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| 15:21 Uhr

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber im Interview, Teil II
„Das war noch nicht die Heißzeit“

Der deutsche Klimaforscher und scheidende Direktor des 1992 gegründeten Institutes für Klimafolgenforschung in Potsdam,  Hans Joachim Schellnhuber.
Der deutsche Klimaforscher und scheidende Direktor des 1992 gegründeten Institutes für Klimafolgenforschung in Potsdam, Hans Joachim Schellnhuber. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Potsdam. Deutschland spürt die Hitze des gerade zu Ende gehenden Sommers noch auf der Haut. war das schon der Klimawandel? Nein, sagt Professor Hans Joachim Schellnhuber. „In einer Heißzeit wären wohl Sommertemperaturen von 45 Grad und sogar mehr keine Seltenheit mehr.“ Ein Interview über Klimaschutz, Beratung und Politik.

Professor Schellnhuber, beginnen wir mit Rilke: „Der Sommer war sehr groß.“ Sonne satt, Temperaturen wie auf Mallorca oder Kreta. Was ist schlecht daran?

Schellnhuber: Dieser Sommer war nicht nur groß, er war auch außergewöhnlich trocken. Dagegen war der Sommer 2017 überdurchschnittlich feucht, vor allem in Ostdeutschland. Extreme Schwankungen wie diese machen uns Sorgen. Für die Landwirtschaft zum Beispiel es ist eine riesige Herausforderung, sich an das Verschwinden der „normalen“ Witterung anzupassen. Die „neue Normalität“ sind in einer insgesamt wärmer werdenden Welt Tagestemperaturen von 38 Grad und mehr und Tropennächte an der Spree – wie zuletzt erfahren. Das spürt auch jeder Einzelne, denn in einer nicht klimatisierten Dachwohnung schläft sich’s dann nicht mehr gut. Bei der europäischen Hitzewelle 2003 kam es übrigens zu Zehntausenden von vorzeitigen Todesfällen.

Ist das schon die „Heißzeit“, die Sie jüngst prophezeit haben?

Schellnhuber: Keineswegs. Heute ist die Welt ein bescheidenes Grad Celsius wärmer als noch vor Beginn der Industrialisierung. Infolgedessen sind bereits häufigere oder stärkere Wetterextreme zu erwarten, aber das ist noch lange nicht der Ernstfall. Trotzdem ist bemerkenswert, mit welchen Herausforderungen dieses eine Grad schon verknüpft ist, von der Landwirtschaft bis zur öffentlichen Gesundheit. Vor allem ältere oder kranke Menschen sind gefährdet, und dem muss man strategisch und institutionell Rechnung tragen. Bei ungebremstem Klimawandel könnten wir aber irgendwann vor der Wahl stehen, Häuser und Wohnungen entweder voll zu klimatisieren, was Kosten und zusätzliche Emissionen verursachen würde, oder aufs Land zu ziehen oder gleich in kühlere Regionen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, liegt die globale Erwärmung Ende dieses Jahrhunderts vielleicht schon bei 4 Grad – das bedeutet dann „extreme“ Extreme.

Und woran liegt das?

Schellnhuber: Zum einen eben nur am Anstieg der Mitteltemperatur, um die herum dann die Witterung schwankt. Aber es gibt auch raffiniertere Effekte, die mit den zu erwartenden Änderungen der großen Zirkulationsmuster in der Atmosphäre zusammenhängen. Unsere Forschung hat etwa gezeigt, dass durch den Klimawandel Blockadewetterlagen im Sommer häufiger werden können – in Form ortsfester Hochs wie in den letzten Monaten in Deutschland oder Skandinavien, wo es einfach nicht mehr regnet, weil die Westwindlagen sich nicht durchsetzen können. Oder wir sitzen in einer Niederschlagsblase im Nordstau der Alpen, während südlich des Gebirges vier Monate lang kein Tropfen Regen fällt.

