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Geplant
Bringen Kanadier Cannabis in die Lausitz?

Cannabis für medizinische Zwecke kann in Deutschland nun legal produziert werden. Gegenwärtig läuft dazu ein europaweites Ausschreibungsverfahren.
Cannabis für medizinische Zwecke kann in Deutschland nun legal produziert werden. Gegenwärtig läuft dazu ein europaweites Ausschreibungsverfahren. FOTO: Oliver Berg / dpa
Berlin/Cottbus. Kiloweise Cannabis soll in der Lausitz legal für medizinische Zwecke angebaut werden. So jedenfalls wünscht es sich die Abcann Germany GmbH. Dafür will das Unternehmen 40 Millionen Euro investieren und 150 bis 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Das ist zumindest der Plan. Von Frank Hilbert

Seit 10. März dieses Jahres ist es in Deutschland für Erkrankte möglich, auf Rezept ­Cannabis in Apotheken zur medizinischen Behandlung zu bekommen. Nur rund 1000 Patienten hatten bis dahin eine Ausnahmeerlaubnis zum Kauf von Cannabis für medizinische Zwecke. Doch die Nachfrage dürfte wachsen, glauben Branchenvertreter: „Cannabis als Medizin hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland stark ausgebreitet“, sagte unlängst Georg Wurth, Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbands.

Derzeit importiert der Bund laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Stoff vor allem aus den Niederlanden und Kanada. Dort wird es für medizinische Behandlungen unter staatlicher Kontrolle angebaut. Im vergangenen Jahr wurden 170 Kilogramm sogenannter Medizinalhanf nach Deutschland eingeführt. Das ist gut dreimal so viel wie noch 2014.  Wie viel Cannabis hierzulande benötigt wird, ist unklar. Das BfArM multipliziert die 1000 Patienten, die derzeit Ausnahmegenehmigungen haben, mit einem Tagesbedarf von einem Gramm – und kalkuliert so allein für sie mit 365 Kilogramm pro Jahr. Mit der ersten Ernte unter Staatsaufsicht rechnet das BfArM im Jahr 2019.

Anfang März hat das BfArM eigens dafür eine Cannabis-Agentur gegründet. Sie werde nicht selber produzieren, sondern soll die Versorgung von Patienten mit Cannabis „in pharmazeutischer Qualität“ sicherstellen, hatte BfArM-Präsident Karl Broich im April erklärt.

Daher wurde noch im gleichen Monat eine EU-weite Ausschreibung gestartet. Und an der hat sich auch die Abcann Germany GmbH beteiligt.  Sie ist eine Tochter der kanadischen Abcann Medicinals Inc und wurde im Februar dieses Jahres mit Sitz in Schönefeld bei Berlin gegründet.

Abcann Medicinals baut nach eigenen Angaben bereits seit 2014 in Kanada Cannabispflanzen für medizinische Zwecke an. „Mit seinem proprietären Pflanzenzuchtsystem liefert Abcann ein standardisiertes Produkt. Zu den Kerntechnologien zählen geschlossene Wachstumskammern mit Reinraumbedingungen, die den Verzicht auf Pestizide ermöglichen, sowie Systeme zur ­Fernüberwachung und Workflowsteuerung“, sagt John Hoff, Geschäftsführer des Tochterunternehmens.

40 Millionen wolle Abcann  dafür „in der Lausitz“ investieren und bis zu 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Wo das sein wird, wollte er auf  RUNDSCHAU-Nachfrage nicht verraten. Als Begründung verwies Hoff auf die angeblich streng vertraulichen Ausschreibungsrichtlinien des BfArM. „Das würde eine mögliche Lizenz gefährden“, betont der Geschäftsführer, der darauf verweist, dass bereits eine Firma aus dem Wettbewerb gefallen sei, weil sie dagegen verstoßen habe.

„Die Cannabis-Agentur hat bis 2022 rund 6600 Kilogramm ausgeschrieben. Internationale Cannabisproduzenten konkurrieren auf diesem neuen Markt. Abcann Germany will in Deutschland produzieren“, betont Hoff in einer mehrseitigen Presseinformation. Darin kündigt das Unternehmen auch Forschungskooperationen mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) an. Dazu habe es bereits Gespräche mit der BTU gegeben, sagt Hoff. Mit wem? Auch das wolle er aufgrund der strengen Ausschreibungsbedingungen nicht sagen.

Laut Hoff sei die Ausschreibung derzeit gestoppt worden, da einige Teilnehmer rechtlich gegen die strengen Richtlinien vorgegangen sein sollen. Das BfArM wollte sich gegenüber der RUNDSCHAU mit Verweis auf die laufende Ausschreibung dazu nicht äußern. Laut BfArM habe die Abgabefrist für den Teilnahme-Antrag am 6. Juni dieses Jahres geendet.

„Wir haben diese Ausschreibung von Anfang an kritisiert, weil sich deutsche Start-Ups daran gar nicht beteiligen können, da laut Ausschreibung Erfahrungen im Anbau von  medizinischem Cannabis vorausgesetzt werden“, sagt Georg Wurth auf Nachfrage. Diese Erfahrungen könnten aber deutsche Unternehmen gar nicht vorweisen, da in Deutschland bislang der  Cannabis-Anbau verboten war.

Laut Wurth sei das BfArM nach der Ausschreibung „mit Anfragen überschüttet worden“. „Es gibt eine ganze Reihe von Bewerbern“, weiß John Hoff. Das Gros käme aus Kanada und Israel. Im Falle eines Zuschlags durch die Cannabis-Agentur stehe Abcann Germany bereit und könnte Mitte 2018 mit dem Bau einer Produktionshalle irgendwo in der Lausitz beginnen. Aufgrund des Reinraum-Prinzips würde dann der aufwendige Innenausbau 18 Monate in Anspruch nehmen.

Für das Land Brandenburg habe sich Abcann nicht nur wegen der Nähe zu Berlin entschieden, die politische Kontakte erleichtere. Auch die Grundstücks- und Lohnkosten sowie der Zugang zu preiswerter Energie seien ausschlaggebende Faktoren gewesen.

Und er selbst sei zudem Berliner, sagt Hoff. (mit dpa)