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| 13:39 Uhr

Chemnitz und Cottbus seit dem Mauerfall
In schwierigen Verhältnissen seit 1989

Magda Decker spielt in dem Theaterstück "Sieben Geister" eine aufsässige junge Frau, die das Verdrängen und Verschweigen politischer Boshaftigkeiten nicht länger erträgt.
Magda Decker spielt in dem Theaterstück "Sieben Geister" eine aufsässige junge Frau, die das Verdrängen und Verschweigen politischer Boshaftigkeiten nicht länger erträgt. FOTO: Agentur Apitz / Daniel Krueger
Cottbus/Chemnitz. Unser Autor Johannes M. Fischer lebte 19 Jahre in Chemnitz und arbeitete danach in der Lausitz. Er beschreibt, wie Chemnitz seit dem Mauerfall zu der Stadt wurde, die sie heute zu sein scheint - und was sie mit Cottbus gemein hat. Von Johannes M. Fischer

Chemnitz Von West nach Ost. Aus Westberlin nach Sachsen. Das war 1991, fast zwei Jahre nach dem Fall der Mauer 1989. Ich wollte das andere Land kennenlernen, das für mich vermutlich genauso exotisch war wie dem DDR-Bürger der Westen. Zwei, drei Jahre lang. Tatsächlich blieb ich 19 Jahre in Chemnitz, anschließend zog ich in die Lausitz. In Ostdeutschland lebe ich bis heute. Ich bin weder Wessi noch Ossi.

Ich habe Chemnitz und Cottbus etwas zu verdanken. Beruflich machte ich entscheidende Schritte. Ich fand Freunde. Ich wurde Vater. Meine Kinder sind gebürtige Chemnitzer, wuchsen in Sachsen und Brandenburg auf. Es tut mir deshalb unendlich leid, was gerade mit diesen Städten passiert.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen in Chemnitz und den folgenden, aufsehenerregenden September-Demonstrationen schien es so, als würde sich der Rauch ein wenig verziehen. Bunte und feinsinnige Aktionen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die die hässlichen Momente überschreiben sollten. Das Konzert in der Innenstadt vor 65 000 Zuhörern, die auf ihre Weise gegen Fremdenfeindlichkeit demonstrierten. Es folgen bis heute weitere Aktionen.

Im „Trauermarsch“ vermischten sich AfD-Politiker, Pegida-Sympathisanten und Neonazi-Aktivisten. Ein schwerer Tag für die Polizei, ein trauriger für die sächsische Stadt.“
Im „Trauermarsch“ vermischten sich AfD-Politiker, Pegida-Sympathisanten und Neonazi-Aktivisten. Ein schwerer Tag für die Polizei, ein trauriger für die sächsische Stadt.“ FOTO: Johannes M. Fischer

Auch die hässlichen Nachrichten hören nicht auf. Verhaftungen. Rechtsextremistisches Terrornetz in Chemnitz, Erinnerungen an den NSU-Terror. Ein Nazi-Nest – der Eindruck entsteht nicht nur in Deutschland. Für das Ansehen der Stadt ein Desaster. Und wenn darüber geschrieben wird, kommt Cottbus oft im gleichen Satz vor. Es liegt nah, und eine rechtsextreme Szene gibt es auch in Cottbus und Umgebung. Und Cottbus hatte ja in diesem Jahr auch seine eigenen dunklen Momente.

Von außen betrachtet erschien Chemnitz zu Beginn der 90er-Jahre wie ein schmutziges Blatt Papier. Aber es gab eine Menge aktiver Menschen, die den festgeklebten Staub abkratzten. Hervor schimmerte die Vergangenheit einer bedeutenden Industriestadt. Die Umbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz 1990 war nur die Eröffnung zu dieser Neubewertung.

Inzwischen ist Chemnitz wieder ein wichtiger Industriestandort. Die Universität schneidet in nationalen Vergleichen regelmäßig gut ab. Eine engagierte Zivilgesellschaft hat sich herausgebildet. Als Neonazi-Stadt machte Chemnitz in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Wende zumindest überregional kaum auf sich aufmerksam. Ich selbst glaubte lange Zeit, Chemnitz, die Ingenieurstadt, sei weitgehend immun gegen so etwas.

Das bekannteste Wahrzeichen von Chemnitz: der Karl Marx-Kopf im Zentrum der Stadt. In den Tagen der Aufmärsche war der Nischel ein dankbares Objekt für eine deutliche Stellungnahme.
Das bekannteste Wahrzeichen von Chemnitz: der Karl Marx-Kopf im Zentrum der Stadt. In den Tagen der Aufmärsche war der Nischel ein dankbares Objekt für eine deutliche Stellungnahme. FOTO: Johannes M. Fischer

Aber es ging eben nicht allen gut. Einen Riss hatte das Bild der sich ausbreitenden Normalität von Beginn an. Es waren die sozialen Verwerfungen, die über Jahre die Alltagsgespräche bestimmten, die damit einhergehende Angst vor der Zukunft, die Entwertung von Biografien, die Ungleichbehandlung bei Lohn und Renten, das fehlende Wissen darüber, wie diese demokratische und kapitalistische Gesellschaft funktioniert, von Bankgeschäften über Versicherungen bis zum Autokauf. Mancher kam damit nicht zurecht.

