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| 15:52 Uhr

Forscherteam der BTU Cottbus-Senftenberg in Bordeaux
Cottbuser Student fliegt auf und ab für Forschung

Marcel Jongmanns (hi. Mi.), Doktorand von der BTU Cottbus-Senftenberg, und andere Forscher sind bei einer Parabelflugkampagne im französischen Bordeaux vorige Woche für Experimente in der Schwerelosigkeit in die Luft gegangen.
Marcel Jongmanns (hi. Mi.), Doktorand von der BTU Cottbus-Senftenberg, und andere Forscher sind bei einer Parabelflugkampagne im französischen Bordeaux vorige Woche für Experimente in der Schwerelosigkeit in die Luft gegangen. FOTO: BTU
Bordeaux/Cottbus. Marcel Jongmanns ist Doktorand am Lehrstuhl für Aerodynamik und Strömungslehre der BTU Cottbus-Senftenberg. Für Experimente in der Schwerelosigkeit ist er in Bordeaux mit auf Parabelflug gegangen.

Wird einem da nicht schlecht, so in der Schwerelosigkeit? „Wir bekommen ein Medikament gespritzt, das sozusagen den Gleichgewichtssinn außer Kraft setzt, damit einem nicht so schnell schlecht wird“, erklärt Marcel Jongmanns, Doktorand am Lehrstuhl Aerodynamik und Strömungslehre von Prof. Dr.-Ing. Christoph Egbers an der BTU Cottbus-Senftenberg.

Der 33-Jährige und weitere Wissenschaftler der BTU sind Teil des einzigen deutschen Teams, das vom 1. bis 5. Oktober an der 139. Parabelflugkampagne der französischen Raumfahrtbehörde CNES im französischen Bordeaux teilgenommen hat – möglich wird das auch dank des Fördervereins der BTU, der etwa Teile der Reisekosten übernimmt. Forschungsteams verschiedener Länder sind dort, um in nur Sekunden dauernder Schwerelosigkeit Experimente zu machen.

So wie Marcel Jongmanns, der zurzeit an seiner Doktorarbeit, die sich ganz grob gesagt mit dem Wärmetausch in der Schwerelosigkeit befasst, schreibt. Wärmetauscher, der Laie kennt sie aus Heizungsanlagen, übertragen Wärme von einem Medium oder einer Substanz auf ein anderes Medium oder eine Substanz. Doch statt um Wärmetausch für Heizungsanlagen geht es für Marcel Jongmanns und seine wissenschaftlichen Kollegen um Wärmetauscher für Weltraumsatelliten und Co.

Um ohne Störfaktoren herauszufinden, wie Flüssigkeiten die Wärme in der Schwerelosigkeit transportieren, werden die Experimente also unter realistischen Bedingungen durchgeführt. Die Experimente, die Jongmanns für seine Doktorarbeit vornimmt, sind auch Teil eines übergeordneten Forschungsprojekts der BTU, das bereits seit 2016 und noch bis März 2019 läuft.

Doch wie genau laufen die Parabelflüge ab, damit für 22 Sekunden die Erdanziehungskraft – im Fachjargon auch Mikrogravitation genannt – weitgehend außer Gefecht gesetzt werden kann. Das Flugzeug beschreibt dem Titel gemäß eine Parabel eine Art bogenförmigen Berg, aber nicht nur einmal, sondern rund 30 Mal nacheinander.

Zuerst beschleunigt das Flugzug und fliegt steil nach oben, drosselt dann die Triebkraft auf das absolute Minimum und beschreibt quasi im freien Fall eine Parabelkurve nach unten – und genau dann herrscht Schwerelosigkeit. Dann werden die Triebwerke wieder durchgestartet, das Flugzeug fliegt dann etwa drei Minuten horizontal, bevor es zur nächsten Parabel ansetzt. Zudem wird zwischendrin eine längere Zeit geradeaus geflogen; um im gleichen Fluggebiet zu bleiben und damit die Forscher kurz pausieren können.

„Das ist schon anstrengend“, sagt Jongmanns. Etwa drei bis vier Stunden sind die Wissenschaftler so durchgehend in der Luft, um ihre Experimente zu machen. Zudem mache das Mittel, das die Übelkeit vermeiden soll, sehr müde.

Der Versuchsaufbau für das Experiment und die notwendigen Geräte für Messungen werden in speziellen Boxen im Flugzeug verankert. „Das alles erfolgt vollautomatisiert. Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter, die mitfliegen, sind dabei, um einzugreifen, falls etwas nicht klappt“, erklärt Teamleiter Dr.-Ing. Martin Meier vom Lehrstuhl Aoerodynamik und Strömungslehre an der BTU Cottbus-Senftenberg.

Die aktuelle Parabelflugkampagne werde in enger Kooperation mit französischen Partnern vom Labor für Wellen und Medien der Normandie Université Le Havre durchgeführt. Schon seit zwölf Jahren bestehe da eine Kooperation, so Meier.

An allen Tagen der Parabelflugkampagne in Bordeaux und bei rund 90 Parabeln waren die BTU-Wissenschaftler, die sich täglich in Zweierteams abwechseln, dabei. Die Auswertung der gewonnenen Daten aus den Experimenten wird nun Monate dauern, erklärt Martin Meier das weitere Prozedere. Außerdem seien dann noch viele Laborexperimente notwendig. Es ist aber ein wenig Eile geboten, denn Ende des Jahres muss Marcel Jongmanns seine Doktorarbeit abgeben.

Kurz darauf läuft dann auch das darüber stehende Forschungsprojekt aus. Deshalb, so Dr. Meier, ist ein Nachfolgeprojekt geplant. Zurzeit wird darum ein Antrag bei der Deutschen Raumfahrtagentur für die Teilnahme am TEXUS-Programm (Technologische Experimente unter Schwerelosigkeit) des DLR-Raumfahrtmanagements vorbereitet.

Hier werden die Experimente mit Mikrogravitation mit einer ballistischen Rakete durchgeführt, die dann die Erdanziehungskraft noch viel stärker und für insgesamt sechs Minuten auf fast 0 drückt. Hier wird dann die Exerimentübewachung vollständig von außen gesteuert, denn in die Rakete passen keine Personen.

Aber, wie fühlt sich denn die Schwerelosigkeit nun eigentlich an. Marcel Jogmanns versucht es zu beschreiben: „Es ist, als würde man anhaltend fallen, wie fallen ohne anzukommen.“ Um sicherzugehen, dass der Körper das aushält, müssen alle, die an Parabelflügen teilnehmen, vorher ein EKG machen lassen. Zudem dürfen die Teilnehmer keine schweren Krankheiten haben.

Doch trotz aller Vorbereitung und Antibrech-Spritzen zum Trotz: Nicht jeder kommt mit der Schwerelosigkeit zurecht. Bei den Parabel-Flügen ist zur Sicherheit auch immer ein Arzt  mit an Bord.

Übrigens: Aufgrund der Übelkeit und des Brechreizes, die die Schwerelosigkeit nach sich ziehen kann, werden die Parabel-Flugzeuge auch gerne mal „Kotz-Bomber“ genannt.

Marcel Jongmanns (re.) und Dr. Olivier Crumeyrolle  von der Uni Le Havre
Marcel Jongmanns (re.) und Dr. Olivier Crumeyrolle von der Uni Le Havre FOTO: Novespace S.A. Frankreich