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| 11:24 Uhr

Die Story: Eine Stadt auf dem Gelände der Beelitz-Heilstätten
Die letzten Tage in einer verlassenen Welt

Heilstätten in Beelitz FOTO: Julia Täuscher
Beelitz-Heilstätten. In Beelitz-Heilstätten gab es einst ein gigantisches Sanatorium mitten im Wald. Demnächst soll dort eine neue Stadt entstehen. Von Sven Hering

Mit einer Warnung fängt das Abenteuer an. „Bitte passt auf, wo ihr hintretet.“ Vor allem vor dem Weg in den Keller mahnt Tourguide Sven – man duzt sich in der Gruppe unkompliziert – zu äußerster Vorsicht. „Sonst könnt ihr euch richtig böse weh tun.“ Ein paar Minuten später wissen die gut ein Dutzend Leute, die diese Fototour gebucht haben, was damit gemeint ist. Der Boden: Schutt und Scherben. Holz. Zersplittert. Löcher. Einen halben Meter breit. Das reicht, um dort hineinzustürzen. Taschenlampen erhellen die gefährliche Unterwelt. Auslöser von Fotokameras klicken. Licht blitzt auf.

Die Berliner Agentur Go2Know bietet seit acht Jahren Fototouren an. Besonders beliebt: das Areal des alten Sanatoriums in Beelitz-Heilstätten. Erfahrene Guides kennen jeden Winkel auf dem riesigen Gelände. Sie versorgen die Teilnehmer mit spannenden historischen Fakten. Und so öffnen sich – für ein paar Stunden – Gebäude, die sonst mit dicken Ketten und starken Schlössern gesichert sind. Betreten verboten. Lebensgefahr.

Während draußen die Sommersonne knallt, das Thermometer der 30 Grad-Marke entgegenstrebt, herrscht in dem Gebäude eine angenehme Kühle. Das dicke Mauerwerk funktioniert als Kältespeicher. Auch wenn kein Fenster mehr intakt ist, manch Rahmen nur noch von morschen Holzfasern gehalten wird. „Nichts anfassen, was beweglich ist“, hat Sven gesagt. Es ist besser, sich daran zu halten.

Das flächenmäßig größte Baudenkmal Brandenburgs ist einer der beliebtesten verlorenen Orte für Abenteurer, Fotofans, Architekturliebhaber. Lost Places. Geheimnisvoll. Sagenumwoben. Versunken im verwunschenen märkischen Kiefernwald. Berühmt geworden sind die Ruinen der Beelitzer Heilstätten weltweit als Drehort für Filme und Serien wie Polanskis „Der Pianist“, auch Tom Cruise kam für „Operation Walküre“ nach Beelitz.

 Einige Gebäude bildeten die Kulisse für diverse Spielfilme.
Einige Gebäude bildeten die Kulisse für diverse Spielfilme. FOTO: Julia Täuscher

Die Geschichte des Areals reicht bis in die 1880er-Jahre zurück. Als in den düsteren Berliner Hinterhöfen die Tuberkulose ausbrach, wurde fast jeder dritte Erkrankte von der Seuche dahingerafft. Ingenieure und Wissenschaftler setzten auf den Wohlfühleffekt und auf Heilbehandlungen. Die Landesversicherungsanstalten Berlin (LVA) beschlossen 1898 den Bau einer gigantischen Heilstättenanlage für Männer und Frauen in den erholsamen Kiefernwäldern nahe der Stadt Beelitz. Absolute Sauberkeit, so erklären die Experten von Go2Know, war dort ebenso ein Gebot wie das maximale Wohlergehen der Patienten. Spezielle Lüftungssysteme versorgten die geschwächten Menschen in ihren Zimmern über eigens angelegte Schächte mit frischer Luft aus dem Wald, während ein völlig neuartiges Fernwärmekraftwerk heißen Wasserdampf für die Heizsysteme und Kochapparate der Küchen sowie zum Sterilisieren und Desinfizieren herstellte.

