Frau Nocon, Sie koordinieren die bundesweite Teilnahme von Schulen am Butterfly-Projekt. Dabei beschäftigen sich schon Grundschüler mit dem Thema Judenvernichtung. Warum arbeiten Sie mit so jungen Kindern?

Nocon: Grundschüler sind in einer Lebensphase, in der sich ihr moralischer Kompass ausrichtet und das Wertesystem gefestigt wird. Kinder sind zu großer Empathie fähig und können sich sehr gut in das Schicksal anderer Menschen einfühlen.

Aber droht dabei nicht auch eine Überforderung der Kinder?

Nocon: Nein. Wir führen die Schüler sehr behutsam an die Auseinandersetzung mit dem Holocaust heran. Bilder aus Konzentrationslagern oder von Leichenbergen bekommen sie dabei nicht zu sehen. Jedes Kind, das einen Keramikschmetterling bemalt, bekommt dazu die biografischen Informationen eines Kindes, das ermordet wurde. So erfahren die Schüler viel über einen bestimmten Menschen. Sie können sich einfühlen in das Schicksal eines anderen Kindes, das zum Beispiel eine lange Flucht oder die Trennung von Geschwistern und Eltern erleben musste und schließlich ermordet wurde. Sie können nachfühlen, was es bedeutet, dass ein Kind wie sie nicht erwachsen werden durfte. Mit älteren Schülern fahren wir nach Theresienstadt, aber auch dort geht es nicht um grausame Bilder, sondern um das Schicksal von Individuen.

Wie gehen die Kinder mit ihrer Trauer um?

Nocon: Das „Butterfly Project“ überlässt die Kinder nicht ihrer Trauer, es zeigt ihnen, wie sie aktiv werden können. Und wir ermöglichen Gespräche mit Zeitzeugen der ersten und zweiten Generation. Diese Erwachsenen vermitteln den Kindern, wie wichtig ihre Arbeit mit dem Schmetterlingen ist. Oft gibt es ja nur noch diesen kleinen Schmetterling, der an ein ermordetes Kind erinnert.

Woher bekommen Sie die Informationen über die ermordeten Kinder?

Nocon: Zunächst haben wir auf Informationen aus Amerika zurückgegriffen, aber inzwischen sind wir dazu übergegangen, eigene Biografie-Karten zu erstellen. Momentan arbeite ich mit Daten, die über das Stolperstein-Projekt in Berlin zusammengestellt wurden. Die Arbeit mit diesen schier endlosen Listen von Namen ist erschütternd. Hinter jedem dieser Namen steht ein Mensch, der ermordet wurde. Daran muss man erinnern. Denn der Holocaust verjährt niemals, ein Vergessen darf es nicht geben.

Das Butterfly-Projekt


Vor einem Jahr hat sich die Bewegte Grundschule in Cottbus als erste Schule Deutschlands am internationalen „Butterfly Project“ beteiligt.. Das Kunst- und Bildungsprojekt für Schüler erinnert mit handbemalten Keramikschmetterlingen an die 1,5 Millionen Kinder, die im Holocaust getötet wurden. Die Schmetterlinge werden dauerhaft an öffentlichen Gebäuden angebracht.

Mitinitiiert wurde das Projekt in Cottbus von Steven Schindler aus San Diego, dem Sohn des aus Cottbus stammenden Holocaust-Überlebenden Max Schindler. Im Gebäude der Bewegten Grundschule wurde im Oktober 1938 Steven Schindlers Onkel als Zehnjähriger von der Gestapo verhaftet. Seit 2011 stehen die Schindlers in engem Kontakt zu der Cottbuser Grundschule.

Schulen aus ganz Deutschland folgen dem Cottbuser Beispiel. Als reaktoon auf die enorme Nachfrage haben Projekt-Koordinatorin Nicole Nocon und Steven Schindler die Non-Profit-Organisation „generationE – Empathie in Aktion“ gegründet. Das Ziel: das „Butterfly Project“ und weitere Programme zur Holocaust-Pädagogik an deutsche Schulen zu tragen. Dazu gehören auch Gedenkstättenfahrten und der Austausch mit den USA und Israel.

Am 31. Januar wird die jüngste Schmetterlings-Installation am Evangelischen Gymnasium in Cottbus eingeweiht. Rose Schindler, Max Schindlers Witwe, wird als Auschwitz-Überlebende an der Gedenkfeier teilnehmen.