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Kultur
Bücher auf Rädern und Konsum-Ersatz

Stopp der Fahrbibliothek in Brieskow-Finkenheerd: Vielfältiger Lesestoff steht zur Ausleihe bereit.
Stopp der Fahrbibliothek in Brieskow-Finkenheerd: Vielfältiger Lesestoff steht zur Ausleihe bereit. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Fürstenwalde. Sie sind Bildungspartner für Kitas und Schulen sowie Kulturangebot und Treffpunkt für Erwachsene – die fünf Fahrbibliotheken in Brandenburg. Eine davon ist seit fast einem Vierteljahrhundert im Landkreis Oder-Spree unterwegs – zur Freude von Dorfbewohnern. Von Jeanette Bederke

Der weinrote Bus mit der Aufschrift „Fahrbibliothek Oder-Spree“ ist nicht zu übersehen. Doch als er in den späten Mittagsstunden im Örtchen Kagel Station macht, warten auf ihn keine potenziellen Leser. „Hier sind wir zum ersten Mal, denn wir haben seit dem Jahreswechsel einen neuen Fahrplan“, sagt Edgar Bunde, der die rollende Bücherei seit der Jahrtausendwende betreut. Der Sachbearbeiter des Kreisarchivs Oder-Spree ist überzeugt davon, dass sich das neue Angebot im Dorf erst herumsprechen muss.

Das sieht auch Marina Aurich, Leiterin des Archivs, Lese- und Medienzentrums Oder-Spree, so. Erst im vergangenen Jahr war die Einrichtung vom Sitz der Kreisverwaltung in Beeskow nach Fürstenwalde in die leerstehende Halle einer früheren Solarfirma umgezogen. „Wir haben uns neu sortiert, fahren im 14-tägigen Rhythmus jetzt von Montag bis Donnerstag 55 Orte an. Wo wir kaum Nutzer haben, machen wir nicht mehr Station.“

Der 20-Minuten-Halt in Kagel sei ein Wunsch der Einwohner gewesen, erzählt Aurich. Doch nur Kindergärtnerin Sarah Meinke schaut mit einem halben Dutzend Vorschulkinder zur Premiere vorbei. „Das ist ja ein tolles Angebot“, freut sich die junge Frau, während ihre Schützlinge eifrig in Kinderbüchern blättern.

Bei seinen Stopps an Schulen steht der Bus gewöhnlich mitten auf dem Hof, in den Dörfern an möglichst zentralen Stellen. „Ob jung oder alt - wir haben dankbare Leser, aber kaum noch Bibliotheken in den Gemeinden“, erzählt Sachbearbeiter Bunde. Wer kein Auto fahre, um in eine der sieben Stadtbüchereien im Landkreis Oder-Spree zu gelangen, nutze für eine Jahresgebühr von drei Euro gern die Fahrbibliothek. Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr kostet das kein Geld.

Neben Büchern sind Zeitschriften, CDs, Hörbücher und DVDs im Angebot. Aurich zufolge hat der Bus rund 1200 Nutzer. Dass angesichts der neuen Medien kaum noch gelesen werde, kann sie ebenso wenig wie Bunde bestätigen. „Die Leserzahlen sind konstant, die Leute greifen am häufigsten zum Buch“, haben beide beobachtet – so wie auch Monika Schmädicke in Kienbaum.

„Ich habe es mal mit einem Hörbuch versucht. Doch da musst du dich genauso konzentrieren, als wenn Du selbst liest“, berichtet sie. Daneben Hausarbeit erledigen würde nicht funktionieren, winkt die 75-Jährige ab. Gemeinsam mit anderen Senioren hat sie schon auf die Fahrbibliothek gewartet, um sich durch den Bestand von rund 4000 Medien zu wühlen.

„In Kienbaum haben wir seit Jahren viele Stammleser“, sagt Bunde. Sie habe hier schon fast alles gelesen, behauptet Hildegard Seidel, die gerade einen Stapel Bücher zurückgibt und auch für die nächsten 14 Tage fündig wird. Die Fahrbibliothek ist laut Archiv-Leiterin Aurich immer auf dem neuesten Stand.

„Diese beiden Krimis dürften Sie noch nicht kennen, die sind gerade erst erschienen“, sagt Bunde und hält Seidel zwei dicke Schmöker vor die Nase. Nachbarin Schmädicke hat derweil mehrere Bücher zur Ausleihe bestellt. Und auch das gehört zum rollenden Service: Die beiden Frauen halten noch schnell ein Schwätzchen im warmen Bus.

„Die Fahrbibliothek ist tatsächlich auch ein Treffpunkt, seit es in vielen Dörfern nicht einmal mehr einen Konsum gibt“, stellt die Leiterin des Kreis-Medienzentrums fest. Auch deshalb hat sich die Kreisverwaltung Oder-Spree entschlossen, Ende des Jahres einen neuen, moderneren Bus in Betrieb zu nehmen, wie Kreissprecher Mario Behnke bestätigt.

Rund 500 000 Euro wird die Neuanschaffung inklusive Ausstattung laut Aurich kosten. „Wir überlegen derzeit, die neue Fahrbibliothek auch als Infomobil der Kreisverwaltung zu nutzen, so dass Bürger beispielsweise ihren Angelschein hier beantragen oder Wohngeldformulare mitnehmen können“, erklärt Behnke. Fahrbibliotheken seien den stationären Einrichtungen gleichwertig, ergänzt Lutz Sanne von der Brandenburger Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken. „Der Vorteil ist jedoch: Das Angebot zur Mediennutzung kommt direkt zu den Menschen.“