Der tiefere Grund für diese Phänomene ist die Tatsache, dass sich die Erderwärmung geographisch nicht gleichmäßig vollzieht - die Arktis erwärmt sich zum Beispiel viermal so schnell wie unsere Breiten. Was wiederum Auswirkungen auf die weitere regionale Erwärmung hat: Wenn das Meereis am Nordpol schmilzt und dunkle Wasserflächen dominieren, wird auch weniger Sonnenlicht reflektiert und es wird noch wärmer. Daraus kann sich eine Art Teufelskreis entwickeln.

Und die Folgen?

Schellnhuber: Nehmen wir nur mal die Extreme: Zwischen der kalten Luft in der Arktis und der wärmeren Luft in den gemäßigten Breiten bildet sich der Jetstream, eine gewaltige Höhenluftströmung, die mit dem Transport von Hochs und Tiefs unser Wetter bestimmt. Diese gigantischen Windbänder werden also durch Temperaturdifferenzen angetrieben, die aber wegen der überproportionalen Aufheizung der Arktis abnehmen. Dadurch wird der Jetstream träger und bildet nordwärts und südwärts Schlaufen aus. In einer entsprechenden Nord-Schlaufe waren wir in diesem Sommer über Monate gefangen.

Und diese verschiedenen Symptome – Waldbrände durch Dürre, Überschwemmungen und Tornados – haben alle dieselbe Ursache?

Schellnhuber: Es hängt alles zusammen mit der CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die wir täglich messen können. Die ist heute höher als in den letzten zweieinhalb Millionen Jahren Erdgeschichte. Und hieraus resultiert der zusätzliche Treibhauseffekt, der das Klimasystem destabilisiert.

Wenn wir jetzt schon unter den Auswirkungen von nur einem Grad Erderwärmung leiden, wie sieht es dann in Deutschland erst bei zwei Grad aus?

Schellnhuber: Reden wir erst über den ganzen Planeten. Schon zwischen 1,5 und 2 Grad Erderwärmung könnten wir sogenannte Kipp-Punkte erreichen: Der Grönländische Eisschild könnte zum Beispiel irreversibel zu schmelzen beginnen, und wir könnten Ökosysteme wie die tropischen Korallenriffe verlieren. Die Frage ist, ob wir es schaffen, die Erwärmung dann langfristig bei sagen wir drei Grad zu halten, womit wir vielleicht noch irgendwie umgehen könnten, oder ob wir immer weiter in eine „Heißzeit“ hineinrutschen mit einer langfristigen Erwärmung von fünf bis sechs Grad, weil sich der Klimawandel auch ohne weiteres menschliches Zutun selbst verstärkt.

Und in Deutschland?

Schellnhuber: In einer Heißzeit wären wohl Sommertemperaturen von 45 Grad und sogar mehr keine Seltenheit mehr. Drei oder vier Dürrejahre könnten dann hintereinander vorkommen, statt verteilt über längere Zeiträume. Das würde schwierig zu verkraften sein. Hinzu kommt der global steigende Meeresspiegel - bei drei Grad Erwärmung auf sehr lange Sicht mindestens zehn Meter. Davon wären auch wir betroffen.

In welchem Zeitraum?

Schellnhuber: Das können hunderte von Jahren sein, vielleicht auch tausende. Aber bis zu zwei Meter Meeresspiegelanstieg bis zum Ende dieses Jahrhundert sind nicht ausgeschlossen. Dann müsste man die Ostseeküste komplett eindeichen, um nicht ganze Landschaften zu verlieren. Aber rund um den Globus wären hunderte Millionen betroffen, denn 90 Prozent aller Siedlungen weltweit liegen an der Küste. Da stellt sich die Frage, wo diese Menschen hinziehen sollen.

Und wo?

