Wolfgang R. aus Lanke im Landkreis Barnim hat kürzlich einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Er ist 68 Jahre alt und seine reguläre Altersrente liegt unter 1.000 Euro im Monat. Mit dem Vertrag über 30 Stunden pro Woche bei einem renommierten Umfrageinstitut verbessert er seine Einkünfte erheblich.
Doch der 68-Jährige ist damit eine Ausnahme. Noch – denn der Bundestag hat beschlossen, dass ab Januar 2023 die Hinzuverdienstgrenzen auch bei vorgezogenen Altersrenten wegfallen. „Für diejenigen Versicherten, die bis zur Regelaltersgrenze arbeiten wollen, schafft die Neuregelung erhebliche Anreize, den Rentenbezug vorzuziehen, während sie dem Arbeitsmarkt weiter zur Verfügung stehen. Diese Konstellation ist verbunden mit dauerhaften Mehrausgaben für die Rentenversicherung“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Westfalen, Prof. Dr. Volker Verch, in der vergangenen Woche.

Fachkräftemangel droht

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat jedoch wegen des Fachkräftemangels eine politische Debatte angestoßen und fordert, dass mehr Menschen erst mit 67 Jahren in Rente gehen. Dem steht entgegen, dass nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung die Menschen in Deutschland immer häufiger früh in den Ruhestand gehen. Viele scheiden demnach bereits mit 63 oder 64 Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus – und damit deutlich vor der Regelaltersgrenze.
Brandenburg liegt da im Trend: Nach Auskunft von Felix Schnellbacher von der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg gingen Brandenburgerinnen und Brandenburger im Jahr im Durchschnitt mit 63,8 Jahren in Rente – wobei Frau mit 63,7 und Männer mit 63,9 Jahren der Arbeitswelt ade sagen.
Entscheidend für den Renteneintritt ist neben dem Alter auch die Zahl der Beitragsjahre beziehungsweise die Berufsjahre. Auch andere Zeiten wie Kindererziehungs- und beitragsfreie Zeiten sowie Zeiten der Arbeitslosigkeit – wenn die Beiträge zur Rentenversicherung von der Arbeitsagentur gezahlt werden – zählen mit hinein. Im Fachbegriff heißt es „Versicherungsjahre“. Nach Auskunft der Rentenversicherung hatten die Brandenburger, die 2021 erstmals eine Altersrente erhielten, im Durchschnitt 43,2 Versicherungsjahre. Zwei Drittel (66,1 Prozent) hatten sogar 45 Versicherungsjahre und mehr. „Weniger als 15 Jahre hatten nur 0,7 Prozent, 15 bis unter 35 Jahre verzeichneten 12,8 Prozent, 35 bis unter 45 Jahre 20,4 Prozent“, heißt es auf Nachfrage.

Wie hoch ist die durchschnittliche Rente in Brandenburg bei Renteneintritt?

Brandenburgerinnen und Brandenburger, die 2021 erstmals eine Altersrente erhielten, bekamen durchschnittlich 1.118 Euro. Bei Männern waren es 1.157 Euro, bei Frauen 1.079 Euro, so Felix Schnellbacher von der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg. Er erklärt, dass die Höhe der Rente sich nach den im Erwerbsleben gezahlten Beiträgen berechnet. Je mehr und je länger Beiträge entrichtet wurden, desto höher am Ende die Rente. Aktuell gingen die Jahrgänge 1957 und jünger in den Ruhestand. „Hier zeigt sich gerade bei zukünftigen Rentnern aus Brandenburg wie aus den anderen neuen Bundesländern eine bis zur Wende geschlossene Erwerbsbiografie“, so Schnellbacher. Erst danach komme es zu Brüchen, zum Beispiel durch Zeiten der Arbeitslosigkeit oder Zeiten der Selbständigkeit, in denen bewusst auf die Zahlung von Beiträgen verzichtet wurde.
Schnellbacher betont zum Stichwort Ostdeutschland: „Brandenburgerinnen haben im Vergleich zu Damen aus den ‚alten Bundesländern‘ meist höhere Renten, weil sie aufgrund der deutlich besseren Kinderbetreuungsangebote weit häufiger geschlossene Erwerbsbiografien haben.“

