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| 18:04 Uhr

Beruf Politiker
Im T-Shirt in den Plenarsaal

 Mit Vorliebe für T-Shirts, Jeans und die Natur: Benjamin Raschke ist seiner Heimat Spreewald fest verbunden.
Mit Vorliebe für T-Shirts, Jeans und die Natur: Benjamin Raschke ist seiner Heimat Spreewald fest verbunden. FOTO: dpa / Jens Kalaene
Potsdam. Der Spreewälder Benjamin Raschke (Bündnis 90/Die Grünen) hat die erste Legislaturperiode im Landtag hinter sich.

Es war der 19. November 2014. Zum ersten Mal tritt Benjamin Raschke ans Rednerpult des Brandenburger Landtags. In einem roten Sweatshirt mit weißen Knöpfen und hochgekrempelten Ärmeln spricht er zu einem Antrag der CDU-Fraktion, bei dem es um die Situation der Landnutzer und einen Ausgleichsfonds für Schäden geht, die durch geschützte Arten hervorgerufen wurden. „Lassen Sie uns nicht die Landnutzer und die Naturschützer gegeneinander ausspielen“, sagte Raschke damals. Ein Thema, das den Abgeordneten der Grünen die nächsten Jahre durchgehend begleitete. Einige Monate zuvor, im September, war der heute 36-jährige Politikwissenschaftler und frühere Co-Landesvorsitzende seiner Partei neu ins Parlament gewählt worden.

Raschkes Geschichte ist eine von vielen: Denn unter den 88 Abgeordneten des Brandenburger Landtags gab es 2014 zahlreiche Newcomer. Raschkes Fraktionskollegin Heide Schinowsky etwa, die bei der Landesdelegiertenkonferenz im Frühjahr keinen Platz auf der Landesliste ihrer Partei ergattern konnte und nun wieder aus dem Landtag ausscheidet. Den SPD-Abgeordneten Björn Lüttmann, der 2016 Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD wurde. Oder die komplette AfD-Fraktion. Benjamin Raschke, den seine Partei auf Listenplatz zwei für die Landtagswahl im September wählte, ist deswegen nur ein Beispiel für viele. Ein Beispiel dafür, wie ein neu ins Parlament eingezogener Abgeordneter eine Legislaturperiode erleben kann.

Im Landtag war der Spreewälder für mehrere Themen zuständig. Als rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion saß er im Justizausschuss und beschäftigte sich mit Dauerthemen wie der Personalausstattung der Justiz. In der Enquete-Kommission für den ländlichen Raum setzte er sich dafür ein, dass ein Großteil der Sitzungen vor Ort auf dem Lande stattfand. Vor allem aber war es die Landwirtschafts- und Umweltpolitik, die den Lausitzer beschäftigte.

Wie sehr so etwas für einen Grünen manchmal zum Auswärtsspiel werden kann, zeigt folgende, vor einigen Jahren in Potsdam zu beobachtende Begebenheit: Als der überzeugte Vegetarier Raschke zu einer Feierlichkeit eines großen Landnutzerverbands eingeladen wurde, musste er etwas erstaunt feststellen, dass es am dortigen Büfett zwar jede Menge gegrilltes Fleisch gab. Aber eben auch nichts anderes. Nicht einmal Salate hatte man zu bieten.

Doch Raschke war an jenem Abend der einzige Landtagsabgeordnete, der überhaupt gekommen war. Auch das wurde in der Verbändeszene aufmerksam registriert. Denn zwischen Grünen und Landnutzern herrscht nun einmal keine Liebesbeziehung. „Ich lerne jedes Mal dazu, wenn ich etwa mit Thomas Weber vom Waldbesitzerverband oder Gregor Beyer vom Forum Natur rede“, sagt Raschke. „Oft vertreten wir unterschiedliche Interessen – ich bin aber dankbar dafür, dass wir uns nicht so streiten, wie das anderswo der Fall ist.“

Heute habe er „zu allen Verbänden außer dem Bauernbund“ ein „professionelles“ Verhältnis, ebenso natürlich wie zu den Naturschutzverbänden, den klassischen Verbündeten der Grünen. Und auch mit dem Bauernbund kooperiere man etwa bei Themen wie dem Kampf gegen neue Tagebaue, der Höfeordnung oder dem Landgrabbing. „Aber im Kampf gegen den Wolf hat man sich dort radikalisiert und dadurch selbst ins Abseits gestellt“, sagt Raschke.

Was die Legislaturperiode mit ihm gemacht hat? Raschke steht in seinem Büro im Potsdamer Stadtschloss auf, geht zu seinem Schreibtisch und holt ein Buch des Journalisten Jürgen Leinemann hervor. „Höhenrausch – die wirklichkeitsleere Welt der Politik“, heißt es. „Das Buch zeigt mir, wie ich nicht sein will“, sagt Raschke. Ihm tut es weh, festzustellen, dass er immer mehr Zeit im Landtag oder in Potsdam verbringt. „Mein Lebensmittelpunkt ist der Spreewald und ich achte, gerade nach den Skandalen um die jungen Abgeordneten der Linken, auch sehr bewusst darauf, hier nicht die Bodenhaftung zu verlieren“, sagt Raschke.

Dazu passt auch etwas sehr persönliches: Als Raschke 2017 Vater wurde, nahm er sich zwei Monate Auszeit. Eine „Elternzeit“, die es so für Abgeordnete eigentlich nicht gibt. Doch Raschke wollte seine junge Familie unterstützen. Und weil es für Abgeordnete eigentlich kein Elterngeld gibt, spendete er die Differenz zwischen seinem theoretischen Elterngeld und der tatsächlich gezahlten Abgeordnetendiät dem Bund der freiberuflichen Hebammen.

Und dann ist da natürlich noch die Frage nach der Kleiderordnung. Denn wer nach einem Foto von Benjamin Raschke mit Anzug und Krawatte sucht, wird auch heute noch recht lange danach suchen müssen. Auch am letzten Plenartag der Legislaturperiode stand Benjamin Raschke jedenfalls wieder in T-Shirt und Jeans am Rednerpult. Nur seine T-Shirts, die sind mittlerweile grün.

 Mit Vorliebe für T-Shirts, Jeans und die Natur: Benjamin Raschke ist seiner Heimat Spreewald fest verbunden.
Mit Vorliebe für T-Shirts, Jeans und die Natur: Benjamin Raschke ist seiner Heimat Spreewald fest verbunden. FOTO: dpa / Jens Kalaene