Schellnhuber: Migration findet bisher vor allem im eigenen Land und innerhalb der eigenen Kultur statt. Diese Bewegungen sickern langsam vom Hinterland in die Mittelstädte, dann in größere Städte, und irgendwann gibt es bei immer weiter erhöhtem Druck vielleicht eine elendsgetriebene transnationale Migration – ausgelöst vor allem von kollabierenden Staaten, wie wir es am Beispiel Syrien gesehen haben.

Der Klimawandel wird diesen Druck verstärken, und die Hoffnung, man könne sich hier in Deutschland einfach die Decke über den Kopf ziehen und das Elend der Welt da draußen vergessen, ist Selbstbetrug und Realitätsverweigerung. Selbst wenn wir in Deutschland mit zwei oder mehr Grad Erderwärmung vielleicht noch zurechtkommen sollten, könnten wir uns doch nicht vom Rest der Welt abkoppeln.

Und mit diesem Ausblick geben Sie die Leitung des Instituts nach 26 Jahren ab. Amerika hat einen Präsidenten, der den Klimawandel leugnet, im Bundestag sitzen auch Klimaskeptiker, frustriert Sie das nicht?

Schellnhuber: Natürlich ist es enttäuschend, wenn im 21. Jahrhundert die wissenschaftliche Evidenz von mächtigen Politikern ignoriert wird. Aber die allermeisten Menschen, auch die allermeisten Entscheider, haben das Klimaproblem heute begriffen. Manchmal denke ich allerdings, wir Forscher hätten vielleicht von Anfang an selbstbewusster auftreten müssen und uns nicht scheuen dürfen, auch als „Alarmisten“ beschimpft zu werden. Wenn man aus einem brennenden Haus herausläuft und Feuer ruft, ist man ja wohl kein Hysteriker. Zu einer ehrlichen Bilanz gehört allerdings auch festzustellen: Die Politik hat immer wieder entscheidende Möglichkeiten, den Klimaschutz voranzutreiben, ungenutzt gelassen.

Was ist denn besser geworden durch die Arbeit Ihres Instituts?

Schellnhuber: Erst durch die Erkenntnisse der Klimaforschung konnte ein Bewusstsein dafür entstehen, dass wir mit der Erderwärmung vor einer einzigartigen Herausforderung stehen. Dazu haben wir hier am Institut maßgeblich beigetragen. Fakten sind sinnlos ohne eine sie einbettende Erzählung. Diesen Rahmen haben wir geduldig, hartnäckig und gewappnet mit hoher Frustrationstoleranz geschaffen, gemeinsam mit vielen Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und der ganzen Welt.

Vielleicht nicht drastisch genug.

Schellnhuber: Das mag sein, aber die Menschen sind jetzt in der Lage, Fakten und Vorgänge einzuordnen. Dazu kommt, dass wir heute nicht nur die Hintergründe des Klimawandels und seiner Folgen kennen, sondern auch exzellente Bewältigungsstrategien anbieten können, also Lösungsvorschläge. Das ist die Plattform, von der aus ich die Frage stellen konnte: Lässt sich eine „Heißzeit“ doch noch abwenden?

Und Ihre Antwort?

Schellnhuber: Ja! Was sich allerdings nicht mehr abwenden lässt, ist die Unterbrechung des natürlichen Eiszeitzyklus durch menschengemachte CO2-Emissionen. Das ist schon eine bestürzende Einsicht, dass der Mensch als geologische Kraft bereits so grundlegend in die Maschinerie unseres Planeten eingegriffen hat.

Aber wir können das Erdsystem immer noch in einem Bereich halten, in der die Zivilisation, wie wir sie heute kennen, weiter bestehen bleiben kann. Dafür braucht es jedoch entschlossenen und ambitionierten Klimaschutz. Und durch den enormen technologischen Fortschritt etwa bei den erneuerbaren Energien haben wir alle Optionen.

Man könnte auch sagen, Sie können beruhigt in den Ruhestand gehen: Die Elektromobilität ist in aller Munde, es gibt eine Energiewende, jeder ist sich des Klimawandels bewusst. Eigentlich läuft doch alles in Ihrem Sinne.

