Im Herbst 1989 verlassen die Bürger zu Tausenden die DDR. Sie flüchten gen Osten, um in den Westen zu gelangen und besetzen die deutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau. Allein 4000 Flüchtlinge sind es zeitweise in Prag. Am 30. September wird ihre Ausreise verkündet. Ab dem 1. Oktober fahren die Flüchtlings-Züge von Prag über Dresden nach Hof. In Leipzig formiert sich derweil jeden Montag der Protest, was Nachahmer in anderen Städten findet.

Doch von all dem ist in der Lausitzer Rundschau dieser Tage nichts zu finden. Vielmehr wird seit Wochen mit vollem Pomp die DDR gefeiert, die Errungenschaften und Vorzüge des Landes gepriesen, zahlreich in Wort und Bild festgehalten. Schließlich steht am 7. Oktober der 40. Jahrestag der Gründung bevor.

Trotzdem wird auf die Ereignisse im Land Bezug genommen – allerdings, ohne den Aufruhr anzusprechen. So wird der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker am 4. Oktober indirekt zitiert: „Zwischen beiden deutschen Staaten könne es in Zukunft eine Annäherung, aber keinesfalls eine Wiedervereinigung geben.“ Die Berichterstattung über die Vorzüge der DDR erreicht in der Ausgabe vom 7. Oktober ihren Höhepunkt. Die Rundschau titelt: „Die Bürger der DDR feierten 40. Jahrestag voller Freude und Siegesgewißheit“.

Kein Wort über Protest in Leipzig

Leipzig ist längst das Epizentrum des Protestes. Am 9. Oktober gehen dort 70 000 auf die Straße. Die Rundschau schreibt auf der Titelseite vom 11. Oktober lieber „Tischproduzenten steigern ideenreich Leistungsfähigkeit“ und „Freitag beginnen Tage der Freundschaft mit Vietnam". Kein Wort über Leipzig. Der stellvertretende Chefredakteur Sepp Mühl schreibt in der Ausgabe allerdings einen glühenden Kommentar, der mit folgenden Zeilen beginnt: „Wochenlang hat die BRD mit allen Mitteln ihr Medientrommelfeuer auf die DDR gerichtet, um sie sturmreif zu schießen. Stabsmäßig gelenkt und vorbereitet, leiteten, ja trieben sie manchen auf den Irrweg in die ,große Freiheit', die ihnen der Kapitalismus mit Arbeitslosigkeit, Drogensucht, Obdachlosigkeit, Kinderfeindlichkeit usw. verheißt.“ Direkt unter diesem Text folgt eine Mitteilung der Presseabteilung des Ministeriums des Inneren. Es ist eine Verlautbarung, welche die Rundschau wortgetreu abdruckt.

Darin wird auf Störungen der öffentlichen Ordnung in mehreren Städten der DDR Bezug genommen. Das Ministerium spricht von „ungesetzlichen Zusammenrottungen“, von „aufgeputschten Störern und kriminellen Elementen, die staatsfeindliche Parolen riefen“ und die Volkspolizisten tätlich angriffen. Da steht: „Sie warfen mit Steinen, Flaschen und Brandsätzen, schlugen brutal und rücksichtslos mit Stahlstangen und anderen Schlaggegenständen auf die Ordnungskräfte ein.“ Erneut kein Bezug zu Ereignissen. Wer kein Westfernsehen sieht, kann im Grunde nicht wissen, worauf sich diese Mitteilung bezieht. Denn in der Berichterstattung der Zeitung kommen die Proteste schlicht nicht vor. Wie stark die Regierung längst in Bedrängnis geraten ist, belegt bereits die nächste Rundschau-Ausgabe. Den dröhnenden Verteidigungsreden des Vortages folgen deutlich zartere Töne – diesmal von höchster parteilicher Instanz. Das SED-Politbüro erklärt auf der Titelseite vom 12. Oktober: „Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle.“ Zu den Flüchtlingen steht dort: „Die Ursachen für ihren Schritt mögen vielfältig sein. Wir müssen und werden sie auch bei uns suchen, jeder an seinem Platz, wir alle gemeinsam.“ Diese Erklärung ist ein Wendepunkt. Fortan tauchen die Worte „Dialog“, und „offenes Gespräch“ inflationär in der Zeitung auf. Die Menschen sollen eingeschworen werden, sie sollen glauben, dass ein neuer Wind weht. Nicht nur die Politiker wollen plötzlich mit den Menschen reden, auch die Rundschau wagt mehr Meinung. Die Zeitung schafft das Leser-Forum – gibt dafür in den folgenden Wochen viel Platz aus, oftmals sind es mehr als zwei Seiten in einer Ausgabe.

