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| 19:01 Uhr

Interview mit Frank-Walter Steinmeier
„Den Lausitzern wird viel abverlangt“

Zum Jubiläum „20 Jahre Tolerantes Brandenburg“ am 25. Juni war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) schon einmal in Cottbus. Hier mit Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU).
Zum Jubiläum „20 Jahre Tolerantes Brandenburg“ am 25. Juni war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) schon einmal in Cottbus. Hier mit Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU). FOTO: Michael Helbig
Cottbus/Berlin. Der Bundespräsident lädt zum Benefizkonzert nach Cottbus. Er spricht über seine aktuelle Sicht auf die Lausitz.

Am Dienstag, 11. Dezember, lädt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) alle Lausitzer nach Cottbus in die Stadthalle zu einem vorweihnachtlichen Benefizkonzert ein. In Cottbus greift das Staatsoberhaupt aber nicht selbst in die Tasten. Das überlässt er den Profis vom Deutschen Filmorchester Babelsberg, die an diesem Abend den Weihnachtsklassiker-Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ live begleiten.

Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf kommen dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) für die Aktion „Wünschewagen“ sowie für weitere ASB-Kinder- und Jugendprojekte im Land Brandenburg zugute. Mit der RUNDSCHAU sprach er vor dem filmischen Konzert über seine Sicht auf Cottbus und die Lausitz.

Spielt der Film ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘ bei den Weihnachtsritualen in Ihrer Familie eine Rolle?

Steinmeier Dieser wunderbare Film ist ja Anfang der 70er-Jahre in Koproduktion von DDR und CSSR entstanden und wurde von Jahr zu Jahr mehr zu einem gesamtdeutschen Filmereignis. In Westdeutschland wurde er später in den Familien mit derselben Begeisterung gesehen wie in Ostdeutschland.

Und heute wird er ja sogar europaweit in der Vorweihnachtszeit gezeigt. Die märchenhafte Liebesgeschichte, die tollen Drehorte und die schöne Musik passen herrlich in die ruhige, nachdenkliche Zeit am Jahresende.

Sie waren inzwischen mehrmals in Cottbus, wie nehmen Sie die Entwicklung in der Stadt war?

Steinmeier Cottbus ist mir über die Jahre zu den unterschiedlichsten Themen begegnet: als Stadt der Kohle und des Strukturwandels, als Stadt der Kultur, als urbanes Zentrum im wunderbaren Spreewald, jüngst leider auch im Zusammenhang mit der eskalierten Gewalt zwischen Flüchtlingen und Teilen der Bevölkerung – in beide Richtungen, wie wir wissen. Und beides ist nicht hinnehmbar.

Dass Cottbus im Brandenburger Vergleich 2018 bislang die höchste Summe von Übergriffen auf Flüchtlingsheime verzeichnet, war kürzlich noch einmal eine wirklich negative Nachricht. Ich sehe aber auch, dass die Zahlen von Quartal zu Quartal gesunken sind, sich also eine Beruhigung abzeichnet. Das war auch mein Eindruck, als ich im Juni die Stadt besucht habe, um mit Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen zu sprechen: Cottbus stellt sich seinen Problemen.

Verwaltung, Polizei und Zivilgesellschaft arbeiten dabei Hand in Hand, um die Sicherheit in der Stadt – die objektive wie die gefühlte – wieder herzustellen und den sozialen Frieden zu fördern. Diese Anstrengungen werde ich weiterverfolgen. Auch wenn ich am 11. Dezember zum Konzert in der Stadt bin oder bei künftigen Gelegenheiten, zum Beispiel wenn ich wieder Cottbuser im Schloss Bellevue begrüßen werde.

Können Sie den gerade und besonders zu Weihnachten in der Lausitz laut hörbaren Wunsch nach gesicherten Wirtschafts- und damit auch Lebensperspektiven für die Region nachvollziehen?

Steinmeier Ja, das kann ich. Den Menschen in der Lausitz wird derzeit viel abverlangt. Über Jahrzehnte hat die Braunkohle vielen Bürgerinnen und Bürgern in der Region Einkommen und Arbeitsplätze gesichert. Der Braunkohletagebau war entscheidend für die Stabilität und auch für die Identität der Region.

Der Strukturwandel bringt Unsicherheiten mit sich. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen hier in der Lausitz eine echte Perspektive auf Zukunft behalten. Dabei können Stadt und Region auf Stärken wie die Technische Universität Cottbus-Senftenberg, die Chemie- und die Energietechnik, bauen.

Es gilt, vor allem das Engagement und die Kompetenzen der Menschen vor Ort zu nutzen und Ideen aus der Region für die Region fruchtbar zu machen, aber auch die Region attraktiv zu machen, zum Beispiel durch eine gute Verkehrsinfrastruktur. Für einen konstruktiven, gelingenden Strukturwandel braucht Cottbus, braucht die ganze Lausitz, Unterstützung, vor allem auch aus der Politik.

Tickets für das Benefizkonzert (Beginn: 19 Uhr) zum Preis von 22 bis 68 Euro (erm. 11 bis 34 Euro) sind unter Tel. 0355 754244, online unter www.cmt-cottbus.de oder im CottbusService der Stadthalle erhältlich.