Schellnhuber: Nicht alles, aber vieles. Was aber leider nicht stimmt, ist das Tempo der Veränderung.

Was ist da schiefgelaufen? Deutschland ist als klimapolitischer Vorreiter gestartet und kann jetzt nicht einmal die Klimaziele 2020 einhalten.

Schellnhuber: Nun, wenn es um langfristige Probleme geht, ist die Politik oft schon zufrieden, wenn sie einen symbolischen Beschluss fasst. Deutschland hat einmal Klimaziele beschlossen – und damit war es dann auch gut. Ob diese jemals erreicht würden, war erstmal zweitrangig. Ich war dabei, als 2015 in Frankreich das Zwei-Grad-Ziel beschlossen wurde. Die Politiker lagen sich in den Armen, Freudentränen wurden vergossen, hunderte von Journalisten aus der ganzen Welt berichteten über das „Wunder von Paris“.

Wir Wissenschaftler haben damals aber schon gesagt, dass es nicht nur das Ziel, sondern auch einen guten Plan braucht, wie man dorthin kommt. Sonst könnte man ja auch beschließen, Erdbeben von Stärke Acht aufwärts einfach zu verbieten. Die Umsetzung war für die Politik in Paris aber zunächst nebensächlich, weil man so glücklich war, eine Einigung zu haben.

Warum ist das so?

Schellnhuber: Der Mensch scheint evolutionär darauf programmiert zu sein, kurzfristig zu agieren. Nehmen Sie das Thema Chemnitz: Das ist eine tragische aktuelle Geschichte, über die selbstredend berichtet werden muss. Aber so wichtig diese Konfrontation auch ist: Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die entstehen, wenn wir weiter Kohle, Gas und Öl verfeuern, dürften noch viel tiefer sein. Nur wird das kaum öffentlich wahrgenommen, während die Vorgänge in Chemnitz jetzt die Schlagzeilen beherrschen. Die Diskussion über die dringend notwendigen klimapolitischen Weichen, die wir stellen müssen, wird durch tagespolitische Aufregungen immer wieder getoppt werden. Da stimmen die Dimensionen einfach nicht.

Dabei haben Sie doch wichtige Leute beraten – die Kanzlerin, den Papst. Haben die nicht auf Sie gehört, haben Sie als Berater versagt?

Schellnhuber: Ich glaube schon, dass die aufmerksam zugehört und sogar etwas gelernt haben. Aber die Trägheit des Systems ist enorm. Früher dachte ich noch, wenn man nur mit den richtigen Politikern spricht, werden diese schon die richtigen Maßnahmen rechtzeitig in die Wege leiten. Doch die Politik nimmt Zukunftsverantwortung über die Legislaturperiode hinaus immer seltener wahr, weil sie dafür sofort abgestraft wird. Inzwischen glaube ich, neben all dem Werben für politische Maßnahmen ist es mindestens ebenso wichtig, eine gute Geschichte zu erzählen, in der die Menschen gerne vorkommen wollen.

Das müssen Sie näher erklären.

Schellnhuber: Wir brauchen eine neue Erzählung der Moderne, die bewegen und begeistern kann. Eine von Wirtschaften, die sich in Kreisläufen bewegen, von anständigem Konsum, der nicht auf Tierquälerei fußt, von Städten, die nicht dem Auto geopfert werden, sondern ein nachhaltiges urbanes Leben zulassen. Eine Erzählung, die Chancen aufzeigt, Zukunft selbst mitgestalten zu können. Es gibt tatsächlich eine bessere Erzählung als die, die unser heutiges Leben beherrscht. Am Ende all meiner physikalischen und mathematischen Weisheit ende ich bei dieser einfachen Erkenntnis.

Mit Hans Joachim Schellnhuber sprachen Thomas Block und Gunther Hartwig

Was sagt Professor Schellnhuber zur Lausitz und zum Strukturwandel nach der Kohle? Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews.