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| 17:47 Uhr

Antrittsbesuch
Wenig Zeit und wenig Geld

Franziska Giffey (SPD, r), Bundesfamilienministerin, spricht in der Kantine des Seniorenzentrums Sankt Elisabeth in Velten im Landkreis Oberhavel mit einer Bewohnerin.
Franziska Giffey (SPD, r), Bundesfamilienministerin, spricht in der Kantine des Seniorenzentrums Sankt Elisabeth in Velten im Landkreis Oberhavel mit einer Bewohnerin. FOTO: Christophe Gateau / dpa
Potsdam/Velten. Die neue Bundesfamilienministerin Franziska Giffey war zu ihrem Antrittsbesuch in Brandenburg. Von Benjamin Lassiwe

„Ich musste unbedingt als Erstes nach Brandenburg kommen“, sagt Franziska Giffey. Die Kameras klicken und surren, als die neue Bundesfamilienministerin im roten Jackett durch die Glastür des Veltener St. Elisabeth-Seniorenzentrums kommt. Wenige Tage nach der Übernahme des neuen Amtes will sich die SPD-Politikerin in der Caritas-Einrichtung über die Situation in der Pflege informieren. Und schon auf dem Weg zu einem Treffen mit Bewohnern und Mitarbeitern im großen Speisesaal wird klar: Giffey kann mit Menschen umgehen. Einem älteren Ehepaar, das zwei Stühle auf dem Flur für eine kleine Verschnaufpause nutzt, schüttelt die frühere Berliner Bezirksbürgermeisterin die Hand, stellt sich als neue Ministerin vor. „Wolln ma hoffen, dass wat jutes raus kommt, wa?“, sagt eine Seniorin.

Im Saal dann die offizielle Begrüßung, auch durch Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. „Es war die richtige Entscheidung, schnell nach Brandenburg zu kommen“, sagt Woidke. Immerhin hatte sich der SPD-Ministerpräsident lange für eine Ostdeutsche als Bundesministerin eingesetzt. Und kurz vor ihrer Ernennung war Giffey noch zu Gast auf einer Klausur der Brandenburger SPD. Nun betont Woidke, Brandenburg stehe gerade im Pflegebereich vor „riesengroßen Herausforderungen“. Man müsse deswegen über die Attraktivität des Pflegeberufs reden. „Die Menschen müssen angemessen und gut bezahlt werden“, sagte Woidke. „Die Arbeitsbedingungen müssen gute Arbeitsbedingungen werden.“ Dafür gibt es einen höflichen Applaus.

Dann tritt die Ministerin selbst ans Rednerpult. Wieder zeigt sie sich bürgernah, wieder nimmt sie die Menschen mit. „Sie sind Goldstaub“, würdigt sie die Arbeit der Pflegekräfte. „Denn von Ihnen gibt es nicht sehr viele.“ Und ihren Staatssekretär Stefan Zierke lässt sie einfach einmal aufstehen, damit ihn auch jeder sieht. „Der ist ein Uckermärker, der kennt sich aus!“, sagt Giffey über den Prenzlauer Sozialdemokraten.

Den Menschen im Saal hat sie Kugelschreiber mitgebracht. Was eigentlich lächerlich klingt, verpackt sie alltagstauglich: „Sie spielen hier doch bestimmt Bingo – wer von Ihnen spielt Bingo?“, fragt Giffey. Einige Hände im Saal gehen hoch. „Und für Bingo und für Kreuzworträtsel braucht man Stifte“, sagt Giffey. Als ihr Mitarbeiter die Werbegeschenke verteilt, gibt es spontanen Applaus. Doch in Velten geht es um deutlich mehr als gute Stimmung. „Menschen zu pflegen ist ein verantwortungsvoller Beruf, der viel Wertschätzung und Anerkennung verdient“, sagt Giffey. Ältere Menschen bräuchten ein gutes, sicheres und selbstbestimmtes Leben. Die Ministerin begrüßte, dass die Große Koalition in Berlin das Schulgeld für Ausbildungen in der Pflege abschaffen wolle. Zudem soll ein Sofortprogramm für 8000 neue Fachkräfte eingeführt werden. „Es braucht eine Aufwertung des Pflegeberufs.“

Nach einem Rundgang durch das Pflegeheim machen das auch Pfleger und Pflegeschüler der Caritas im Gespräch mit den Politikern deutlich. „Ich wünsche mir mehr Zeit für die Bewohner“, sagt etwa Roxy Hilprecht, die im dritten Lehrjahr im St. Elisabeth-Stift ausgebildet wird. „Nicht nur für die Grundpflege, sondern auch für den Aufbau von Beziehungen.“ Und Eva Hentze, die im vergangenen Jahr ihre Abschlussprüfung als Pflegefachkraft bestanden hatte, sagte: „Es sind alle überlastet, das ist einfach so in der Pflege.“ Es gebe zu wenig Zeit für die Bewohner. „Die Leute sterben, ohne dass sie uns ihre Geschichten erzählen konnten.“

Und auch in der Ausbildung käme mancher praktische Inhalt zu kurz, weil die Ausbilder oft selbst bis über den Kopf in Arbeit steckten. Giffey, Zierke und Woidke hörten den Pflegekräften aufmerksam zu. „Der Pflegeberuf hat eine wichtige Funktion bei uns in der Gesellschaft, aber die Gesellschaft honoriert ihn nicht so, wie wir ihn brauchen“, sagt der Uckermärker Zierke. „Den Pflegebedürftigen fehlt die Zeit, mit den Pflegern zu sprechen, und umgekehrt.“ Und Giffey betont, die Chance nutzen zu wollen, um sich in der neuen Funktion um die Dinge zu kümmern. „Denn das, was wir tun, muss am Ende auch bei den Menschen ankommen – und wenn das nicht geschieht, haben wir ein ernsthaftes Problem.“