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| 14:52 Uhr

„Jedes zweite Krankenhaus schließen“
Bertelsmann-Studie: Kliniken in Forst und Weißwasser überflüssig?

 Die Lausitz Klinik in Forst hat weniger als 200 Betten. Geht es nach einer aktuellen Bertelsmann-Studie müsste die Klinik wohl schließen.
Die Lausitz Klinik in Forst hat weniger als 200 Betten. Geht es nach einer aktuellen Bertelsmann-Studie müsste die Klinik wohl schließen. FOTO: LR / Steffi Ludwig
Gütersloh/Cottbus. Geht es nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung müsste jede zweite Klinik in Deutschland zumachen. Das würde auch Kliniken in Brandenburg und Sachsen betreffen.

Würden die Vorschläge einer am Montag veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung bei der Krankenhausplanung in den Bundesländern Berücksichtigung finden, müssten etliche kleine Kliniken in der Lausitz vermutlich schließen. So überschreiten die Lausitz Klinik in Forst (Laussitz), das Naemi-Wilke-Stift in Guben, das evangelische Krankenhaus in Luckau, das Krankenhaus in Spremberg oder das Kreiskrankenhaus in Weißwasser nicht einmal die 200er-Marke bei der Bettenzahl.

Von den derzeit knapp 1400 Krankenhäusern in Deutschland sollten laut der Studie nur rund 600 größere und besser ausgestattete Kliniken erhalten bleiben. Zudem verfügten kleine Kliniken häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle angemessen behandeln zu können. So sei die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses nur von Vorteil, wenn dort ein entsprechender Facharzt verfügbar sei.

Unerlässliche Erstversorgung

Gundula Bitter-Schuster, Sprecherin der Krankenhausgesellschaft Sachsen, sieht das anders. So könne eine kleinere, schneller erreichbare Klinik vor Ort erste Hilfsmaßnahmen einleiten, Patienten stabilisieren, und dann etwa per Hubschrauber an die nächstgelegene Fachklink übergeben.

Außerdem macht Gundula Bitter-Schuster bei der Bertelsmann-Studie einen gravierenden Fehler aus: Es sei nur die Region Köln/Leverkusen mit dem angrenzenden ländlichen Raum betrachtet worden. Dort sei der Öffentliche Nahverkehr viel besser ausgebaut, gebe es zudem tatsächlich eine Überangebot an Kliniken. So kommt die Studie dort zum Schluss, dass bei Reduzierung der Kliniken von 38 auf 14 Patienten im Durchschnitt nicht viel länger fahren müssten. Dies sehe laut Gundula Bitter-Schuster in ländlichen Regionen in Sachsen und Brandenburg ganz anders aus. „Es wird ein Bundesdurchschnitt errechnet, der den Realitäten hier überhaupt nicht entspricht.“

Mehr ambulante Versorgung ist nicht leistbar

Auch der Vorschlag verstärkt auf ambulante Versorgung zu setzen, verärgert Gundula Bitter-Schuster. Seit Jahren kämpfen die ländlichen Gebiete in Sachsen und Brandenburg mit Ärztemangel. Immer mehr Ärzte gehen in Rente, Nachfolger fehlen oder es zieht diese eher in die großen Städte.

Auch für Brandenburgs Gesundheitsstaatssekretär Andreas Büttner trifft die Studie nicht die Lausitzer Realität: Die Krankenhausdichte sei „bedarfsgerecht“. Allerdings sei die demografische Entwicklung für Kliniken auf dem Land eine große Herausforderung. Neue Konzepte für die Gesundheitsversorgung, etwa „die engere Kooperation zwischen kleinen Landkrankenhäusern und größeren Spezialkliniken“ sowie Telemedizin für eine schnelle wohnortnahe Erstdiagnose seien nötig.

Eine engere digitale Vernetzung kleiner mit großen Kliniken und ein besseres Ineinandergreifen ambulanter und stationärer Angebote sind für Gundula Bitter-Schuster Lösungsansätze. Im Krankenhaus Weißwasser und in Marienberg im Erzgebirge werde dafür etwa bereits modellhaft mit Telemedizin gearbeitet.

Die Aussage der Studie, dass größere Kliniken bessere Behandlungen und Qualität gewährleisten würden, ist laut des Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß, eine „absolut unbelegte Einschätzung“. Seit Jahren werde anhand vieler Indikatoren die Qualität der medizinischen Versorgung gemessen. Wo es Qualitätsdefizite gebe, werde interveniert. Laut Gundula Bitter-Schuster gebe es zudem Studien, die zeigen, dass aber ein gewissen Krankenhausgröße die Versorgung sogar wieder schlechter werde.

Viele Kliniken in finanzieller Schieflage

Die Bertelsmann-Studie befasst sich auch mit der finanziellen Lage der Krankenhäuser in Deutschland. Und diese sei laut der Studie prekär. Nach jüngsten Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft hat jede dritte Klinik 2017 rote Zahlen geschrieben. Die sogenannten Rationalisierungsreserven seien mittlerweile ausgeschöpft, hatte die Krankenhausgesellschaft erklärt.

Die Sprecherin der sächsischen Krankenhausgesellschaft sieht einen Grund dafür aber nicht im schlechten Wirtschaften von Kliniken, sondern auch in einem massiven Investitionsstau. Schon jetzt komme nur noch die Hälfte der mindestens notwendigen Investitionsgelder bei den Kliniken an.

Dies bestätigt auch die Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg. „Schon jetzt kann das Land Brandenburg den Investitionsbedarf der Kliniken bei Weitem nicht decken – zu den Quellen für einen derart drastischen Umbau äußert sich die Studie nicht“, heißt es in einer Mitteilung. Wenn kleine Kliniken schließen, müssten die großen Kliniken diese Patienten aufnehmen. Das würde mehr Betten, mehr Platz, mehr Ausstattung erfordern. Ein solcher Ausbau der entsprechenden Krankenhäuser sei für viele Länder nicht bezahlbar. Hier eine Übersicht der Krankenhäuser im Land Brandenburg.

Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer der Lausitz-Klinik Forst sagte am Montag: „Ich bin dafür, dass nicht die Größe, sondern Kriterien wie Qualität und Auslastung darüber entscheiden sollen, ob eine Klinik Bestand haben darf. Die jetzt vorgeschlagene Zentralisierung halte ich in einem Flächenland wie Brandenburg für den falschen Ansatz. Wollen wir denn dann die Patienten mit Bussen einsammeln?“

(mit dpa)