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| 17:22 Uhr

Interview mit Susanna Karawanskij
„In Deutschland fühlte ich mich hilflos“

  Auch wenn sich die Lage in der Ostukraine beruhigt hat, gibt es noch immer Tote und Verletzte. Hier halten pro-russische separatistische Soldaten eine Stellung bei Novo Lugansk.
Auch wenn sich die Lage in der Ostukraine beruhigt hat, gibt es noch immer Tote und Verletzte. Hier halten pro-russische separatistische Soldaten eine Stellung bei Novo Lugansk. FOTO: picture alliance / Celestino Arc / Celestino Arce Lavin
Potsdam. Brandenburgs Sozialministerin über die Lage in der Ukraine, aus der ihre Familie stammt – und wie Potsdam helfen kann. Von Benjamin Lassiwe

Die Familie von Brandenburgs Sozialministerin Susanna Karawanskij (Linke) stammt aus der Ukraine. Im Gespräch mit der RUNDSCHAU schildert die 39-Jährige, wie sie die Situation dort wahrnimmt – und was Brandenburg aus ihrer Sicht tun könnte.

Frau Karawanskij, wie ist Ihre Beziehung zur Ukraine?

Ich habe eine sehr persönliche, sehr emotionale Beziehung zu diesem Land. Die Familie meines Vaters stammt von dort, und ich habe noch immer Verwandte in der Ukraine. Meine Verwandten leben in der Nähe von Lugansk, einer Kleinstadt im Osten des Landes.

Also im Gebiet der Separatisten?

Nein, aber dicht an der Grenze dazu. So etwa 70 Kilometer davon entfernt, nicht weit von der Gegend, die man heute als Front bezeichnen würde.

Wie haben Sie die Ereignisse in der Ukraine wahrgenommen?

Als ich 2013 in den Bundestag kam, habe ich mich in der deutsch-britischen und der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe gemeldet. Ich dachte damals: Da passiert nicht viel, man führt gute Gespräche, hat vielleicht einen Erkenntnisgewinn, aber nicht viel mehr. Stattdessen erlebte ich bei den Engländern das schottische Unabhängigkeitsreferendum und in der Ukra­ine den Kriegsbeginn. Damals hat ihn ja noch niemand als Krieg bezeichnet . . .

 „Ich könnte mir noch mehr vorstellen“, sagt Susanna Karawanskij über gemeinsame Projekte mit der Ukraine.
„Ich könnte mir noch mehr vorstellen“, sagt Susanna Karawanskij über gemeinsame Projekte mit der Ukraine. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger

Wie haben ihre Freunde reagiert?

Wir haben damals viel telefoniert: „Hey, geht’s Dir gut?“, „Was ist denn wirklich los bei euch? Seid ihr gesund?“ Die Nachrichten haben sich ziemlich überschlagen. Für mich war das so unreal. Ich kannte die Gegend ja, ich kannte die Menschen. Und hier in Deutschland fühlte ich mich hilflos: Man konnte da nicht hinfahren. Man wusste nicht, wie die Lage eigentlich ist, wie es den Menschen geht, die einem etwas bedeuten.

Und wie sehen Sie die Situation heute?

Die Ukraine ist ja ein funktionierender Staat. Ein Land, in dem Wahlen abgehalten werden. Ein Land, mit dem wir noch vor zehn Jahren da­rüber debattiert haben, wie es in die EU eintreten kann. Und dann ist da auf einmal vor der europäischen Haustür Krieg. Krieg – mit allem, was dazugehört. Schüsse und Minenfelder, die Menschen töten und verletzen. Und auch wenn das aus den Nachrichten längst verschwunden ist – es gibt noch heute Tote und Verletzte . . .

Wie geht es den Menschen?

Wer in den separierten Gebieten lebt, weiß oft nicht, wo er was kaufen kann – und ständig gibt es die Frage ob es im nächsten Monat noch Lohn, Gehalt oder Rente geben wird. Ein Teil meiner Verwandten arbeitet im Gesundheitssektor: als Hebammen und Krankenschwestern. Sie erleben, dass Apotheken nicht mit Medikamenten beliefert werden, dass in Krankenhäusern Instrumente fehlen, dass der Schwarzmarkt aber boomt. Auf einmal ist all das, was wir für Normalität halten, mit einem Fragezeichen versehen, findet nicht mehr statt und muss neu organisiert werden. Der Krieg und seine Folgen auch im tagtäglichen sind wirklich fürchterlich.

Hat sich Ihr Blick auf Russland seitdem verändert?

 Die separatistischen Volksrepubliken Donezk und Lugansk ließen ihre Bürger neue Volksvertretungen wählen. Kiew, Brüssel und Washington hielten dies für eine Farce.
Die separatistischen Volksrepubliken Donezk und Lugansk ließen ihre Bürger neue Volksvertretungen wählen. Kiew, Brüssel und Washington hielten dies für eine Farce. FOTO: Anastasia Vlasova

Dieser Blick ist sehr, sehr zwiespältig geworden. In der Ukraine wird vieles sehr emotional gesehen – es gibt große Vorwürfe an alle Seiten, die auch noch aus dem Nationswerdungs- und Unabhängigkeitsprozess der 90er-Jahre resultieren. Das ist angesichts der Ereignisse und Erlebnisse verständlich, aber in Gänze möglicherweise auch nicht zielführend. Aber die Annexion der Krim ist aus meiner Sicht zum Beispiel klar völkerrechtswidrig. Das geht so nicht. Dort ist ukrainisches Territorium illegal besetzt worden. Schwierig finde ich auch die vereinfachten Einbürgerungen nach Russland: Da entsteht ein Braindrain, unter dem die Ukraine leidet.

Brandenburg hat ja viele gemeinsame Projekte mit Russland – gibt es auch genug Zusammenarbeit mit der Ukraine?

Ob es genug ist, kann ich im Moment nicht bewerten. Dafür bin ich noch nicht lange genug im Amt. Aber internationale Zusammenarbeit kann es grundsätzlich nie genug geben.

Bräuchte Brandenburg vielleicht auch eine Partnerschaftsregion in der Ukraine?

So etwas halte ich durchaus für denkbar. Es gibt ja auch Stiftungen und karitative Organisationen im Land, die sich um Partnerschaften mit der Ukraine und Beziehungen dorthin bemühen. Ich kann mich auch gut an die Gespräche und Austausche erinnern, die wir in der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe hatten. Da ging es um Verwaltungsaufbau, Demokratieaufbau, Verfassungsaufbau. Solche Programme, zum Beispiel mit Verwaltungshochschulen, könnte ich mir an noch viel mehr Stellen vorstellen, als es sie heute vielleicht schon gibt.

Was wünschen Sie sich in Ihrem eigenen Ressortbereich?

Wir profitieren ja von der Ukraine zum Beispiel im Gesundheitswesen. Wir haben viele Altenpfleger und Krankenschwestern, die von dort kommen, schon mit Blick auf den Fachkräftemangel. Ich würde mir wünschen, dass wir gerade in diesem Bereich dem Land und der Gesellschaft dort auch etwas zurückgeben könnten. Zum Beispiel durch Partnerschaften gerade im Bereich der Altenpflege und von Alters- und Pflegeheimen, durch fachlichen Austausch und gegenseitige Unterstützung.