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| 19:01 Uhr

Interview Wolfang Ipolt
„Wir wollen keine neuen Grenzen“

 Bischof Wolfang Ipolt mit der Gründungsurkunde des Bistums.
Bischof Wolfang Ipolt mit der Gründungsurkunde des Bistums. FOTO: Bistum Görlitz / Katja Wöhle
Potsdam. Der Bischof des kleinsten katholischen Bistum spricht über Pfingsten, Grenzen und die AfD.

Bischof Ipolt, was bedeutet Ihnen das Pfingstfest?

Wolfang Ipolt Das Pfingstfest ist für uns Christen das Ende der Osterzeit. Es ist der Punkt, wo die Auferstehung Christi, die wir an Ostern gefeiert haben, Früchte trägt. An Ostern haben die Apostel erfahren, dass Christus lebendig ist. An Pfingsten haben sie verstanden, dass sie diese Botschaft nicht für sich behalten dürfen, sondern dass sie sie in die Welt tragen müssen. Das bedeutet Pfingsten. Die Jünger Jesu werden zu Boten, zu Gesandten Gottes. Pfingsten ist wie eine Explosion: Wenn man die Apostelgeschichte liest, dann spürt man, mit welcher Kraft das geschah.

Diese Kraft ist ja der „Heilige Geist“. Wie stellen Sie ihn sich vor?

Ipolt Wir glauben als Christen an einen Gott, der in sich Gemeinschaft ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Heilige Geist ist die wirkmächtige Kraft Gottes, die den Menschen bewegen will. An Pfingsten kam der Heilige Geist über die Jünger, die in Jerusalem versammelt waren. Der Heilige Geist schafft eine neue Kommunikation: Die Menschen konnten einander in ihren Sprachen verstehen. Und dass Pfingsten Folgen hatte, spüren wir ja bis heute: Ohne Pfingsten gäbe es schließlich keine Kirche – Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche.

Eine Kirche, die bald Geburtstag hat, ist Ihr Bistum, das Bistum Görlitz. Warum ist das Lausitzbistum eigentlich erst 25 Jahre alt? Warum wurde es damals gegründet?

Ipolt Unser Bistum ist aus den politischen Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Als die Oder-Neiße-Linie zur deutsch-polnischen Grenze wurde, wurde das alte Erzbistum Breslau geteilt. Man hat dann zunächst eine Administratur errichtet, eine Vorstufe zu einem Bistum. Und als der Eiserne Vorhang gefallen war, hat Papst Johannes Paul II. die Grenzen der Diözesen neu geordnet. So entstand 1994 unser Bistum, aber auch das Bistum Magdeburg und das Bistum Erfurt. Und auch im polnischen Teil hat Johannes Paul II. die Bistümer Liegnitz und Schweidnitz neu errichtet.

Wie nehmen Sie die deutsch-polnischen Beziehungen heute wahr?

Ipolt Wir bemühen uns als Kirche, die Kontakte nach Polen wachzuhalten und zu pflegen. Und das machen wir, obwohl solche Kontakte heute politisch nicht immer einfach sind. Aber ich selbst bin in der Kontaktgruppe der deutschen und der polnischen Bischöfe. Der Erzbischof von Breslau war auf meinem Neujahrsempfang, es gibt Prozessionen über die Grenze und polnische Katholiken siedeln sich in unseren Gemeinden an. Gerade wir als Kirche wollen den europäischen Gedanken fördern. Nationalistischen Tendenzen erteilen wir eine Absage. Denn die katholische Kirche ist ein „Global Player“, eine internationale Gemeinschaft.  Die Katholiken in Polen gehören wie wir zur einen katholischen Kirche. Wir wollen nicht die Grenzen zwischen den Völkern wieder stark werden lassen: Wir Bischöfe bemühen uns darum, Veranstaltungen über die Grenze hinweg zu organisieren – zusammen mit den katholischen Bischöfen in Polen planen wir zum Beispiel eine ökumenische Gedenkandacht zum 80. Jahrestag des Beginns des zweiten Weltkriegs am 1. September.

Sie sprechen positiv von Europa – aber in Ihrer Bischofsstadt Görlitz besteht die Möglichkeit, dass am 16. Juni bei der Stichwahl ein AfD-Politiker Oberbürgermeister wird...

Ipolt Zuerst einmal sollten wir die Wahlergebnisse abwarten. Aber wenn wir uns abschotten, wenn wir aus einer irrationalen Angst heraus Grenzen wieder schließen –  dann wäre das aus meiner Sicht kein Gewinn für uns. Ich gehöre zu der Generation, die 1989 für offene Grenzen und ein gemeinsames Europa auf die Straße gegangen ist, und da stehe ich auch heute noch dazu und bin dankbar dafür.

Ist das, was die AfD macht, noch christlich?

Ipolt Ich bin unsicher, hier mit Ja oder Nein zu antworten. Im Programm dieser Partei – wie auch anderer Parteien – finden sich Dinge, die nicht unbedingt mit unserem christlichen Menschenbild vereinbar sind. Ich erwarte, dass sich alle Parteien an das Grundgesetz, unsere Verfassung, halten. Aber mir ist es als Bischof wichtig, dass ich die Brücken zu den Menschen, die die AfD wählen und sie unterstützen, nicht einfach abreißen lasse. Wir müssen weiter mit diesen Menschen reden: Denn jedes Gespräch hinterlässt ja beim Gesprächspartner auch Spuren. Ich hoffe zumindest auch auf eine größere Nachdenklichkeit.

In der Lausitz wird weiter stark über den Kohleausstieg debattiert. Was kann da die katholische Kirche tun?

Ipolt Ich glaube, dass sich seit dem Bekanntwerden des Datums 2038 einiges entkrampft hat. Es war klug, dieses Datum zu benennen. Unsere Rolle ist es jetzt, den Menschen so zu helfen, dass sie nicht aus Angst oder Unruhe weggehen. Es muss darum gehen, zusammen mit den Menschen neue Perspektiven für die Region zu finden. Mit Phantasie und Kreativität müssen wir überlegen, wie wir dieses Land mitgestalten können, dass es weiterhin ein lebenswertes Land wird. Da möchte ich, dass wir als Kirche kräftig zu einer positiven Grundstimmung beitragen. Wir wollen dieses Land stärken und gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Kräften nach neuen Möglichkeiten suchen.

 Bischof Wolfang Ipolt mit der Gründungsurkunde des Bistums.
Bischof Wolfang Ipolt mit der Gründungsurkunde des Bistums. FOTO: Bistum Görlitz / Katja Wöhle