Die Rundschau wagt mehr Meinung

Das Forum ist eine Mischung aus Leserzuschriften, die teils auf Artikel und Ereignisse reagieren, aber auch auf die Zuschriften anderer Leser. Die Zeitung bietet aber endlich eine Plattform für eine deutlich vielfältigere Meinungsäußerung. Sowohl Verteidiger, als auch Kritiker des Sozialismus kommen zu Wort – aber nur, so lange der nicht infrage gestellt wird. Allerdings darf jetzt offen von Mangelversorgung, scheinheiligen Gewerkschaften und Umweltverschmutzung gesprochen werden. Das ist neu. Im Lokalen werden unter der Rubrik „Auf ein Wort“ Alltagsprobleme angesprochen – ausverkauftes Brot oder auch die verweigerte Flaschenannahme in Kaufhallen.

Egon Krenz löst Honecker an der Parteispitze ab, Tage später auch als Staatsratsvorsitzender. Die Parteiführung geriert sich auch mithilfe der Rundschau bereit für Veränderungen. Die Zeitung zieren am 20. Oktober folgende Schlagzeilen: „Krenz im offenherzigen Gespräch mit Berliner Arbeitern“, „Über alles sprechen und zuverlässig Strom erzeugen“ und „Vertrauen schaffen und Vertrauen wagen“. Eine Sintflut dieser Art von Beiträgen folgt – auch über Werner Walde, den obersten SED-Mann im Bezirk Cottbus.

Die „Wende“ hat Premiere

In der Ausgabe vom 26. Oktober 1989 taucht das Wort „Wende“ zum ersten Mal bewusst in der Rundschau auf. Unter der Schlagzeile „Eine Wende – auch von Staats wegen, Genosse Ratsvorsitzender?“ füllt ein Interview mit Peter Siegesmund, dem Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, eine ganze Seite. Geprägt hat das Wort Wende Egon Krenz in seiner Antrittsrede als Generalsekretär vor dem Zentralkomitee der SED am 18. Oktober. Die Rede wird, wie es sich für ein Parteiorgan gehört, am 19. Oktober noch in voller Länge über drei Rundschau-Seiten abgedruckt.

Der neue Wind erreicht jetzt auch die Cottbuser Seiten der Zeitung. Es werden öffentliche Einwohnerversammlungen zuhauf angekündigt. Am Tag der ersten Montagsdemonstration in Cottbus, dem 30. Oktober, ist die Ausgabe voll von Berichten über öffentliche Diskussionen. TKC-Näherinnen erklären „Arbeiter erwarten spürbaren Wandel“. Fleischermeister, Facharzt, Komponist und sogar ein Pfarrer kommen zu Wort. Der Zwiespalt zwischen Erneuerung und Festhalten an der Parteiführung zeigt sich auch in der Rundschau-Belegschaft. Die Chefetage verbietet ihren Mitarbeitern, sich an der Montagsdemonstration zu beteiligen – außer denjenigen, die berichten. Als die Kundgebung in vollem Gang ist, erfasst die Mitarbeiter im Pressehaus die Angst, dass die Menge das Gebäude stürmen könnte. Es gibt die Anweisung, an der Straßenfront alle Lichter zu löschen.

