mehr als zwei Millionen in Teilzeit oder als geringfügig Beschäftigte in Minijobs (Stand 2015). Nur 30 Prozent der Beschäftigten im Einzel- und 21 Prozent der Beschäftigten im Groß- und Außenhandel arbeiten in tarifgebundenen Betrieben. Deshalb fordert Verdi die Arbeitgeberverbände auf, gemeinsam mit der Gewerkschaft eine Reform der Allgemeinverbindlichkeit zu organisieren. Denn im Ergebnis der Tarifflucht würden Unternehmen häufig über Lohnkosten konkurrieren statt über Produkte, Service und Dienstleistungen. Verdi zufolge zahlen tarifungebundene Firmen oft bis zu einem Drittel weniger als tarifgebundene. (moe)

Heike Plechte kritisiert, dass immer weniger Firmen Tarif zahlen.
Heike Plechte kritisiert, dass immer weniger Firmen Tarif zahlen. FOTO: moe