| 05:27 Uhr

Brandenburger Spezialtruppe seit einem Jahr im Einsatz
Internetpolizisten jagen die Cybergangster

Im geheimen Darknet werden immer öffer Drogen, Waffen und Diebesware gehandelt. Brandenburgs Cyberpolizisten mischen dort mit, um den Tätern auf die Spur zu kommen.
Im geheimen Darknet werden immer öffer Drogen, Waffen und Diebesware gehandelt. Brandenburgs Cyberpolizisten mischen dort mit, um den Tätern auf die Spur zu kommen. FOTO: Boris Roessler
Potsdam. Wenn Internetgangster Bürger bei Online-Überweisungen betrügen, wenn  Firmen Opfer von Cyber-Attacken werden, wenn Hacker Politiker ausspionieren – dann treten Brandenburgs Cyberpolizisten in Aktion. Von Bodo Baumert

Cyber Competence Center (CCC), schon der Name klingt toll. Zwar kann das Kürzel auch schnell mit dem Chaos Computer Club, also Deutschlands bekanntesten Hackern verwechselt werden. Aber hier sind tatsächlichen die Guten gemeint, die den Verbrechern im Internet das Handwerk legen sollen. Und das werden immer mehr.

Viele Fälle, mit denen Brandenburger Polizisten befasst sind, haben in irgendeiner Form auch mit dem CCC beim Landeskriminalamt zu tun. Denn dort sitzen nicht nur Internet-Ermittler, sondern auch Techniker und Forensiker, die beschlagnahmte Computer oder Handys auslesen, überprüfen und die entsprechenden Auswertungen für die Kollegen in den anderen Abteilungen der Polizei zur Verfügung stellen. Drei Sachgebiete gibt es dafür, die im November vergangenen Jahres im neuen CCC gebündelt wurden, Kommunikationsüberwachung, Service und Forensik – zum Teil über die drei Standorte Potsdam, Eberswalde und Cottbus verteilt.

Wesentlich kleiner, aber um so mehr im Fokus des Interesses ist die vierte Abteilung, das Kommissariat Cybercrime. Hier sitzen die Ermittler, weniger als zehn sind es derzeit, die tatsächlich Ganoven im Internet auf der Spur sind. Alle haben einen technischen Hintergrund, sei es durch Studium oder Ausbildung, wie der Leiter des CCC, Denny Speckhahn, erläutert. Deshalb sei es auch schwierig, geeignetes Personal zu finden.

Wie muss man sich die Arbeit vorstellen? Wie im Kieler Tatort, wo Kommissar Borowski auf zwei durchgeknallte Freaks in einem riesigen dunklen Kellerraum des Polizeipräsidiums trifft? „Wir arbeiten alle in einem Großraumbüro“, sagt Speckhahn. Damit hören die Gemeinsamkeiten zum Fernsehen aber auch schon auf. Polizeiarbeit im Internet ist Detailarbeit, mühsam, langwierig. Die Ermittler bilden Teams, keiner arbeitet alleine an einem Fall. Viele Ermittlungen laufen parallel. Abgeschlossen ist noch kein Verfahren nach einem Jahr, auch wenn Speckhahn ankündigt, dass man „in Kürze“ etwas zu vermelden hätte.

Bereits in der Startphase vor einem Jahr hatte es einen typischen Ermittlungserfolg gegeben. Die Polizei konnte einem 29-jährigen Brandenburger das Handwerk legen, der über das Darknet Drogen verkaufte. „Das läuft ähnlich wie bei bekannten Online-Händlern wie Amazon ab: Der Käufer surft auf die Seite, wählt seinen Stoff aus, bezahlt per Kryptowährung Bitcoin und bekommt die heiße Ware per Post nach Hause“, erklärte Kriminalhauptkommissar Speckhahn damals.

Um solche Geschäfte im für die Öffentlichkeit unsichtbaren Darknet aufzudecken, dürfen sich die Cyber-Polizisten auch als Käufer ausgeben. Über Kontakte stoßen sie so auf weitere versteckte Online-Shops, können Hierarchien ausspionieren und versuchen, die Hintermänner zu identifizieren.

Damit das gelingt, kann die Arbeit nicht an der Landesgrenze enden. Auch andere Bundesländer haben, genau wie das BKA, Cyber-Truppen aufgestellt. Die sächsischen Cyberkompetenzen sind in Leipzig gebündelt. Gemeinsam wird ermittelt, werden Informationen ausgetauscht. Im Bereich Kinderpornografie sind den deutschen Behörden so in den vergangenen Monaten einige Ermittlungserfolge gelungen. Plattformen wurden vom Netz genommen, Täter verhaftet.

Doch Speckhahn und seine Kollegen sind nicht nur Ermittler mit Augen und Ohren im Darknet, sie sind auch Mahner und Ansprechpartner für Bürger und Firmen im Land, die Opfer von Cyber-Verbrechern werden.  „Single Point of Contact“ heißt das neudeutsch, also zentraler Ansprechpartner. „Viele Firmen, auch große, wenden sich an uns“, berichtet Speckhahn. Namen will er nicht nennen. Wenn publik wird, dass ein Unternehmen Opfer von Hackern oder Interneterpressern geworden ist, schade das dem Ruf. Betroffen seien aber die meisten. „Nur fünf Prozent der Straftaten werden tatsächlich angezeigt“, weiß Speckhahn. Er und seine Kollegen stecken deshalb viel Kraft in die Prävention, informieren gemeinsam mit den Kammern und bieten Hilfe an.

Erpressungsversuche über sogenannte Ransomware, bei denen Computer online gekidnappt werden und nur gegen Bezahlung wieder freigegeben werden, liegen im Trend. „Die klassischen Angriffe auf das Online-Banking gehen zurück“, beobachtet Speckhahn. Mit den Erpressungsversuchen lasse sich einfach leichter Geld erbeuten.

Gefährlich wird es, wenn solche gekaperten Rechner in sensiblen Bereichen wie etwa im OP eines Krankenhauses stehen. Speckhahn verweist auf ein Beispiel aus Neuss, es habe aber auch schon einen Fall in Brandenburg gegeben, wo ein Rechner in einem ambulanten medizinischen Zentrum gekapert wurde.

Für die Zukunft erwartet der Cyber-Polizist einen rasanten Anstieg solcher Fälle. „Das Beispiel Wannacry hat gezeigt, dass Rechner mittlerweile auch befallen werden können, ohne dass ein Mitarbeiter einen E-Mail-Anhang öffnen muss“, erläutert Speckhahn. Entsprechend müssten Firmen und Privatleute ihre Rechner besser schützen. Das gilt übrigens auch für Parteien, die von der Polizei im Vorfeld der Bundestagswahl beraten wurden, um sich gegen mögliche Angriffe und Manipulationsversuche zu sichern.

Für die Polizei bedeutet das noch mehr Arbeit, auch weil immer größere Datenmengen anfallen, die es zu durchsuchen gilt. Bisher müssen das Menschen machen, Speckhahn hofft in Zukunft auf Unterstützung von Algorithmen. Computer sollen Computer durchsuchen. Einen Plan hat die Brandenburger Polizei dafür schon, jetzt wird an der Finanzierung gearbeitet. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Speckhahn. Weitere Ermittler aus Fleisch und Blut braucht er trotzdem.