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Babyboom bei Feldmäusen bereitet Bauern Sorge

Viele Landwirte sind alarmiert. Nach dem milden Winter wimmelt es auf vielen Äckern und Wiesen nur so vor Mäusen.
Viele Landwirte sind alarmiert. Nach dem milden Winter wimmelt es auf vielen Äckern und Wiesen nur so vor Mäusen. FOTO: dpa
Erfurt/Cottbus. Mit Knopfaugen und spitzer Nase sind Mäuse eigentlich possierliche Tierchen. Derzeit treiben die Nager aber wieder vielen Bauern Sorgenfalten auf die Stirn. Und es wird über den Einsatz von Gift gestritten. Andreas Hummel und Anja M. Lehmann /

Viele Bauern sind alarmiert. Nach dem milden Winter wimmelt es vor allem im Süden Ostdeutschlands auf den Äckern nur so vor Mäusen. Dort haben sich die kleinen Nager in den vergangenen Monaten so üppig gepaart, dass der Boden mancherorts durchlöchert ist. Thüringens Bauernpräsident Helmut Gumpert warnt bereits vor einer Plage schlimmer als 2012. Damals hatten die Tiere Millionen-Schäden durch Ernteausfälle angerichtet. Wie Gumpert berichtet, wurde auf einigen Testflächen die Schwelle der kritischen Populationsgröße um das Zehnfache überschritten.

Mäuse wandern nach Norden

Auch in Brandenburg und Sachsen haben die Populationen deutlich zugenommen, teilen die Landesbauernverbände mit. "Aber nicht in der Größenordnung, dass wir sie flächendeckend bekämpfen müssen", sagt Karsten Lorenz, Referent für Acker- und Pflanzenbau im brandenburgischen Landesbauernverband.

"Es ist schlimmer als sonst und schon ein größeres Problem, das sich da andeutet", bestätigt auch sein sächsischer Kollege Andreas Jahnel. Genaue Zahlen lägen jedoch noch nicht vor. "Wie groß die Schäden sind, wird man erst bei der Ernte sehen", so Jahnel.

Fakt ist: Die Mäuse breiten sich von Thüringen und dem südlichen Sachsen-Anhalt weiter aus. "Die gemeine Feldmaus zieht es dorthin, wo sie ein entsprechendes Nahrungsangebot vorfindet", erklärt Karsten Lorenz. So zieht es sie besonders zu bodenbedeckenden Kulturen wie Getreidefelder, Wiesen und zunehmend auch Rapsfelder. Dort kann sie sich gut vor Raubvögeln und anderen natürlichen Fressfeinden verstecken.

Regelmäßige Massenvermehrung

Massenvermehrungen von Feldmäusen sind nach Angaben von Fachleuten nicht ungewöhnlich und kommen etwa alle drei bis fünf Jahre vor. Die genauen Ursachen hätten wissenschaftlich noch nicht restlos geklärt werden können - ebenso, warum die Populationen dann meist plötzlich wieder zusammenbrechen, erläutert Christian Wolff, Vizevorsitzender der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Feldmaus-Management.

Offensichtlich hat der milde Winter dazu geführt, dass sich die Nager auf den Feldern und auch im Wald sehr wohlfühlen und fleißig vermehren. Eine Maus kann übers Jahr mehr als 100 Nachkommen haben.

Zwar sind die Tierchen alte Bekannte der Bauern und haben schon früher für erhebliche Ernteeinbußen gesorgt. Aber veränderte Bewirtschaftungen wirkten sich günstig aus, erklärt Wolff. "Wir haben anders als in früheren Jahrhunderten heute eine sehr enge und eingeschränkte Fruchtfolge." Zum Schutz des Bodens und aus Kostengründen werde zudem weniger gepflügt - und so die Behausungen der Mäuse geschont. Vielerorts bleiben Randstreifen stehen. "In den vergangenen Jahren gab es Hochwasser und häufiger Niederschläge, das dämmte die Mäusepopulation ein", so Karsten Lorenz. Milde Temperaturen und Trockenheit seien für Mäuse ideal.

So könnten in den kommenden Monaten Begegnungen zwischen Mensch und Maus im Alltag wieder häufiger werden. Fachleute gehen davon aus, dass die Nager verstärkt in Klein- und Vorgärten vordringen werden - vor allem dann, wenn nach der Ernte kaum noch Nahrung auf den Feldern zu finden sein wird.

Mitteldeutschland sehr betroffen

Die 2013 nach der jüngsten Mäuseplage ins Leben gerufene Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Feldmaus-Management" will im Mai über die aktuelle Lage beraten. Laut Deutschem Bauernverband sind vor allem Mitteldeutschland, aber auch Regionen etwa in Hessen und Rheinland-Pfalz betroffen.

Dass sich immer mehr Mäuse auf den Äckern herumtreiben, lässt derweil einen alten Streit zwischen Landwirten und Tierschützern aufbrechen - den ums Gift. Den Bauern sind dabei die Hände gebunden. Die Landwirte müssen die Köder unzugänglich für andere Tiere direkt in die Mäuselöcher einbringen - ein aufwendiges Unterfangen. Thüringens Bauernpräsident Gumpert fordert deswegen rasch eine Sondergenehmigung, damit Landwirte Köder mit dem Wirkstoff Chlorphacinon breitwürfig ausbringen dürfen.

Ein Gedanke, den der Agrarexperte des Naturschutzbundes (Nabu), Florian Schöne, strikt ablehnt: Denn Störche, Graureiher, Eulen und der besonders geschützte Rotmilan ernähren sich von Mäusen. "Wenn die Vögel tote oder sterbende Mäuse fressen, kommt es zu einer Sekundärvergiftung und sie verenden schleichend", erklärt Schöne. Er vermutet, dass die Bauernlobby das verbotene Gift generell wieder salonfähig machen will. "Vielleicht müssen wir wieder lernen, stärker mit den Mäusen zu leben und die Bewirtschaftung darauf einstellen", sagt Schöne.

Als Alternativen zum Einsatz von Mäusegift setzt die Landwirtschaft auf die Förderung von Beutegreifern wie Eulen und Greifvögel durch Sitzkrücken und Nistkästen. Vom Vorwurf des Nabus distanziert sich der sächsische Bauernverband. Zum einen hätten Raubvögel abgesteckte Reviere, in denen sie neben sich keine anderen dulden, erklärt Andreas Jahnel. "Außerdem sind die Beutegreifer irgendwann gesättigt."

Zum Thema:
Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leidet an einer krankhaften Mäusephobie, schätzt der Vorsitzende der Gesellschaft für Angstforschung, Borwin Bandelow. Solche Ängste seien ein Relikt aus der Urzeit, als die Begegnung mit wilden Tieren häufiger und für die Menschen oft gefährlicher war. Denn nicht zuletzt können etwa Nager Krankheiten und Ungeziefer übertragen. Das primitive Angstsystem des Menschen unterscheidet nicht zwischen einer Maus und einer Ratte oder einer Schmusekatze und einem Säbelzahntiger, so der Psychiater. Im Prinzip werde fast jeder mit einer Mäusephobie geboren, wie auch mit Ängsten vor großer Höhe oder tiefem Wasser. Diese Angst könne aber in der Regel überwunden werden.