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Wirtschaft
Auf der Schiene in fünf Tagen nach China

Niederschlesische Magistral
Niederschlesische Magistral FOTO: DB Netz AG, Elisabeth Wrobel / LR
Schwarzheide . Mit der Fertigstellung des letzten Teilstücks der Niederschlesischen Magistrale zwischen Knappenrode und Horka sollen ab Dezember Container in fünf Tagen von den Seehäfen in den Niederlanden und in Norddeutschland durch die Lausitz über Falkenberg/Elster und Ruhland bis in die Ukraine und weiter nach Asien transportiert werden. Von Frank Claus

Freilich: Es ist auch zukünftig kein Katzensprung, den man einfach mal so macht. Aber auch wenn die Ukraine, Russland, China, der Iran und Indien kilometerweit entfernt sind, sie rücken näher an die Lausitz heran. Jedenfalls was ihre Erreichbarkeit betrifft.

Zum Fahrplanwechsel am 16. Dezember dieses Jahres wird die Deutsche Bahn in der Lausitz nach zehn Jahren Bauzeit das letzte Teilstück der hochleistungsfähigen zwei­gleisigen Schienenverbindung zwischen West- und Osteuropa mit Anschluss an die Chinesische Seidenstraße fertiggestellt haben. Auf diesen Tag will die Wirtschaft, vor allem Logistikunternehmen, vorbereitet sein. Auf Einladung  der  Industrie-  und  Handelskammer (IHK)  Cottbus haben sich am Dienstag mehr als 120 Vertreter aus der regionalen und überregionalen Wirtschaft bei der IHK-Logistikkonferenz im Kulturhaus der BASF in Schwarzheide über das Verkehrsprojekt und neue Möglichkeiten des Transports informiert.

 Mit der Fertigstellung der sogenannten Niederschlesischen Magistrale zwischen Falkenberg/Elster (Elbe-Elster) und Breslau wird ein Projekt beendet, dessen Planung bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Angriff genommen worden ist.  „Es ist das größte Schienenverkehrsprojekt dieses Jahrzehnts in der Lausitz“, schwärmt  Jens Krause, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus. Die Trasse sei effektiv und ökologisch und biete völlig neue Chancen im Strukturwandel für die ansässigen Transport- und Produktionsunternehmen und für neue Wirtschaftsansiedlungen, prophezeit er.

Die Wirtschaft werde enorm profitieren: Container sollen dann künftig in fünf Tagen von den Seehäfen in den Niederlanden und in Norddeutschland auf der Schiene durch die Lausitz bis in die Ukraine und weiter nach Asien transportiert werden. Dieses Schienenteilstück verbinde dann die gesamte Region von Falkenberg, Elsterwerda über Ruhland, Knappenrode bis nach Horka und schaffe für die Lausitz neue Perspektiven beim Umladen von Waren von der Straße auf die Schiene und umgekehrt, so der Verkehrsexperte der IHK.

Und die Niederschlesische Magistrale solle helfen, die von Brummis völlig zugestopfte A 4 zwischen Dresden und Görlitz zu entlasten. Logistikunternehmen hätten eine echte Chance, anstelle der Straße noch mehr die Schiene zu nutzen.

Doch auch der Personennahverkehr werde deutlich verbessert werden können, so der DB-Projektleiter der Ausbaustrecke, Ulrich Mölke. Mit dem zweigleisigen Ausbau samt Elektrifizierung des 55 Kilometer langen Abschnitts zwischen Knappenrode und Horka verbessere sich auch die Anbindung nach Görlitz. Reisende aus Elbe-Elster und aus Hoyerswerda hätten dann wieder eine gute Zugverbindung in die Stadt an der Neißegrenze. Etwa 510 Millionen Euro kostet die Ertüchtigung des Streckenabschnitts.

