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Auf der Suche nach der inneren Heimat

Herzberg.. Der Mann ist unterwegs. Im buchstäblichen wie im künstlerischen Sinne. Ein Suchender nach der eigenen Identität, nach den Möglichkeiten, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Auch mit den Menschen, die ihn umgeben. Selbst mit jenen, die zu Zeiten ein Stück Welt auf ihre Weise mit geprägt haben. Alexander Musytschenko, der Maler aus dem russischen Kaluga, stellt nun zum dritten Mal in der Herzberger Bibliothek seine Bilder aus. Am Donnerstagabend war die feierliche Vernissage. Von Lothar Günther

Lisa war diesmal dabei, Alexanders fast neunjährige Tochter. Spielte zwei Stücke auf dem Klavier vor den Gästen der Ausstellungseröffnung. Noch vor zwei Wochen wusste sie nicht, ob sie sich trauen würde. Immerhin ist sie jetzt zum ersten Mal in Deutschland. Fühlt sich offenbar inzwischen heimisch. Immerhin war der Mut da für die kleinen, mit viel Beifall bedachten musikalischen Auftritte. Erlernt hat sie das Klavierspiel von Mutter Lena, Lehrerin an der Musikschule Kaluga.

Mannigfaltig in Stil und Sujets
Aber Mittelpunkt an diesem Tag war dennoch der Vater, dieser ewig suchende Künstler, der ebenso euphorisch sein kann wie skeptisch sich selbst gegenüber und bisweilen von der besonderen Melancholie seiner russischen Seele befallen. Und all dies zeigt sich in seinem Werk, von dem nun wieder ein Ausschnitt zu besichtigen ist in Herzberg. Festzulegen ist es auf nichts und niemanden, zu mannigfaltig kommt es daher in den Sujets und in der Mal- und Zeichentechnik.
Alexander Musytschenko selbst hat fünf Jahre seiner Kindheit in Wittenberg verbracht, wo sein Vater einst als Offizier der Sowjetarmee stationiert war. Von daher seine guten Deutschkenntnisse, und damit ist nicht nur die Sprache gemeint. Auch Züge mitteleuropäischer Kultur sind zu entdecken in seinen Bildern. Prägend freilich ist auch hierbei die russische Heimat.

Bilder aus der Kaluga-Region
Besonders in den Landschaftsbildern aus der Gegend um Kaluga kann man dergleichen erleben. Bei vielen der Ausstellungsbesucher hinterließen gerade diese Arbeiten den nachhaltigsten Eindruck. Auch Herzbergs Rechtsdezernent Reinhard Wille, der den in den USA weilenden Bürgermeister Michael Oecknigk bei der Eröffnung vertrat, schloss sich dem an. An der Stirnfront des Raumes allerdings drei großformatige Bilder im Stile der Kubisten. Überhaupt sei er von den russischen Avantgardisten angetan, hatte Alexander im Gespräch mit der RUNDSCHAU erzählt (wir berichteten). Doch alles, was der Maler beginnt, scheint Annäherung zu sein an die Welt der Kunst in ihrer Gesamtheit. Noch immer ist er auf der Suche nach der ihm völlig gemäßen Ausdrucksform, dem eigenen Stil, der Technik, mit all dem er seine Sicht auf die Welt am deutlichsten vermitteln kann.

Christus auch kubistisch
Auch bei seinen biblischen Motiven probiert er die Ölmalerei ebenso aus wie das Experiment mit Wachfarben. Und Christus erscheint auch schon mal in kubistischer Verfremdung. Zum Naiven neigt er ebenso wie zur Ab straktion, zum Naturalismus so wie zum symbolträchtigen Stillleben. Auch in der Farbigkeit bedient Musytschenko die volle Palette der Möglichkeiten von unterschiedlicher Treffsicherheit.
Somit ist innere Spannung beim Besuch der neuerlichen verdienstvollen Ausstellung in der Herzberger Bibliothek einzuplanen. Die Vielfalt der Werke des jungen Russen hat Methode. Ob Not (der eigenen Unentschiedenheit) dabei zur Tugend wird, mag jeder für sich selbst entscheiden. Auf jeden Fall ist ein Künstler zu erleben, der mit seinem Werk (noch?) auf der ständigen Suche ist. Möglicherweise zuvörderst zu sich selbst.