Peter Schierack ist studierter Veterinärmediziner, beschäftigt sich als Professor an der BTU Cottbus Senftenberg mit Diagnostikkonzepten in Human- und Tiermedizin. Der Infektiologe war in seiner Forschungsarbeit vor Covid-19 bereits mit anderen Infektionskrankheiten von Mensch und Tier konfrontiert.

Herr Prof. Schierack, warum flößt Covid-19 deutlich mehr Angst ein als frühere Pandemien?

Schierack: Anfangs hat es auch bei früheren Viruserkrankungen Angst vor einer rasanten Ausbreitung, dem Überspringen der Erkrankung auf den Menschen und vor hohen Todeszahlen gegeben. Bei Krankheiten wie Vogelgrippe oder Schweinegrippe haben sich die anfänglichen Befürchtungen allerdings zum Glück nicht bewahrheitet. Dabei waren die Sorgen durchaus berechtigt. Es ist ein alltäglicher Vorgang, dass Mikroorganismen inklusive Krankheitserreger zwischen Tier und Menschen übertragen werden. Denken Sie an Tollwut oder die aggressiven Hantaviren, die von Mäusen übertragen werden. Oder an die Bakterienkrankheiten Salmonellose und Tuberkulose. All diese Krankheitserreger lösen gefährliche Infektionskrankheiten aus. Die entscheidende Frage aber ist: Wie schnell gibt der Mensch den Erreger weiter. Und da hat sich gezeigt, dass Covid-19 außergewöhnlich ansteckend ist und sich schnell ausbreitet.

Also waren in diesem Fall die Angst und die sehr rigiden Maßnahmen gerechtfertigt?

Schierack: Am Anfang haben wir gesehen, wie die Zahlen innerhalb kürzester Zeit nach oben geschossen sind. Die Maßnahmen des Lockdowns waren richtig, wir sehen ja jetzt auch die Erfolge. Seit Beginn der Pandemie sammeln die Virologen Daten, die wir in den ersten Wochen einfach noch nicht hatten. Deshalb gibt es ab und an unterschiedliche Aussagen, etwa zu der Wirksamkeit des Mund-Nasen-Schutzes.

Der ist wirklich nicht sehr beliebt, viele Menschen zweifeln den Sinn dieser Maßnahme an.

Schierack: Bei Covid-19 handelt es sich um eine Atemwegserkrankung, da sagt einem eigentlich schon der gesunde Menschenverstand, dass ein Mundschutz sinnvoll ist. Wenn ich in einem Baumarkt einkaufe und dort an mehreren Dutzend Menschen vorbeigehe, macht es Sinn, sich und andere zu schützen. Denn im Fall einer Erkrankung ließe sich die Infektionskette unmöglich nachverfolgen. Darum geht es aber bei den Eindämmungsmaßnahmen. Sitze ich mit einem Kollegen schon seit Wochen zusammen in einem Büro, kann ich sicherlich auf die Maske verzichten.

Aber gerade in der Lausitz sind die Infektionszahlen so gering, dass sich kaum noch jemand ernsthaft vor Ansteckung fürchtet – und deshalb nur ungern Masken getragen werden.

Schierack: Da muss man differenzieren. In Cottbus und Spree-Neiße hat es seit Wochen keine Neuinfektionen gegeben. Dort kann (und muss) ich sicher entspannter sein als in Potsdam oder Bautzen, wo es höhere Zahlen gibt. Man muss die Entwicklung und die regionalen Gegebenheiten anschauen. Wo gibt es Hot-Spots, was ist in meiner direkten Nachbarschaft los, was passiert nach den jüngsten Lockerungen mit den Zahlen. Es ist gut, dass Kommunen und Kreise sehr individuell reagieren können. Wenn ich selbst sehe, dass in meiner Nachbarschaft mehrere Menschen infiziert sind, werde ich sicher sehr viel vorsichtiger sein als in einer infektionsfreien Region. Wenn es weiterhin in manchen Gegenden keine oder sehr wenige Neuinfektionen gibt, sollte man dort weiter lockern.
Reproduktionszahl und neue Ausbrüche Trügerische Corona-Ruhe in der Lausitz

Cottbus

Für viele Menschen in der Lausitz ist die Krankheit sehr abstrakt, kaum jemand hat Erkrankte in seinem Bekanntenkreis.

Schierack: Ich selbst bin für meine Forschungsarbeit auch auf der Suche nach Menschen, die die Erkrankung hinter sich haben und es ist nicht leicht, bei uns viele Fälle zu finden. Der Osten ist einfach dünner besiedelt als der Westen, vielleicht haben wir auch einfach nur Glück gehabt. Es hätten auch Dresdner Firmen sein können, deren Mitarbeiter über Geschäftskontakte nach China das Virus einschleppen. Dann sähe die Situation bei uns sehr viel dramatischer aus.

Jede Woche werden die Maßnahmen gelockert. Wann ist der ganze Spuk vorbei?

Schierack: Das können derzeit nicht einmal die Virologen annähernd voraussehen. Zunächst ist es wichtig, dass wir mehr über die Immunität erfahren: Wie lange hält sie an, wie stark ist sie? Dann brauchen wir Erkenntnisse über das Virus und seine Wandelbarkeit. Denken Sie an das Norovirus. Das verändert sich so stark, dass es weder einen Impfstoff noch einen lang anhaltenden Immunschutz gegen eine erneute Infektion gibt. Zum Glück sieht es so aus, dass sich das Corona-Virus nur langsam verändert. Außerdem müssen wir schauen, welche saisonalen Veränderungen es im Infektionsgeschehen gibt. Die meisten Viruserkrankungen treten in den Übergangszeiten im Frühjahr und im Herbst verstärkt auf. Beim Coronavirus gibt es unterschiedliche Meinungen, ob es ähnlich ist.

Die berüchtigte zweite Welle?

Schierack: Das Wort Welle trifft es nicht wirklich. Ich persönlich habe in meinem Umfeld keine Welle erlebt. Ebenso ist die sogenannte erste Welle nicht gleichmäßig über das Land geschwappt, wir hatten regional sehr unterschiedliche Zahlen. Ob das in Zukunft wieder so sein wird, müssen wir abwarten.

Lausitzer Wissenschaftler mit breitem Erfahrungsspektrum


Peter Schierack, geboren in Cottbus, studierte von 1993 bis 1999 Tiermedizin an der Freien Universität Berlin. Nach seiner Promotion auf dem Gebiet der humanen Parasitologie an der Humboldt-Universität Berlin arbeitete er am Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen unter Leitung von Prof. Lothar H. Wieler, dem aktuellen Präsidenten des Robert-Koch-Institutes. Er ist Fachtierarzt für Mikrobiologie.

2007 zog es ihn zurück in die Lausitz. Er war Nachwuchsforschungsgruppenleiter des InnoProfile-Projekts „Neue Technologien für die molekulare Diagnostik“ an der Fakultät für Naturwissenschaften der Hochschule Lausitz in Senftenberg. Seit 2009 betreut er die mikrobiologische Abteilung des Klinikums Niederlausitz. 2013 wurde er zum Professor ernannt. Die Professur erarbeitet und vertritt in Lehre und Forschung Konzepte der Multiparameterdiagnostik in Human- und Veterinärmedizin mit den Schwerpunkten Infektionsdiagnostik, Autoimmundiagnostik, medizinische Mikrobiologie und Immunologie.

Zuletzt hat Peter Schierack an der Entwicklung eines Antikörpertests für Covid-19 mitgearbeitet.