 Drei Kombiverkehrsterminals „Straße-Schiene“ gibt es bereits in der Lausitz, in Forst (Lion Group), in Schwarzheide (STR-Bertschi) und in Elsterwerda (Logistikdienstleistungszentrum Hofmann). Ein viertes Kombiverkehrsterminal entsteht gerade im sächsischen Kodersdorf – die Lion Group, Betreiber des Kombiverkehrsterminals in Forst, baut dort ein neues Terminal direkt an der neu entstehenden Niederschlesischen Eisenbahnmagistrale. Zudem hat LION-Group-Geschäftsführer Sven Noatzke in Schwarzheide bekannt gegeben, künftig mit der LDZ Hofmann kooperieren und das Kombiverkehrsterminal Elsterwerda intensiver nutzen zu wollen. Bereits ab März dieses Jahres wolle er zwei Zugabfahrten pro Woche ab Elsterwerda realisieren.

Dabei habe der Standort Elsterwerda für ihn auch eine strategische Bedeutung. Stellflächen im Hamburger Hafen seien enorm teuer. Zudem müsse man momentan dort mehrere Terminals ansteuern, um die Containerladungen den entsprechenden Schiffen zuzuordnen. Das koste. „Wir wollen in Elsterwerda vorsortieren und so künftig vielleicht nur noch zwei Terminals anfahren“, so Sven Noatzke.

Für Jens Krause ist die Logistikbranche längst im Umbruch: „In Zeiten von Berufskraftfahrermangel, Lkw-Parkplatznöten und Endlosstaus auf deutschen Autobahnen machen sich die Lkw-Spediteure natürlich Gedanken, wie sie die Waren für ihre Kunden künftig noch effizient und pünktlich auf der Straße transportieren können. Ein realistischer Ausweg für Lausitzer Unternehmen wird in Zukunft der Transport über die Schiene sein“, sagt der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer. Vor allem bei langen Strecken, hohem und schwerem Ladeaufkommen könnten so effiziente, sichere und termintreue Transporte durchgeführt werden.

Welche Bedeutung effiziente Schienenstränge für Logistikstandorte haben, verdeutlichte bei einer BASF-Werkrundfahrt zuvor auch Markus Bilk, Leiter Geschäftsfel­dentwicklung am Schwarzheider Bertschi-Standort. 34 Zugverbindungen würden tagtäglich von dort aus in die Benelux-Länder, nach Ludwigshafen, Hamburg und Osteuropa rollen. „Wir haben zehn Gleise unter Kran“, erklärte er und zeigte den Gästen den erst 2016 in Betrieb gegangenen größten Binnenportalkran Europas.

Dass Europa die Zeit nicht verschlafen dürfe, führte Alberto Grisone von der Schweizer Hupac Intermodal SA aus. Die chinesische Regierung habe ein enormes Anschubpaket aufgelegt, um die Seidenstraße auszubauen. Das umfasse Investitionen auch in Straßen, Bahngleise, Pipelines, Kraftwerke, Telekommunikationsnetze, Häfen und Flughäfen von Asien bis nach Europa und Afrika.

Die Niederschlesische Magistrale, so Jens Krause, sei für die Wettbewerbsfähigkeit von großer Bedeutung und solle eine „überregionale Sogwirkung erzeugen“. Denn Züge sollen nicht nur durch die Lausitz rollen, sondern logistische Prozesse und Unternehmen anlocken. „Vor diesem Hintergrund müssen wir für unsere Industriegebiete an der Strecke verstärkt werben und den besonderen Mehrwert durch diese attraktive Schienenverbindung herausstellen“, fordert Jens Krause.

Ein Blick auf das Bertschi-Container-Terminal auf dem Werkgelände der BASF Schwarzheide mit den zwei Portalkränen. 80 Prozent aller Transporte gehen von hier aus per Schiene nach Osteuropa. Am Standort werden durch das Logistikunternehmen etwa 30 Prozent der Güter für die BASF und 70 Prozent für Fremdfirmen umgeschlagen.
Ein Blick auf das Bertschi-Container-Terminal auf dem Werkgelände der BASF Schwarzheide mit den zwei Portalkränen. 80 Prozent aller Transporte gehen von hier aus per Schiene nach Osteuropa. Am Standort werden durch das Logistikunternehmen etwa 30 Prozent der Güter für die BASF und 70 Prozent für Fremdfirmen umgeschlagen. FOTO: Peter_Schubert Dresden_01189 / BASF Schwarzheide