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Blumen gegen das Vergessen

Bundeskanzlerin Angela Merkel legt zusammen mit dem ehemaligen politischen Häftling Arno Drefke in der Gedenkstätte einen Kranz nieder.
Bundeskanzlerin Angela Merkel legt zusammen mit dem ehemaligen politischen Häftling Arno Drefke in der Gedenkstätte einen Kranz nieder. FOTO: dpa
Berlin. In der Berliner Stasiopfer-Gedenkstätte setzt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unmittelbar nach ihrem Urlaub ein deutliches Zeichen und erinnert an ein Stück dunkle DDR-Geschichte. Jutta Schütz

Arno Drefke ist 83 Jahre alt und hat sich in Schale geworfen für die Begegnung mit der Kanzlerin: schwarze Hose, graues Sakko und weißes Hemd. "Das ist schon eine Wertschätzung für mich", sagt der frühere politische Häftling. Als Angela Merkel (CDU) am Freitag das frühere Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit durch das graue, schwere Rolltor von einst betritt, nickt er. "Es ist richtig, dass die Kanzlerin kommt."

Drefke war im August 1961 als Strafgefangener in Hohenschönhausen mit Konstruktionsunterlagen für den Bau der Berliner Mauer befasst. Heute informiert er bei Führungen auch viele junge Menschen über das Unrecht und den Haftalltag. "Ich kann noch berichten, wie es war." Vier, fünf Tage im Monat komme er in die Gedenkstätte. Kilometergeld für die Fahrt aus dem brandenburgischen Wittstock zahle ihm niemand. Drefke war wegen angeblicher militärischer Spionage und Boykotthetze verurteilt worden.

Merkel zeigt sich im grünen Blazer bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Urlaub nahbar, streicht dem drahtigen Mann mit dem kurzen, grauen Haar über den Arm.

Gemeinsam verharren sie mit gesenkten Köpfen vor dem Gedenkstein für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft im Innenhof des einstigen Gefängnisses vor grauen Wänden und vergitterten Fenstern. In dem Kranz der Bundesregierung leuchten rote Rosen und Gerbera, gelbe Nelken und Lilien.

Kurz vor dem 56. Jahrestag des Mauerbaus mahnt Merkel, das DDR-Unrecht nicht zu vergessen, um Freiheit und Demokratie schätzen zu können. "Wir können nur eine gute Zukunft gestalten, wenn wir uns der Vergangenheit annehmen."

Die Kanzlerin versichert, dass sich der Bund weiter engagiere. Die Erinnerung an dem authentischen Ort in Berlin müsse wachgehalten werden. Merkel lobt, dass die überregional bedeutsame Gedenkstätte auch Arbeit gegen Linksradikalismus leiste. "Das sind Erscheinungsformen von heute, die wir nicht negieren können, und um deren Bekämpfung wir uns kümmern müssen."

In der Einrichtung sollen bis zum Herbst 2019 für 8,8 Millionen Euro historische Oberflächen im Inneren wie Fußböden und Wände denkmalgerecht saniert werden. Neben dem Bund finanziert auch das Land Berlin das Projekt der Gedenkstätten-Stiftung. Merkel schaut sich den grauen Betonhof mit sogenannten Freigangzellen an. Oben sind noch immer Stacheldraht und Gitter gespannt. Häftlinge konnten in den Zellen ohne Dach ein kleines Stückchen Himmel sehen, sollten aber keinen Kontakt zu anderen haben. Auch hier soll saniert werden.

Von einem anderen Ex-Häftling bekommt Merkel einen Schlüssel aus dem berüchtigten Knast in Bautzen geschenkt. Er soll nun im Kanzleramt ausgestellt werden - gegen das Vergessen. Edda Sperling nutzt die Gelegenheit, schüttelt Merkel die Hand und sagt: "Wir haben ganz viele Probleme." Es geht um die Renten von einstigen Häftlingen, die freigekauft wurden oder in den Westen ausreisen konnten.

Entgegen ursprünglicher Versprechen sei diese Gruppe nun massiv benachteiligt bei der Alterssicherung, sagt Sperling und wird von Merkel ermutigt: "Schreiben Sie mir nochmal." Die Regierungschefin spricht auch mit den Demonstranten, die deshalb vor der Gedenkstätte protestieren. Auf einem Transparent steht "Rentenbetrug".

In dem Stasi-Gefängnis waren von 1951 bis 1989 mehr als 11 000 Menschen eingesperrt. Auch Oppositionelle wie Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Ulrike Poppe oder Freya Klier waren in Hohenschönhausen inhaftiert. Ironie der Geschichte: Nach der Wende war Ex-Stasi-Chef Erich Mielke dort vorübergehend untergebracht.