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Teilweise mehrere Monate Wartezeit
Handwerker in Brandenburg und Sachsen sind auf Wochen ausgebucht

Mehrere Wochen bis Monate müssen Kunden in Sachsen und Brandenburg mittlerweile auf einen Handwerkstermin warten. Ein Grund: Die Branche boomt, aber der Fachkräftenachwuchs fehlt.
Mehrere Wochen bis Monate müssen Kunden in Sachsen und Brandenburg mittlerweile auf einen Handwerkstermin warten. Ein Grund: Die Branche boomt, aber der Fachkräftenachwuchs fehlt. FOTO: Ina Fassbender / dpa
Cottbus/Berlin/Leipzig. Es brummt und zurzeit quietscht es auch: Das Handwerk in Brandenburg und Sachsen kommt kaum noch hinterher, seine Aufträge abzuarbeiten. Prall gefüllte Auftragsbücher sorgen zwar für Planungssicherheit in den Betrieben. Der kleine Privatkunde muss aber teilweise wochenlang oder gar monatelang warten, bis Fliesenleger und Co. kommen. Und die Aussichten sind gering, dass sich das bald bessert.

Die heißgelaufene Baukonjunktur macht sich aus Sicht der Auftraggeber negativ bemerkbar. Die übergroße Nachfrage nach Handwerkern verlängert die Wartezeiten in der Region immer weiter. Privatkunden mit kleinen Aufträgen würden von den Betrieben nicht benachteiligt, versichern die vier Handwerkskammern in Brandenburg und Berlin. Man könne aber derzeit kaum mit einem kurzfristigen Termin rechnen.

In Berlin betragen die Wartezeiten zehn bis zwölf Wochen, berichtete Kammersprecher Daniel Jander. Rund neun Wochen sind es im Durchschnitt in Westbrandenburg, acht Wochen in Südbrandenburg und „drei Monate und mehr“ in Ostbrandenburg. Dort hätten Baubetriebe Vorlaufzeiten von mindestens sechs Monaten, Tischler sogar bis zu neun Monaten, sagte Michael Thieme von der Handwerkskammer Frankfurt (Oder).

Bei großen Bauvorhaben sei der Auftragsstau üblicherweise kein Problem, weil diese Jahre im Voraus geplant würden, erläuterte Jander. Da seien die entsprechenden Wartezeiten bereits einkalkuliert. Es sei „definitiv nicht so“, dass sich die Betriebe nur noch Großaufträge herauspickten und die kleinen Jobs links liegen ließen. Größere öffentliche Aufträge seien sogar eher unbeliebt, „weil der bürokratische Aufwand hoch ist“.

Sehr gute Geschäftslage, fehlende Fachkräfte

Die Geschäftslage in Südbrandenburg sei 2017 so gut wie nie gewesen, so Michel Havasi von der Handwerkskammer Cottbus. 96,3 Prozent der Betriebe, drei Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor, hätten sie mit gut oder zufriedenstellend bewertet. „Die Unternehmen geraten mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenzen. Sie halten an ihrem Personal fest. Es fehlen zusätzliche Fachkräfte und Auszubildende. Mitunter dauert es Wochen und Monate, freie Stellen zu besetzen“, schildert Havasi die Situation. Die Folge seien längere Wartezeiten für die Auftraggeber. „Dieser Zustand ist nicht schnell zu beheben. Im Gegenteil: Er wird sich künftig weiter verschärfen.“

Die Handwerkskammer Potsdam empfiehlt allen Kunden die rechtzeitige Planung von Projekten: „Geduld ist das Gebot der Stunde“, sagt Sprecherin Ines Weitermann.

Auch in Ostbrandenburg zeigen alle Wirtschaftsindikatoren seit zwei Jahren nach oben. „Es brummt. Und manchmal quietscht es schon“, sagt Thieme von der Handwerkskammer Frankfurt. Mit den vielen und guten Aufträgen mache sich für die Handwerksbetriebe bemerkbar, „dass der Arbeitsmarkt kaum noch Reserven bietet“.

Stammkunden würden vorrangig bedient. „Die Hektik und Ansprüche der 1990er Jahre und das preisliche Ausquetschen der 2000er sind vorbei“, macht Thieme deutlich. Handwerker gäben das Kunden auch zu verstehen, „und manchmal kein Angebot mehr ab, wenn der Umgangston und das Miteinander nicht stimmen“.

In Notfällen wie einem Rohrbruch sind Handwerker nach Aussage aller vier Kammern noch immer schnell an Ort und Stelle. Das sei meist mit den Eigentümern oder Hausverwaltungen vertraglich geregelt, erklärt Jander: „Außerdem werden für solche Einsätze lukrative Zuschläge bezahlt.“

Auch Handwerker in Sachsen auf Wochen ausgebucht

Auch dem Handwerk in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geht es so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Auftragsbücher, vor allem in der Baubranche, platzen fast. Auch hier sorgt die enorme Auslastung der Betriebe bei Privatkunden mit kleineren Aufträgen jedoch für lange Wartezeiten, wie eine Umfrage der Deutschen Presseagentur in den drei Ländern vor der Mitteldeutschen Handwerksmesse in Leipzig vom 10. bis 18. Februar ergeben hat.

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks gibt es deutschlandweit im Baugewerbe Vorlaufzeiten von bis zu zwölf Wochen. In Thüringen ist der Vorlauf in den verschiedenen Baugewerken vom Dachdecker über Zimmerer, Maler, Klempner bis zu Heizungsinstallateuren nach Angaben des Thüringer Handwerkstags teilweise deutlich länger. Es empfiehlt sich, entsprechend zu planen und Aufträge rechtzeitig in die Wege zu leiten – wie man das beispielsweise beim Kauf eines Autos auch tue, hieß es von der Handwerkskammer Dresden.

Stammkunden sind etwas besser dran

Helfen kann der persönliche Kontakt zum Handwerker. So kommen in Chemnitz Kunden, die über die Jahre eine Kundenbeziehung zu einem Betrieb aufgebaut haben, sicher schneller zum Erfolg. Aus Leipzig heißt es: „Gut dran ist, wer auf seinen Handwerksmeister zurückgreifen kann.“ Problematisch wird es jedoch bei unvorhersehbaren Ereignissen wie nach dem Orkantief „Friederike“. „Aufgrund der vielen Schäden kommt es selbst beim besten Willen aller Beteiligten zu Wartezeiten“, heißt es fast unisono.

Die Handwerker arbeiteten die Aufträge, die sie bekommen, kontinuierlich ab. Allerdings kämpften sie nicht mehr um jeden Auftrag, teilte die Handwerkskammer Magdeburg mit. Das merke man vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen. „Hier gehen wesentlich weniger, manchmal sogar gar keine Angebote ein, was unter anderem auch an der Bürokratie liegen dürfte“, betonte die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin Romy Meseberg.

Und was passiert, wenn die Toilette verstopft ist, der Wasserhahn unaufhörlich tropft oder die Heizung gar ausfällt? Viele Handwerksbetriebe, vor allem im Sanitär-Heizung-Klima-Bereich hätten Mitarbeiter, die hauptsächlich Notfälle bearbeiteten, erläuterte Meseberg. Der Handwerksmeister werde in der Regel einen Weg finden, um bei Havarien schnell zu helfen, betont die Handwerkskammer Chemnitz.

Die wichtigsten Faktoren bei der langen Wartezeit sind auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen der Fachkräfte- und der Nachwuchsmangel, teilten die Handwerkskammern in den drei Ländern mit.