Die Cottbuser Montagsdemonstration mit 20 000 Teilnehmern schafft es unter der Überschrift „Willen zur Erneuerung der Gesellschaft bekundet“ auf die Titelseite vom 31. Oktober. Es folgt eine ausführliche Berichterstattung über die Kundgebung und die Dialogrunden in Cottbus. Auch in der Cottbuser Rundschau tauchen die Montagabend-Gespräche in der Bezirksstadt auf. Dort geht es weniger um die große Politik, als um alltägliche Unzulänglichkeiten – Wohnungsgrößen und Mietpreise. In Neu Schmellwitz beklagen die Einwohner kaputte Gehwegplatten, dunkle Wege und verwilderte Spielplätze.

Die neue Ehrlichkeit

Wie sehr die Gesellschaft auch im Energiebezirk erodiert ist, beweist ein Artikel über die Versorgung in Cottbus. Die „Molle“ muss seit Oktober an den Wochenenden geschlossen bleiben, weil 55 Köche und Kellner geflohen sind und kein Ersatz zu finden ist. So viel Ehrlichkeit ist neu.

In der Ausgabe vom 1. November greift die Rundschau zum ersten Mal selbst in die Diskussion ein. Sie stellt die Leserforum-Seite unter das Motto „Luft ablassen und tief durchatmen: Wie wünschen Sie sich die Demokratie?“ Auf der Titelseite werden die Leser an die nächste Montagsdemonstration erinnert und am 4. November schreibt Chefredakteur Joachim Telemann über die „Wende auch für Journalisten“. Darin heißt es, dass „allen Initiativen für einen lebenswerten Sozialismus“ freier Raum geboten werden soll. „Und dabei wird keiner mehr – auch wenn er noch so kritisch ist – etikettiert. Mit einer Einschränkung: Unsere Gesellschaft ist und bleibt sozialistisch.“ Die größte Demonstration der DDR-Geschichte am Samstag, 4. November 1989, in Berlin schafft es auch auf die Titelseite vom 6. November: „Hunderttausende bei Protestdemonstration in Berlin zu Meinungs- und Presse- und Versammlungsfreiheit“. Ausgerechnet am 9. November veröffentlicht die Rundschau ein aufschlussreiches Interview mit Generalmajor Horst Fitzner, dem Leiter der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Cottbus, unter der Überschrift „Zur Forderung ,Stasi raus'“. Auf die Frage nach der Auflösung des DDR-Geheimdienstes antwortet er: „Ich halte das für unrealistisch, weil nach aller geschichtlicher Erfahrung ein rechtstaatliches Gemeinwesen nur fortbestehen und sich entwickeln kann, wenn es allen Bürgern Rechtssicherheit gewährt.“

Der Mauerfall in wenigen Zeilen

Die weltverändernde Nachricht über die Reisefreiheit für DDR-Bürger ist die Journalisten am 10. November nur ein Zweispalter wert. Wichtiger erscheint ihnen die Nachricht, dass Werner Walde zurückgetreten ist. Einen Tag später berichtet die Rundschau über „Regen Besucherverkehr an Grenzübergängen“. Doch deutlich wichtiger sind andere Themen. „Schritte zur Erneuerung – Aktionsprogramm der SED“ und „Willensmanifestation von rund 150 000 in Berlin – Großkundgebung für Erneuerung des Sozialismus“.

Am 5. Dezember legt die Rundschau das Verlautbarungsorgan ab und wird zur „Zeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands für den Bezirk Cottbus“. Das hält allerdings nur vier Tage. Am 9. Dezember ist sie die „Sozialistische Tageszeitung für den Bezirk Cottbus“. In der nächsten Ausgabe verschwindet das bislang obligatorische „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ von der Titelseite. Den alten Spitznamen „Lügen-Rudi“ aus DDR-Zeiten wird die Rundschau dagegen nicht so einfach los.