In weiten Teilen Brandenburgs haben bis zum 31. Juli mehr IHK-Betriebe Ausbildungsverträge abgeschlossen als im wieder gut nachgefragten Vorjahr. So meldet die Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg 880 abgeschlossene Ausbildungsverträge (plus 44), die Kammer Potsdam 1744 Verträge (plus 29). Nur im Bereich Cottbus gab es einen einprozentigen Rückgang, aber auch dort haben Betriebe bereits 1052 Auszubildende finden können.
Und es gibt hin und wieder deutliche regionale Gefälle, zum Beispiel in den Landkreisen Oder-Spree und Dahme-Spreewald mit einem deutlichen Plus, während Frankfurt (Oder) und Cottbus im Vorjahresvergleich zehn Prozent weniger Verträge verzeichnen. Oft besteht hier aber nur inhaltlicher Klärungsbedarf.

Deutsche Bahn und BER interessant für Schulabgänger

Erfahrungsgemäß gehen überall noch weit über den Ausbildungsbeginn am 1. September Bewerbungen ein. „Insbesondere im Raum Cottbus und Schönefeld sorgen das DB-Instandhaltungswerk und die Wirtschaft im Flughafenumfeld auch für spürbare Effekte auf dem Ausbildungsmarkt“, schätzt Regina Altmann, Geschäftsbereichsleiterin Aus- und Weiterbildung der IHK Cottbus, die Zahlen ein.

Mehr Betriebe bilden wieder aus

Erfreulich ist nach Einschätzung der Kammern, dass sich deutlich mehr Betriebe entscheiden auszubilden. „Hier ist ein deutlicher Trend zu erkennen. Auch der Hauptgrund ist klar: Die Betriebe wollen und müssen dem Fachkräftemangel aktiv schon mit der Ausbildung begegnen“, schätzt Michael Völker, Leiter Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung bei der IHK in Frankfurt (Oder), ein. In Ostbrandenburg würden 44 Betriebe mehr ausbilden, bei der IHK Potsdam sind es 64.
Das wachsende Interesse führt zu vielen neuen Eignungsfeststellungen. „Qualifizierungsberater der Kammern prüfen, ob die Betriebe die Voraussetzungen als Ausbildungsbetrieb erfüllen. Gibt es zum Beispiel einen Ausbilder mit bestandener Ausbilder-Eignerprüfung oder Meisterabschluss in der Firma. Sind für die Berufsausbildung geeignete, praxisnahe Arbeitsplätze sowie Lehrwerkstätten vorhanden oder sind Maßnahmen im Ausbildungsverbund nötig. Die Berater schauen sich Verträge und Vergütungen an“, zählt Michael Völker auf.

Gesucht werden Industriemechaniker, Logistik-Fachkräfte und Bürofachleute

Besonders viele Ausbildungsverträge haben bisher Unternehmen im Handel, in der Metalltechnik und Elektrotechnik, in Hotel und Gastronomie sowie aus der Baubranche abgeschlossen. Auch für kaufmännische Berufe oder die Fachkraft für Möbel- und Umzugsservice bleibt das Interesse groß. Allerdings: Es sind weiterhin allein in den Brandenburger IHK-Betrieben mehr als 1300 Ausbildungsplätze unbesetzt. Im Ostbrandenburger Kammerbezirk sind es aktuell 265. So werden allein 52 Industriemechaniker und 23 Elektroniker für Betriebstechnik gesucht, Unternehmen wollen aber auch Brauer/Mälzer, technische Produktdesigner und technische Modellbauer oder Mediengestalter ausbilden.

Jeder zweite Betrieb findet nicht ausreichend Lehrlinge

Für die IHK Cottbus mit 400 freien Lehrstellen sagt Regina Altmann: „Vor allem in Logistik und Handel, aber auch in den Metall- und Elektroberufen sowie klassischen Büroberufen gibt es noch top Angebote.“ Eine aktuelle IHK-Ausbildungsumfrage für die Region Südbrandenburg zeigt, dass bisher nur jeder zweite befragte Ausbildungsbetrieb alle Lehrstellen besetzen konnte. 58 Prozent gaben an, dass keine geeigneten Bewerbungen oder gar keine Bewerbungen (40 Prozent) vorlagen.
Dabei gehen die Betriebe mit viel Eigeninitiative auf Jugendliche zu. Angefangen von den Berufs- und Ausbildungsmessen wollen mehr Unternehmen Schülerpraktika und Betriebsbesichtigungen anbieten. Sie setzen wie in Südbrandenburg auf flache Hierarchien, finanzielle oder materielle Anreize und eine moderne Ausstattung der Betriebsstätte. Ein Drittel der befragten Unternehmen setzt besonders im IT-Bereich entsprechende Maßnahmen bereits um. Zudem werden verstärkt neue Lehr- und Lernkonzepte, Mentorenprogramme, Auslandspraktika und gemeinsam mit der IHK Azubiprojekte eingeführt, unter anderem Azubibotschafter oder Energiescouts.
Die Kammern empfehlen Schulabgängern den Blick in die online-Lehrstellenbörsen, den interaktiven Ausbildungsatlas, der auf ausbildende Betriebe in der Region verweist, und eine direkte Kontaktaufnahme mit den Betrieben.

Lehrlinge verdienen immer mehr

Ob Betriebe über einen noch stärkeren finanziellen Anreiz wie politisch gefordert mehr Lehrlinge finden, sieht Michael Völker kritisch: „Er hilft nicht angesichts der Schere von Hunderten unversorgten Jugendlichen und noch mal mehr unbesetzten Ausbildungsplätzen. Tatsächlich steigen die Ausbildungsvergütungen in den letzten Jahren kontinuierlich und liegen in Ostdeutschland bei durchschnittlich 965 Euro“.

Ausbildungsabgabe ja oder nein?

► Ein Reizthema in der Wirtschaft ist eine Ausbildungsabgabe, wenn der Betrieb nicht genügend Auszubildende beschäftigt. „Die von der Bundesregierung geplante Ausbildungsgarantie wird mehrheitlich abgelehnt“, zitiert Regina Altmann aus einer Umfrage der IHK Cottbus.
► Alexander Schirp, stellvertretende UVB-Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Berlin-Brandenburg, betont: „Es mangelt nicht an Ausbildungsplätzen, sondern an jungen Menschen, die sich für einen der mehr als 300 Lehrberufe entscheiden. Was die Unternehmen brauchen, ist mehr Qualität in den Schulen.“ Auch eine intensivere und frühere Berufsorientierung würde die Fachkräftesicherung tatsächlich voranbringen. „Eine Ausbildungsplatzabgabe würde das nicht.“