Teile der städtischen Gesellschaft blieben in den 90er-Jahren hängen. Mit Internetanschluss und Smartphone, ja. Auch mit einem gemäßigten Wohlstand. Aber die alte Wunde wollte nicht verheilen. Es war anstrengend, sich eine neue Übersichtlichkeit zu schaffen. Wenn die Verstörten – oft mit ihren erwachsen gewordenen Kindern – jetzt demonstrieren gehen, laufen sie sich die Verunsicherung aus den Beinen, aber sie bestätigen sie sich gegenseitig und geben ihr somit weitere Nahrung. Die Neonazis, teilweise ebenfalls älter geworden und mit der Nachfolgegeneration auf der Straße, sind inzwischen mittendrin. Die Grenzen zerfließen.

Ausgerechnet Städte wie Chemnitz und Cottbus offenbaren dies deutlich. Aber spielt es überhaupt eine Rolle, wie die Stadt heißt? Es geht doch um die Art, wie die Gesellschaft künftig noch im Dialog bleiben will. Während ich Anfang September in Chemnitz in der westsächsischen Stadt durch Demonstrationen, Gegendemonstrationen, Wasserwerfer, Pferdestaffeln, Provokateure, Gaffer, Jagende und Flüchtende laufe, tauchen Erinnerungen auf.

Zum Beispiel das konspirative Treffen mit einem vermeintlichen Aussteiger aus dem engen Umfeld des 1991 verstorbenen Neonazis Michael Kühnen. Der Mann war in meinem Alter. Er erläuterte, was alles passieren würde nach einer Machtübernahme. Auch in den eigenen Reihen müsse man kräftig „durchkämmen“.

Was ich damals nicht wusste: Er war nicht der einzige Hardcore-Nazi in Chemnitz. Später, ab November 2011, wurde öffentlich, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in der Stadt Unterschlupf gefunden hatten und Banken ausraubten. Aber wer bekam das schon mit? Angeblich nicht einmal der Verfassungsschutz. Und nun taucht plötzlich die rechtsextreme „Revolution Chemnitz“ wie aus dem Nichts auf.

Oder der fast 90 Jahre alte Mann aus meiner Nachbarschaft in Chemnitz in den 1990er-Jahren. Er hatte fünf verschiedene Staatsformen durchlebt: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Staat, DDR und nun Bundesrepublik. Dass er DDR und Hitler-Zeit gleichermaßen positiver bewertete als die wenigen Jahre, die er in der Nachwendezeit lebte, fand ich überraschend. Medizinisch wurde er gut versorgt. Trotz seines hohen Alters unternahm er Reisen. Heute würde ich sagen: Dieser alte Mann war ein Typ aus der Zukunft.

Vor wenigen Wochen in Chemnitz war ich umgeben von Menschen, denen es persönlich nicht ganz schlecht und mitunter sogar richtig gut geht. Dennoch glauben sie, dass es alles unaufhaltsam schlechter wird. Und die sich deshalb nichts sehnlicher wünschen als die konsequente Herstellung von Recht und Ordnung. Was nur ein Synonym ist für den starken Staat, für Pfade, die nicht schon wieder in unbekannte Richtungen führen. Die Welt soll sich immer schön im Kreis drehen.

Die Schauspielerin Magda Decker spielt in Chemnitz Theater. In „Sieben Geister“ gibt sie eine junge, wütend-frustrierte Frau, die merkt, dass etwas nicht stimmt mit ihrer Familie. Das generationenübergreifende Verdrängen und Verschweigen. Das Unheil, das ihren Eltern und Großeltern während der NS-Zeit und der DDR widerfuhr, aber auch die Mittäterschaft, die an ihren Seelen frisst, leben fort und vererben sich über Träume.

Wie viele andere auch wurde Decker überrascht von der rechtsradikalen Wucht: „Das tat weh. Es bedrückt mich. Es ist traurig.“ Aber Chemnitz ist deswegen nicht für sie untergegangen. Das Theater geht weiter, das Leben auch. Chemnitz kommt zurück. Doch die Tage, an denen Hass und Angst sich Bahn brachen, sind nun ein Teil der Stadtgeschichte. Und wie es scheint, folgen weitere dunkle Kapitel. Aber Chemnitz ist eine Kämpferin. Wie Cottbus.