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Interview
„Das ist Volksverdummung“

Professor Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler an der westfälischen Hochschule in Recklinghausen.
Professor Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler an der westfälischen Hochschule in Recklinghausen. FOTO: Ulrich Zillmann / Westfälische Hochschule
Recklinghausen. Wie aussagefähig ist die deutsche Arbeitslosenstatistik? Die RUNDSCHAU hat darüber mit Professor Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler an der westfälischen Hochschule in Recklinghausen, gesprochen. Von Bodo Baumert

Herr Bontrup, ist die Arbeitslosenstatistik, so wie sie die Arbeitsagentur monatlich ausgibt, aussagefähig über den deutschen Arbeitsmarkt?

Bontrup Nein. Das sind geschönte Zahlen, die mit der ökonomischen Wirklichkeit nichts zu tun haben. Das ist schöngerechnet. Da kann die Arbeitsagentur aber gar nichts dafür. Die Agentur setzt nur um, was im Gesetz steht. Das ist ein Versagen der Politik, die solche Vorgaben macht.

Was fehlt denn in der Statistik?

Bontrup Zunächst einmal fehlt die eine Million Menschen, die von Fremdfirmen vermittelt werden oder zum Zeitpunkt der Erfassung krank sind. Auch Hartz-IV-Empfänger über 58 Jahre und Ein-Euro-Jobber werden nicht als arbeitslos registriert. Das weist die Statistik als Unterbeschäftigte aus, im Kleingedruckten. Dann sind wir statt bei
2,4 Millionen Arbeitslosen in Deutschland schon bei 3,3 Millionen. Aber das ist auch noch nicht die volle Wahrheit. Da fehlen noch die Teilzeitangestellten, die gerne 30 Stunden in der Woche arbeiten würde, aber nur zehn oder 20 Stunden arbeiten können, weil sie keine andere Möglichkeit finden. Von den zwölf Millionen Teilzeitbeschäftigten sind das sechs Millionen. Von denen wird nicht jeder mehr arbeiten wollen, viele aber schon.

Wie müsste dann eine ehrliche Arbeitslosenzahl aussehen?

Bontrup Wenn Sie alle mitrechnen, von denen ich gerade gesprochen habe. Und dann noch die stille Reserve derjenigen dazurechnen, die sich nicht bei der Arbeitsagentur melden, sind Sie schnell bei fünf bis sechs Millionen und nicht mehr bei 2,4 Millionen. Und die Manipulation geht ja noch weiter. Um die Arbeitslosenquote zu ermitteln, wird nicht nur beim Zähler getrickst sondern auch der Nenner hochgerechnet. Da tauche ich auch auf, wie alle Beamten. Die können gar nicht gekündigt werden, also auch nicht arbeitslos werden. Selbstständige werden ebenfalls eingerechnet. So ergibt sich dann eine ganz kleine Arbeitslosenquote. Das ist ein Skandal.

Gibt es denn andere Länder, bei denen sich Deutschland eine ehrlichere Statistik abschauen könnte?

Bontrup Nein. In der EU machen das alle so.

Mit Professor Heinz-Josef Bontrup sprach Bodo Baumert