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| 22:00 Uhr

Wem gehört die Natur?
Das Ringen um den Lebensraum

Der Wolf.
Der Wolf. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus. Die Überschneidung von Stadt- und Naturlandschaften ist für den Menschen selbstverständlich, für die Tiere nicht. Was passiert, wenn Wolf, Kormoran und Fuchs sich ihren Lebensraum suchen? Von Jenny Theiler

Wirtschaft und Politik machen sich die Natur seit Jahrhunderten zum Untertan. Abgeholzte Wälder und zubetonierte Wiesen sollen zu Lebensräumen für Menschen werden. Die Rücksicht auf Mitlebewesen wie Wald-, Wild- und Wassertiere kommt dabei oft zu kurz. Dass die Beschneidung der tierischen Lebensräume aber auch dem Menschen schadet, ist vielen noch immer nicht klar.

Tiere sind den Menschen in ihrem Selbsterhaltungstrieb sehr ähnlich, weiß Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Naturschutzbundes (Nabu) Brandenburg. „Tiere versuchen auch immer wieder neue Lebensräume zu finden, wenn sie aus ihren alten verdrängt werden. Je stärker die Tiere in ihrer Lebensweise eingeschränkt werden, desto stärker geraten sie auch mit den Menschen in Verbindung.“ Ob sich der Mensch durch unliebsame Waldbewohner auf seinem Grundstück gestört fühlt, interessiert die nahrungssuchenden Gäste wie Füchse, Dachse und Marder dabei herzlich wenig.

Insbesondere Füchse sind sehr lernfähig und betrachten den Menschen nicht mehr unbedingt als Bedrohung, sondern viel mehr als Ernährer. „Im Wesentlichen sind Waldtiere dem Menschen gegenüber scheu. Dennoch haben sie gelernt mit ihm umzugehen, insbesondere dann, wenn es um die Nahrungssuche geht“, erklärt Christiane Schröder. Überfüllte Mülltonnen oder unsachgemäße Müllentsorgung in Kleingartenanlagen locken Füchse und Kleintiere an. Die Beschwerden über Füchse, die auf Privatgrundstücken herumwildern, häufen sich bei der unteren Jagdbehörde in Cottbus. „Wenn ein Fuchs irgendwo mal Futter gefunden hat, kommt er auch immer wieder“, erklärt Mario Wotschka von der unteren Jagdbehörde. Ausrichten können die Behörden gegen den roten Räuber nichts. „Der Fuchs geht auf Wanderschaft, das gehört zu seiner Lebensart und ist nichts Ungewöhnliches“, so Mario Wotschka. Das enge Zusammenleben mit Wildtieren ist kein typisches Brandenburg-Thema, sondern deutschlandweit nichts Ungewöhnliches.

Dabei seien die meisten Bundesbürger über die vielseitige Tierwelt in heimischen Wäldern äußerst erfreut, wie auch eine kürzliche Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag des Nabu bestätigt. 79 Prozent, also die große Mehrheit, findet es sogar erfreulich, dass auch der Wolf wieder ein Teil der Natur in Deutschland ist. „55 Prozent verbinden mit dem Wolf positive Gefühle, bei nur zwölf Prozent kommen negative Gefühle zum Tragen“, erklärt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Das kann auch Brandenburgs Nabu-Chefin bestätigen. „Das große Problem, das die meisten Wolfsgegner mit den Tieren haben, ist schlichtweg ein emotionales“, weiß Christiane Schröder.

Bei der Ausbreitung urbaner Lebensräume wird die Natur oft als hinderlich betrachtet. Da der Wolf zur Natur gehört und unter Naturschutz steht, wird auch er als ein Ärgernis empfunden, unabhängig davon, ob er Weidetiere reißt oder nicht. „Das Land Brandenburg gibt in der Tat viel Geld für den Wolf aus – vor allem für dessen Schutz, Betreuung und natürlich die Aufklärungsarbeit“, räumt Christiane Schröder ein. Dieses Geld fehle dann natürlich an anderer Stelle. Insbesondere Landwirte würden sich in dieser Thematik oft übergangen und von der Landesregierung im Stich gelassen fühlen.

Der teilweise militante und einseitige Naturschutz, der zur Erhaltung des Wolfes propagiert wird, sei allerdings auch nicht der richtige Weg und würde die Wolfshetze in Brandenburg nur noch mehr anstacheln, gibt auch Christiane Schröder zu: „Die Kommunikation rund um den Wolf muss viel transparenter gemacht werden. Die Tiere haben sich an den Menschen angepasst. Auf ihre veränderten Verhaltensweisen muss reagiert werden.“ Das räumt auch Leif Miller ein: „Wir müssen wieder lernen mit dem Wolf zu leben, dazu gehören neben Informationen und Aufklärung vor allem auch Unterstützung für Nutztierhalter beim Herdenschutz.“ In Bezug auf den Kormoran habe man ja bereits Kompromisse gefunden. Die Wasservögel sind nur in der Nähe von Teichwirtschaften zum Abschuss freigegeben, dürfen aber in freien Gewässern uneingeschränkt auf Nahrungssuche gehen. „Dieses Arrangement funktioniert, weil auch die Vögel mit der Zeit lernen, wo sie erfolgreich jagen können und wo nicht“, erklärt Christiane Schröder.

Zum Abschuss wird der Wolf auch weiterhin nicht freigegeben, wie der Nabu in einer Pressemitteilung vom 27. April bestätigt. Zudem soll auch der Schutzstatus des Wolfes weiterhin bestehen bleiben. Die Forderung des Deutschen Jagdverbandes, den Wolf wieder in das Bundesjagdrecht aufzunehmen, wird nicht nur vom Nabu streng verurteilt. Denn unabhängig von Bewohnern der Stadt oder dem ländlichen Raum bleibe die Zustimmung für den Wolf allgemein sehr hoch, sagte der Nabu.