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| 12:06 Uhr

Verein zweimal im Jahr in Klessin im Einsatz
Suche nach Kriegstoten im Oderbruch geht weiter

Werner Schulz, Grabungstechniker vom Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO), dokumentiert die sterblichen Überreste eines sowjetischen Soldaten in einem ehemaligen Schützengraben aus dem Zweiten Weltkrieg.
Werner Schulz, Grabungstechniker vom Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO), dokumentiert die sterblichen Überreste eines sowjetischen Soldaten in einem ehemaligen Schützengraben aus dem Zweiten Weltkrieg. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Klessin. Im Oderbruch wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs besonders erbittert gekämpft. Deutlich wird das besonders im 150-Seelen-Örtchen Klessin. Zweimal im Jahr sucht ein Verein seit 2010 hier gezielt nach den Toten aus dem Frühjahr 1945 – und wird immer fündig. Von Jeanette Bederke

Ein Paar Gummistiefel, ein Gürtel mit deutschem Reichsadler auf der Schnalle sowie mehrere menschliche Knochen ragen aus dem Boden am Rande eines Wäldchens bei Klessin (Märkisch-Oderland). „Stiefel und Gürtel sind deutschen Fabrikats. Doch hier liegt kein früherer Wehrmachtssoldat, sondern ein ehemaliger Rotarmist“, sagt Albrecht Laue. Der Vorsitzende des Hamburger Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) ist erfahren beim Auffinden früherer Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. „Das haben wir schon häufiger erlebt, dass Gefallene Ausrüstungsgegenstände oder Trophäen des damaligen Feindes trugen“, erklärt er.

Der 45-Jährige zeigt auf zwei bereits geborgene sowjetische Orden, die Rotarmisten in der Regel während der Kämpfe bei sich trugen, auf Uniformreste, ein zerstörtes Feldtelefon und einen verbogenen Spaten, ebenfalls russischer Herkunft. „Der Soldat muss einen Treffer direkt abbekommen haben“, schlussfolgert der selbstständige Kaufmann anhand der Spurenlage. Überrascht davon sind er und seine 40 Mitstreiter aus unterschiedlichen europäischen Ländern nicht. Haben sie doch recherchiert, was sich im Kessel von Klessin vor mehr als 73 Jahren abgespielt hat.

Die sterblichen Überreste sowie Schuhe andere Gegenstände eines deutschen Soldaten wurden von Mitgliedern des Vereins gefunden.
Die sterblichen Überreste sowie Schuhe andere Gegenstände eines deutschen Soldaten wurden von Mitgliedern des Vereins gefunden. FOTO: dpa / Patrick Pleul

„Der Ort war im Frühjahr 1945 der am härtesten und am längsten umkämpfte Stützpunkt auf den Seelower Höhen. Auf engstem Raum sind hier so viele Menschen gestorben wie sonst nirgends“, sagt VBGO-Historiker Wolfgang Ockert, der bereits seit rund 30 Jahren dazu forscht, Zeitzeugen befragt, historische Dokumente studiert und alte Luftbilder ausgewertet hat. In dem 150-Einwohner-Ort mit Gutshof und Schloss hatten sich einige Hundert Wehrmachtssoldaten und Volkssturmleute verschanzt. Sie sollten die Rote Armee auf ihrem Weg in Richtung Berlin aufhalten, wurden jedoch vom zahlenmäßig überlegenen Gegner eingekesselt. Ockert weist auf alte Fotos und Zeichnungen, anhand derer sich genau nachvollziehen lässt, wo die Schützengräben verliefen, sich Stellungen und Unterstände, aber auch Bombentrichter befanden.

Bereits zum 17. Mal ist der durch Spenden finanzierte Verein im Oderbruch, um nach den Kriegstoten zu suchen, die bisher unentdeckt auf dem früheren Schlachtfeld liegen. Etwa einen Quadratkilometer groß ist das Gelände, das die ehrenamtlichen VBGO-Mitglieder akribisch mit Spaten, Spitzhacken und Spachteln absuchen. Etwa 60 bis 70 Prozent des Areals, so schätzt Historiker Ockert, hat der Verein bereits analysiert. „Wir bargen bisher 218 Gefallene, sowohl Wehrmachtsangehörige, als auch Rotarmisten“, listet er auf. Der Verein mache da keine Unterschiede. „Wir suchen nach allen, die in der Schlacht um Klessin ihr Leben verloren und eine würdige Beisetzung verdienen.“ Die sterblichen Überreste werden geborgen und finden auf einem der zahlreichen Soldatenfriedhöfe in der Region eine letzte Ruhestätte.

Bislang stieß der Verein nach eigenen Angaben seit seiner Gründung in den 1990er-Jahren im Bereich Klessin auf die Überreste etwa 100 deutschen und etwa 115 sowjetischen Soldaten.
Bislang stieß der Verein nach eigenen Angaben seit seiner Gründung in den 1990er-Jahren im Bereich Klessin auf die Überreste etwa 100 deutschen und etwa 115 sowjetischen Soldaten. FOTO: dpa / Patrick Pleul

„Wenn wir hier zu graben beginnen, ist es jedes Mal, als öffne man eine Zeitkapsel“, beschreibt es Vereinsvorsitzender Laue. Eine umfangreiche Grabungsdokumentation entsteht, die unter anderem in einem Gedenkort öffentlich gemacht werden soll: Der Heimatverein aus dem benachbarten Wuhden (Märkisch-Oderland) will ihn in zwei Jahren dort eröffnen, wo einst das Schloss Klessin stand. Ausgestellt wird dann wohl auch das Tagebuch von Heinz Mutschinski. Der damalige Fahnenjunker bei der Wehrmacht war einer der wenigen Überlebenden aus dem Kessel von Klessin. Über Jahre begleitete er den VBGO, wenn er im Oderbruch in der Geschichte grub, diente als wichtiger Zeitzeuge. Anfang des Jahres war der 92-Jährige verstorben, Tochter Elke fand im Nachlass des Vaters das Tagebuch.

„Ich bin total beeindruckt von der Arbeit, die die Vereinsmitglieder hier in ihrer Freizeit leisten. Meinem Vater, der zu DDR-Zeiten nie über seine Kriegsvergangenheit sprach, hat diese Aufarbeitung viel bedeutet“, sagt sie. Untersucht wird akribisch jeder Quadratzentimeter. „Zum Abschluss können wir mit Sicherheit sagen – hier liegt kein Kriegstoter mehr“, erklärt Laue den Anspruch des Vereins, der in Klessin beim grabungstechnischen Ablauf vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege sowie von Mitarbeitern eines Munitionsbergungsdienstes unterstützt wird. Denn der Oderbruchboden birgt nicht nur Tote, sondern jede Menge Kriegsschrott, wie die rostigen Haufen am Rande der freigelegten Gräben belegen.

Bis heute ist der Verbleib von vielen Kriegstoten aus dem Zweiten Weltkrieg in Ostbrandenburg ungeklärt.
Bis heute ist der Verbleib von vielen Kriegstoten aus dem Zweiten Weltkrieg in Ostbrandenburg ungeklärt. FOTO: dpa / Patrick Pleul