Auf dem gesamten, 200 Hektar großen Gelände bestand eine strikte Geschlechtertrennung. Patienten, die sich nicht daran hielten, verloren ihren Krankenhaus-Platz. Das galt auch für das Personal, weshalb das Heizhaus, die Fleischfabrik und die Backfabrik zum Beispiel auf der nördlichen Männerseite errichtet wurden, während sich das Waschküchengebäude und die Kochküche auf der südlichen Frauenseite befanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Russische Armee das Areal. Die Beelitzer Heilstätten waren das größte Militär-Krankenhaus außerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Heute nutzen die Kliniken Beelitz Teile der ehemaligen Lungenheilanstalt als Fachkrankenhaus und Rehabilitationsklinik. Bei Besuchern aus Berlin und Touristen sehr beliebt ist zudem der Baumkronenpfad sowie der neue Barfußpfad.

Der verlorene Ort ist längst wiederentdeckt worden. In einem Teil des durch die Straße und die Bahnstrecke nach Berlin in vier Abschnitte aufgeteilten Ortes Beelitz-Heilstätten nimmt das „Refugium Beelitz“ Gestalt an. Im prächtigen Küchengebäude des ehemaligen Frauen-Sanatoriums sind die ersten Bewohner bereits eingezogen. Der Anfang für ein ambitioniertes Projekt. Eine neue Stadt Heilstätten entsteht. Entwickelt wird diese von der KW-Development GmbH, die Ende 2012 vom Immobilien-Experten Jan Kretzschmar gegründet worden ist.

 „Hier wohnt man im Erstbezug gerade einmal eine knappe halbe Stunde vom Berliner Kurfürstendamm entfernt für eine Miete ab 8,50 Euro oder kauft sich seine Wohnung am Waldrand für einen Preis ab 2400 Euro den Quadratmeter in einem ausgewiesenen Baudenkmal. Solche Angebote gibt es in Berlin gar nicht mehr“, sagt Geschäftsführer Jan Kretzschmar. Bei einer privaten Geburtstagsfeier hatte er die stark verfallenen Gebäude kennengelernt – und sich vom Charme der Häuser verzaubern lassen.

Mit den ersten 57 Wohnungen im Refugium soll nicht Schluss sein: Jan Kretzschmar plant auch die denkmalgerechte Sanierung und den teilweisen Ausbau des einstigen Verwaltungsgebäudes, des Männersanatoriums und des Zentralen Badehauses für spätere gewerbliche Nutzungen mit zusammen rund 17 600 Quadratmetern Fläche. „Dies wären dann die ersten Sanierungsaktivitäten im Quadranten C, also auf der anderen Straßenseite des Refugium Beelitz“, erläutert Kretzschmar. „Am liebsten wäre mir hier die Nutzung durch einen einzelnen Mieter, etwa eine Uni oder ein Schulungszentrum, damit die Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben und wir die großen, prächtigen Säle erhalten können“, so der Bauherr.

Außerdem soll eine naturnahe Siedlung mit Wohnungen und Häusern entstehen. Darüber hinaus plant Kretzschmar bis 2020 den Bau preiswerter Mietwohnungen.

 Demnächst wird das Areal umgebaut.
Demnächst wird das Areal umgebaut. FOTO: Julia Täuscher

Mit Blick auf die neuen Bewohner und die bis zu 1400 neuen Arbeitsplätze entsteht in Beelitz-Heilstätten eine vollkommen neue Infrastruktur. Ausgehend vom Bahnhof will die KW-Development Supermarkt, Grundschule, Kita, Hort, Ärztehaus, Café/Restaurant, Pflegeeinrichtung, einen Marktplatz sowie Flächen für weitere Dienstleistungen wie etwa eine Reinigung und einen Kiosk errichten. Zudem soll die Park&Ride-Fläche am Bahnhof erweitert werden.

Hobby-Fotografen müssen sich deshalb ranhalten. Bis zum Baubeginn werden von der Agentur noch Touren in den beliebten Häusern der Männerklinik und in einigen Wirtschaftsgebäuden angeboten (Buchung unter www.go2know.de). Da die Sanierung der Wirtschaftsgebäude (Zentralwäscherei, Fleischerei, Bäckerei, Kraftwerkshalle) in den kommenden Monaten nacheinander beginnt, könne es aber sein, dass die Häuser nach und nach aus der Fotobase verschwinden.

Nicht verschwinden wird allerdings die Erinnerung an diesen Ort. Dafür haben diejenigen gesorgt, die zu Gast waren in einer der gruseligsten Kliniken Deutschlands – und ihre Eindrücke festgehalten haben, aus dunklen Kellern, prächtigen Sälen, geheimnisvollen Räumen. In einem der spannendsten Orte Brandenburgs.

Heilstätten in Beelitz FOTO: Julia Täuscher