ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:52 Uhr

Brandenburg sehr stark betroffen
Geht Deutschland das Wasser aus?

 Das ausgetrocknete Flussbett der Schwarzen Elster Ende Juli. Seit Wochen fehlt der Regen in vielen Regionen Brandenburgs. Das Wasser wird immer knapper, in Deutschland und weltweit. Eine existenzielle Krise droht.
Das ausgetrocknete Flussbett der Schwarzen Elster Ende Juli. Seit Wochen fehlt der Regen in vielen Regionen Brandenburgs. Das Wasser wird immer knapper, in Deutschland und weltweit. Eine existenzielle Krise droht. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Berlin. Forscher warnen vor verheerenden Dürrefolgen. Auch in Deutschland wird Trockenheit zunehmend zum Problem. Von Igro Steinle

  Weil es nur wenig regnete, waren die Wasservorräte der 4,5-Millionen-Einwohner-Stadt Chennai in Indien nahezu erschöpft. Das Wasserwerk verteilte täglich Trinkwasser, stundenlang mussten die Menschen Schlange stehen. Schulen blieben geschlossen, Hotels rationierten das Wasser für ihre Gäste. Täglich verkehrende Versorgungszüge mit 2,5 Millionen Litern Wasser mussten die Metropole im Südosten des Landes versorgen.

Was in Chennai passiert ist, könnte weltweit bald Normalität werden. Fast ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Ländern mit einem extremen Trockenheitsrisiko. In 17 Staaten sei die Wasserknappheit bereits fast auf dem Niveau der „Stunde Null“ angelangt – dem Zeitpunkt, zu dem die gesamten Wasservorräte erschöpft sind. Das geht aus einem Wasserverfügbarkeitsbericht hervor, den das US-Forschungszentrum World Resources Institute (WRI) jüngst vorstellte.

Wasserknappheit ist die größte Krise

„Wasserknappheit ist die größte Krise, über die niemand spricht“, sagte WRI-Chef Andrew Steer. Dabei könnten Ernährungskrisen, Konflikte, wirtschaftliche Instabilität und Fluchtbewegungen die Folge sein. Am schwersten betroffen sind die heißen und trockenen Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika.

Landwirtschaft, Industrie und Kommunen verbrauchen dort „80 Prozent des verfügbaren Oberflächen- und Grundwassers“, teilten die WRI-Forscher mit. Bereits kleine Dürren könnten dann schwerwiegende Wasserkrisen wie in Chennai oder 2018 in der südafrikanischen Metropole Kapstadt auslösen.

Trinkwasser-Entnahmen haben sich weltweit verdoppelt

Der Hauptgrund für die neue Wasserknappheit ist der rasant zunehmende Verbrauch. Die WRI-Zahlen zeigen, dass die Entnahmen von Trinkwasser sich seit den 1960er-Jahren weltweit mehr als verdoppelt haben. Und es dürfte nicht besser werden: Steigende Bevölkerungszahlen, Wirtschaftswachstum sowie der Trend zur Urbanisierung erhöhen den Wasserbedarf stetig.

Weil vor allem in der Landwirtschaft mehr bewässert werden muss, kurbelt der Klimawandel den Verbrauch zusätzlich an. Gleichzeitig fällt im Zuge der Erderwärmung Regen unregelmäßiger und verdunstet Wasser aus Reservoirs schneller. Bis 2030 könnte die Anzahl der Städte, die am stärksten betroffen sind, laut WRI auf 45 steigen. 470 Millionen Menschen wären betroffen.

Wasserknappheit kann entgegengewirkt werden

Dabei ist es nicht unmöglich, die Wasserknappheit zu besiegen. „Etwa 82 Prozent der Abwässer im Mittleren Osten und Nordafrika werden nicht wiederverwendet“, monieren die WRI-Experten. Würde Wasser stärker als Ressource begriffen und verstärkt wiederaufbereitet, könnte dies bereits einige Probleme lösen. Zudem fordern die Forscher mehr Effizienz in der Landwirtschaft. Felder sollten nicht mehr wie in einigen Ländern überflutet, sondern präzise bewässert werden.

Deutschland steht auf der WRI-Rangliste auf Platz 62, in der Gruppe der Länder mit einem mittleren bis hohen Trockenheitsrisiko.

Vor allem Brandenburg von Trockenheit betroffen

Dass Wasser eine endliche Ressource ist, haben diesen Sommer aber auch einige Regionen hierzulande zu spüren bekommen. Etwa in Nordrhein-Westfalen oder in Brandenburg, wo zeitweise kaum noch etwas aus der Leitung kam, weil zu viele Menschen gleichzeitig Wasser zapften – vor allem für ihre Gärten.

Das brandenburgische Umweltministerium forderte die Bürger jetzt erneut auf, sparsam mit Wasser umzugehen. Aus Seen und Flüssen darf auch weiterhin keines entnommen werden.  Die Stadt Löhne etwa rief ihre Bürger dazu auf, auf das Sprengen ihrer Rasen und das Befüllen von Pools mit Trinkwasser zu verzichten. Feuerwehrwagen verbreiteten den Appell über Lautsprecherdurchsagen.

Wer trotzdem beim Sprengen oder Autowaschen erwischt wurde, dem drohten empfindliche Bußgelder. Damit ist Deutschland nicht mehr weit entfernt von Kalifornien: In einigen Bezirken dort durften Anwohner ihren Garten nur zwei Mal pro Woche für 15 Minuten wässern. Der Effekt: Vielerorts verschwinden dort Rasenflächen.

Wasser-Versorgung in Deutschland könnte zum Problem werden

Fachleute sind sich sicher: Erstmals seit Jahrzehnten könnte die Versorgung mit Wasser in Deutschland wieder dauerhaft zum Problem werden. Zwar sieht niemand die Trinkwasserversorgung als gefährdet an. Aber: „Häufigere trockene Sommer bedeuten auch, dass sich voraussichtlich mehr Nutzer um die Ressource Wasser streiten werden“, sagt Jörg Rechenberg, Wasserexperte beim Umweltbundesamt (UBA). Je weniger es regnet, desto mehr wird auch die Landwirtschaft auf die wertvolle Ressource Wasser zugreifen müssen.

Die kommunalen Wasserversorger warnen deswegen bereits vor wachsender Konkurrenz zu Landwirtschaft und Industrie. Sie fordern, dem Trinkwasser den Vorrang zu geben. Der Bauernverband jedoch sieht sich schon jetzt als Sündenbock und betont, dass Wasserverbrauch ein gemeinsames Thema von Versorgern, Verbrauchern, Industrie und Landwirtschaft ist.

Streit um das Wasser

Wenn es auch weiterhin nicht genug Regen gibt, sind Konflikte also programmiert. Für Rechenberg ist klar: „Dann müssen wir über eine gerechte Verteilung, also eine Priorisierung nachdenken. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.“