Nach 45 Versicherungsjahren ist eine Rente ohne Abschläge möglich

Wer frühzeitig in den Ruhestand gehen will, muss mehrere Dinge beachten. Nach einer Versicherungszeit von 45 Jahren kann man grundsätzlich in Rente gehen – unabhängig vom Alter. Das trifft beispielsweise auf Personen zu, die bereits mit 16 Jahren eine Ausbildung begonnen und ohne Unterbrechung gearbeitet haben. Zu den 45 Beitragsjahren zählen neben Beschäftigungszeiten auch Kindererziehungszeiten und Zeiten der Arbeitslosigkeit bei Bezug von Arbeitslosengeld I.
Mit welchem Alter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Rente gehen können, hängt von ihrem Geburtsjahr ab. Das Renteneintrittsalter wird seit 2012 stufenweise angepasst. Wer vorzeitig in den Ruhestand gehen will, muss mit einem lebenslangen Rentenabschlag rechnen. Jeder Monat vorzeitiger Renteneintritt führt zu einem Abschlag von 0,3 Prozentpunkten. Maximal kann die Rente um 14,4 Prozent gemindert werden, wenn der Renteneintritt volle vier Jahre vor Erreichen der Regelaltersrente erfolgen soll.
Felix Schnellbacher weist darauf hin, dass bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze weiterhin Beiträge zur Rentenversicherung fällig werden, wenn parallel zum Altersrentenbezug gearbeitet wird. Diese Beiträge führen dann mit dem Erreichen der Regelaltersrente zu einer Erhöhung der Rente.

Zehn Prozent der Arbeitnehmer wollen bereits mit 60 in Rente gehen

Die meisten Menschen planen ihren Ruhestand langfristig. „Das Renteneintrittsalter von 65 Jahren ist für viele Bürger bei ihren privaten Altersvorsorgeplanungen weiterhin der dominierende Zeitpunkt.“ Zu diesem Schluss führen Auswertungen umfangreicher Datensätze, die gemeinsam vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) und dem Internet-Portal finanzen.de vorgenommen wurden. Rund ein Zehntel der Nutzer möchte sogar bereits mit 60 Jahren aufhören zu arbeiten, also deutlich früher, als es selbst unter Ausnutzung der Regeln für langjährig Versicherte in der gesetzlichen Rentenversicherung möglich ist.
Und manchem Arbeitnehmer fehlt die Kraft, bis auf den offiziellen Rentenbeginn zu warten. So gab es 2021 brandenburgweit 6.835 neue Erwerbsminderungsrentnerinnen und -rentner, davon 3.259 Männer und 3.576 Frauen. Der häufigste Grund waren nach Angaben der Rentenversicherung Berlin-Brandenburg psychische Störungen – also zum Beispiel bipolare Störungen, Depressionen oder Schizophrenie.
Zum Abschluss: Eine Umfrage der Bergischen Universität Wuppertal unter der Generation Babyboomer – das sind die Deutschen, die in den geburtenstarken Jahren von 1946 bis 1964 auf die Welt kamen – ergab, dass nur zehn Prozent bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten möchten. Die meisten wünschten sich vor allem „mehr freie Zeit“. Sehr viele meinen zudem, dass „irgendwann Schluss sein“ müsse.

Altersteilzeit in Brandenburg

Altersteilzeitarbeit liegt vor, wenn Arbeitnehmer das 55. Lebensjahr vollendet haben. Mit einer Vereinbarung mit ihrem Arbeitgeber, die sich zumindest auf die Zeit bis zu einem Anspruch auf Altersrente erstreckt, wird die Arbeitszeit auf die Hälfte der bisherigen wöchentlichen Arbeitszeit (im Blockmodell durchschnittlich) vermindert.
Am 31.12.2020 waren es 6.824 Brandenburgerinnen und Brandenburger, die Regelungen zur Altersteilzeit in Anspruch nahmen.
Eine Altersteilzeitarbeit sollte so gestaltet werden, dass nach dem Ende der Altersteilzeitarbeit ein Rentenanspruch besteht. Durch die Altersteilzeit verringert sich der Zuwachs der Rente im Vergleich zum bisherigen Beschäftigungsverhältnis (wegen des Teilzeit-Aspekts).