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| 06:15 Uhr

Kultur
„Dem Himmel nahe“

Das Brandenburger Schmuckstück aus der Drohnenperspektive: das Kloster in Neuzelle mit dem Klostergarten im Vordergrund, der evangelischen Kirche (l.) der katholischen Kirche (M.) und dem Gymnasium im Stift Neuzelle (r.)
Das Brandenburger Schmuckstück aus der Drohnenperspektive: das Kloster in Neuzelle mit dem Klostergarten im Vordergrund, der evangelischen Kirche (l.) der katholischen Kirche (M.) und dem Gymnasium im Stift Neuzelle (r.) FOTO: Patrick Pleul / dpa
Neuzelle. Das 750. Jahr des Bestehens der Klosteranlage Neuzelle wird in diesem Jahr gefeiert. Zudem soll sich entscheiden, ob langfristig wieder Mönche in Brandenburgs Barockwunder leben – erste sind schon da. Von Jeanette Bederke

 Die hölzerne Madonna mit dem Kind auf dem Arm wirkt etwas verloren in ihrer gläsernen Vitrine im Kreuzgang des einstigen Zisterzienserklosters Neuzelle (Oder-Spree). Seit Jahren ist das Kunstwerk aus dem 14. Jahrhundert Bestandteil der Ausstellung. Doch eigentlich bildete es, umringt von Heiligenfiguren, den Mittelpunkt eines gotischen Altars in der Dorfkirche Steinsdorf (Oder-Spree). „Im 19. Jahrhundert hatte die katholische Kirchengemeinde Neuzelle das kunsthistorisch bedeutsame Werk angekauft und für Prozessionszüge zur Wallfahrt genutzt“, sagt Holzrestauratorin Dorothee Schmidt-Breitung.

Die Spezialistin aus Breslack wird den stark beschädigten Altar samt Madonna in den nächsten Wochen sanieren, bevor er Bestandteil der überarbeiteten Dauerausstellung im Kloster Neuzelle wird – pünktlich eröffnet anlässlich des 750. Kloster-Gründungsjubiläums.

„Auch wenn der Altar ursprünglich nicht zum Kloster gehörte, sind wir froh, ihn ausstellen zu können“, sagt Walter Ederer, Marketing-Direktor der Stiftung Stift Neuzelle. Schließlich gebe es kaum noch Original-Exponate aus der Anlage, die 1268 von Zisterziensermönchen gegründet worden war. Die Schau im Kloster-Kreuzgang werde nach fast neun Jahren für rund 328 000 Euro aus Bundes- und Landesmitteln neu gestaltet, vor allem auf der Grundlage moderner Ausstellungsmedien.

Besucher können dann beispielsweise ein Video zum 1740 entstandenen Martinsornat sehen - die festliche Amtstracht eines Geistlichen war bisher das kostbarste Ausstellungsstück der Schau. „Das Video wurde mit winziger Technik gedreht, die vor allem in der Medizin eingesetzt wird. Farbenpracht und Gewebestruktur sind deutlich erkennbar“, sagt Ederer.

Die Digitalisierung ermöglicht Besuchern außerdem das virtuelle Blättern im 1758 erschienenen Stiftsatlas, der Eigentum der Berliner Staatsbibliothek ist. „Mit den Flur- und Dorfkarten des gesamten Stiftsgebiets gehört er zu den wichtigsten Kartenwerken des 18. Jahrhunderts“, erläutert der Marketing-Direktor. Er verweist auch darauf, dass im aktuellen Kloster-Jubiläumsjahr unter dem Motto „Dem Himmel nahe“ mehr als 100 Veranstaltungen geplant sind – von Open-Air-Konzerten über Ausstellungen und Feste bis hin zu Gesprächsreihen und Lesungen.

Offiziell eröffnet werden die Feierlichkeiten am 18. Mai. Dann ist die Klosteranlage mit der neuen Dauerausstellung „Kulturland Brandenburg“-Auftaktort 2018. Die alljährliche Kampagne steht in diesem Jahr unter dem Motto „Europäisches Kulturerbe im Land Brandenburg“.

Das Kloster Neuzelle als nördlichstes Zeugnis des süddeutschen und böhmischen Barocks stehe als eine der wenigen vollständig erhaltenen Klosteranlagen Europas für das besondere kulturelle Erbe der Mark, sagt Stephan Breiding, Sprecher des Brandenburger Kulturministeriums. „Mit erheblichen Anstrengungen des Landes und weiterer Partner wurde das Ensemble als attraktives kulturtouristisches Ziel inklusive Museum und Veranstaltungsort entwickelt.“ Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) übernimmt die Schirmherrschaft zu den Feierlichkeiten, wie es von der Staatskanzlei heißt.

Insgesamt flossen nach Stiftungsangaben seit den 90er-Jahren rund 52 Millionen Euro aus unterschiedlichen Fördertöpfen in die Klosteranlage. Spannend wird das Jubiläumsjahr in Neuzelle auch deshalb, weil sich demnächst entscheiden soll, ob Zisterziensermönche des Stiftes Heiligenkreuz in Österreich das Kloster rund 200 Jahre nach der Säkularisierung wieder besiedeln. Eine Abordnung von vier Mönchen lebt bereits auf dem Gelände und gestaltet die öffentlichen Stundengebete in der katholischen Stiftskirche. Zum Stand der Verhandlungen machen die Beteiligten derzeit allerdings keine Angaben. Das Land sei aber weiterhin an einer Ansiedlung und dem Entstehen eines neuen spirituellen Zentrums mit Anziehungskraft interessiert, sagte der Ministeriumssprecher.

Bereits am 13. Mai beginnt auf dem Kloster-Stiftshof ein Künstlerpleinair – eine Freilicht-Kunstaktion: Sieben Künstler gestalten aus Sandstein Putten, jene wohlbeleibten, wenig bekleideten und teilweise mit Engelsflügeln ausgestatteten Kindergestalten, die vor allem in der Barockzeit gern gestalterisch benutzt wurden, um Menschen den Himmel zu erklären.

Das auch als „Barockwunder Brandenburgs“ bezeichnete Kloster Neuzelle kann eine Vielzahl an Putten vorweisen – an Altären und auf Deckengemälden sowie an Dachfirsten. „Inzwischen sind Putten zum Inbegriff des Kitsches geworden. Wir sind deshalb jetzt gespannt auf moderne künstlerische Darstellungen“, erklärt Ederer. Zwei der beim Pleinair entstehenden Figuren will die Stiftung ankaufen und im barocken Klostergarten aufstellen.

Auf dem historischen Klostergelände wird schon lange evangelisches und katholisches Kirchenleben nebeneinander praktiziert. Nach der Säkularisierung des Klosters wurde nach Angaben des Kulturministeriums die katholische Kreuzkirche der evangelischen Kirche überlassen. Am Sonntag wurde ein Festgottesdienst zum 200. Geburtstag der Evangelischen Kirchengemeinde in Neuzelle gefeiert, zu dem auch Kulturministerin Martina Münch (SPD) kam. Die Stiftskirche auf dem Klostergelände wurde nach der Säkularisierung hingegen von der katholischen Kirche weiter genutzt.

Eines von unzähligen schönen Details ist diese Bauplastik (Schlussstein) in Form eines Gesichtes im Kreuzgang vom Kloster in Neuzelle.
Eines von unzähligen schönen Details ist diese Bauplastik (Schlussstein) in Form eines Gesichtes im Kreuzgang vom Kloster in Neuzelle. FOTO: Patrick Pleul / dpa